SRF erklärt Frauenfeindlichkeit zur Kunst

Es kommt sehr darauf an, wer sich abschätzig über Frauen äussert. Die Rapper gehören ganz offensichtlich zu denen, die das tun dürfen.

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Mit «80 Rapper*innen am Virus Bounce Cypher» war der Anlass auf der SRF-Website angekündigt worden. Was dann am vergangenen Donnerstagabend sechs Stunden lang im Studio von Radio Virus SRF über die Bühne ging, hatte mit Gender-Sternchen-Korrektheit mitunter nichts mehr zu tun.

Wie wenn sie nichts davon mitbekommen hätte, dass die Geschlechter-Debatte seit über zwei Jahren eines der dominierenden Themen ist, zeichnet sich die Rap-Szene immer noch durch einen reaktionären Umgang mit Frauen aus. Die heissen Schlampen. Sollen gefickt werden. Oder sind Prostituierte, denen man in die Nase uriniert.

Das klang in Tat und Wahrheit viel gröber, aber das sieht man bei SRF nicht so eng. Cypher-Moderator Pablo Vögtli sprach davon, «nie in die Kunst eingreifen zu wollen», der «Kontext» sei wichtig. Und Manuel Thalmann, Bereichsleiter Jugend bei SRF, erklärte, man wolle «der Kreativität der Rapperinnen und Rapper freien Lauf lassen».

«Der Kontext besteht darin, dass der weisse, alte, reiche Mann als Widerling so schön ins Weltbild passt.»

Sind also auch die Äusserungen von Antisemiten und Rassisten je nach «Kontext» weniger schlimm oder von denen, die Homosexuelle und Behinderte verhöhnen? Was ist «kreativ» daran, andere herabzusetzen, was daran «Kunst»?

Aber die Entwürdigung von Frauen ist eben immer relativ. Deshalb sorgt ein weisser, alter, reicher Mann, der sich damit brüstet, Frauen zwischen die Beine greifen zu können, für mehr Empörung als junge Rapper, die ihre Verachtung für die andere Hälfte der Bevölkerung in Form von Sprechgesang im gebührenfinanzierten Sender oder in besetzten Häusern herausschreien. Der Kontext besteht darin, dass der weisse, alte, reiche Mann als Widerling so schön ins Weltbild passt.

Echte Gleichberechtigung verlangt mehr als ein Gender-Sternchen. Es braucht, um im Kontext zu bleiben: Eier.



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Erstellt: 01.02.2020, 22:22 Uhr

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