Sanftmut von Mensch und Hund

Hunde haben einen Muskel entwickelt, um ihren Blick zu perfektionieren. Aber wer manipuliert hier wen?

Wer kann diesem Blick widerstehen? Ein Trick, den Hunde über Jahrtausende eingeübt haben. Foto: Lorne Chapman (Alamy Stock)

Wer kann diesem Blick widerstehen? Ein Trick, den Hunde über Jahrtausende eingeübt haben. Foto: Lorne Chapman (Alamy Stock)

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Eine ernüchternde Nachricht erreichte Hundebesitzer vor ein paar Tagen. Forscher haben herausgefunden, dass der herzige Hundeblick – grosse, runde Augen – nicht nur die Gefühle der Tiere ausdrückt, sondern ein evolutionärer Trick ist. Das Anheben der inneren Augenbraue lasse die Augen des Hundes grösser erscheinen, schreiben die Wissenschaftler von der University of Portsmouth. Dadurch wirke das Gesicht des Tieres kindlicher, ausserdem ähnle der Blick dem eines traurigen Menschen – was beides einen Fürsorgereflex auslöse. So weit, so clever. Doch die Vierbeiner manipulieren ihre Besitzer nicht nur per Augenaufschlag, sie haben dazu sogar einen speziellen Muskel entwickelt.

Die Forscher verglichen nämlich die Gesichtsmuskulatur von Hunden mit jenen von Wölfen. Resultat: Der Tonus ist weitgehend identisch – ausser im Bereich der Augen. Der Muskel, der die innere Augenbraue hebt, war bei den Hunden vorhanden, bei den Wölfen nicht. Weil Hunde und Wölfe dieselben Vorfahren haben, bedeutet das: Hunde haben innert 32'000 Jahren einen neuen Muskel entwickelt.

Die Forscher nehmen an, dass der Selektionsdruck während der Domestizierung die Gesichtsmuskulatur der Hunde verändert hat. Vermutlich haben Menschen Hunde bevorzugt, welche die Brauenbewegung beherrschten. Nach und nach hat sich das Merkmal dann festgesetzt. Dies legt auch eine Studie von 2013 nahe, die zeigte, dass Hunde in Tierheimen schneller vermittelt wurden, wenn sie häufiger ihre Brauen hochzogen.

Der Mensch scheint doch eine dominante Spezies zu sein

Das Rätsel um den Hundeblick ist gelöst. Wer seinen Wauwau nun enttäuscht ob so viel Berechnung ins Hundeheim zurückbringen will, dem sei gesagt, dass wahrscheinlich nicht nur Hunde diesen evolutionären Kniff draufhaben. Die Studienbefunde erinnern nämlich an die berühmte Frage von Michael Pollan: Wer manipuliert in der Züchtung eigentlich wen? Die Tulpe zum Beispiel, so der US-Publizist, protze mit Blütenpracht, und unser Hang zur Schönheit treibe uns dazu, ihre Zwiebeln immer wieder zu verteilen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch das Fuchs-Experiment. Vor ein paar Jahren gelang es russischen Züchtern zum ersten Mal, Füchse zu domestizieren. Dazu selektionierten sie über mehrere Generationen die sanftmütigsten Tiere und kreuzten sie. Mit der Verhaltensänderung ging auch eine körperliche Veränderung einher, die an Hunde erinnerte: hängende Ohren, mehrfarbiges Fell, kürzere Beine. Daraus, aber vor allem aus der Tatsache, dass die Domestizierung erfolgreich war, schlossen die Forscher: Auch die Hunde wurden von unseren Vorfahren über die Charaktereigenschaft der Sanftmütigkeit selektioniert – nicht etwa über die Sozialkompetenz. Letztere folgte offenbar automatisch.

Was sagt das über den Menschen aus? Zum einen, dass er offenbar eine dominante Spezies ist, mit der sich andere Lebewesen besser gut stellen. Doch gleichzeitig erscheint auch die menschliche Evolution in einem anderen Licht. Zwar wurde der Mensch von niemandem gezüchtet – oder doch? Denn was ist Evolution anderes als eine selektive Züchtung durch die Natur? Unterscheiden auch wir uns von unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen, durch die Fähigkeit, freundlich zu sein?

Sanftmut als menschlicher Selektionsvorteil: Das wäre wiederum eine ermutigende Nachricht.

Erstellt: 23.06.2019, 18:30 Uhr

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