Saul, der Samenspender

Ohne künstliche Befruchtung läuft in Schweineställen nichts mehr. Doch die Branche ist in der Krise. Die Preise sinken, und die Schweizer essen weniger Fleisch.

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Saul, der Eber, macht die Schweine von morgen. Darum wird Saul streng bewacht. In seinen Stall darf nur, wer eine Erlaubnis hat; wer sich vorher auszieht, duscht, frische Unterhosen und Übergewand anzieht. Mit gutem Grund: In Sauls Stall ist die gesamte Genetik der Schweizer Schweine versammelt – 180 Zuchteber, die besten ihrer Rasse. Kein Virus, kein Keim darf hier rein.

Saul ist 380 Kilo schwer und Samenspender. Er ist trainiert – andere sagen abgerichtet –, um auf einen Bock zu springen und dabei scharf zu werden. Es ist sieben Uhr, Saul hat Frühschicht.

Schweinefleisch ist das beliebteste Fleisch der Schweizer, von keinem anderen Tier wird in der Schweiz mehr gegessen. Doch die Branche hat ein Problem: Die Beliebtheit ihres Produkts sinkt. Im März hat Proviande ihre jährliche Statistik publiziert: Wieder haben die Schweizer weniger Schweinefleisch gegessen, wieder ist der Konsum um über ein Prozent gesunken. Im Jahr 1996 waren es noch 26 Kilo pro Kopf, heute sind es 22.

Zudem ist in der gleichen Zeit der Preis des Schweinefleisches gesunken, von einmal 5.70 pro Kilogramm 1996 auf aktuell 3.60 Franken. In den vergangenen 20 Jahren schrumpfte die Zahl der Betriebe von über 36'000 auf rund 6000. Und: Es droht noch schlimmer zu werden. Die Afrikanische Schweinepest ist bis an Deutschlands Grenze vorgestossen. Polen, Tschechien, Rumänien, Baltikum: Pestgebiet. Die Schweinepest in der Schweiz: ein Horrorszenario.

Das Absamen ist gefährlich

Saul trottet in die Box mit dem Phantomschwein, ein schwarzer Bock, 60 Zentimeter hoch, aus Plastik. Es braucht schon einige Fantasie, um darin eine Sau zu erkennen. Doch Saul spürt Unruhe in sich und springt auf. Der Absamtechniker stimuliert ihn, minutenlang dauert der Orgasmus. 3,4 Deziliter Sperma liefert Saul ab.

Das Fläschchen wird beschriftet, der Inhalt im Labor auf Brauchbarkeit kontrolliert und in einen Plastikbeutel verpackt. Der Angestellte sagt: «Manchmal kann es gefährlich werden, manchmal wird Saul aggressiv.» Dann heisst es für ihn: schnell raus aus der Box. Einmal war er zu langsam – er musste mit Quetschungen und Bisswunden ins Spital.

Zweimal pro Woche muss Saul arbeiten. Hopp auf den Bock. Auf Touren kommen. Zurück in die Box. Wie jetzt. Eine Stunde später ist sein Samen online bereits verkauft. 46 Portionen hat er heute geliefert, rund sieben Franken das Stück, sieben Tage haltbar.

«Rund 90 Prozent der Züchter sorgen heute künstlich für Nachwuchs.»Matteo Aepli, Suisag-Chef

Saul lebt im luzernischen Knutwil in der KB-Station der Firma Suisag. KB steht für künstliche Besamung. «Rund 90 Prozent der Züchter sorgen heute künstlich für Nachwuchs», sagt Suisag-Chef Matteo Aepli. Suisag ist der einzige Schweizer Schweinespermaproduzent. Und mitbetroffen von der Krise.

Aepli und seine Leute gewinnen und verteilen nicht nur das Erbgut von Schweinen, sie verbessern es auch mit gezielter Zucht. Die Suisag-Schweine sind pflegeleicht und resistent gegen bestimmte Krankheiten: Sie brauchen wenig Futter, um zu wachsen, und liefern das beste Schweinefleisch der Welt, heisst es. Oder wie kürzlich im «Schweizer Bauer» zu lesen war: «Das Schweizer Edelschwein ist die ruhigste und umgänglichste Sau in Europa.»

Die Schweinezucht ist also effizient geworden. Die Folge: Es kommt sehr viel Fleisch auf den Markt. Seit Jahren schon. Zusammen mit dem zurückgehenden Konsum ist das toxisch. Genauso die Reaktion vieler Bauern. Sie wollen die tiefen Preise mit noch mehr Menge kompensieren.

Aepli lernt Russisch

Selbst die Suisag spürt die Krise. 2017 hat sie in der Schweiz weniger Sperma verkauft als im Vorjahr. Dafür läuft das Geschäft mit dem Ausland. In diesen Tagen lernt Chef Aepli Russisch, er hat einen neuen Markt ausgemacht. Gross, lukrativ, interessiert: Russland.

Das Gegenteil von Saul, dem Samenspender, ist Muneli, der Hofeber, von Susanne Betscher im luzernischen Dagmarsellen. Muneli darf an die frische Luft, Saul nicht (die Viren, die Keime). Muneli hat Frauenkontakt, Saul nicht (die Viren, die Keime). Wobei, so frei ist auch Munelis Leben nicht. Er sieht meistens nur zu. Bäuerin Betscher befruchtet künstlich: «Der Muneli käme bei unseren 100 Säuen gar nicht nach, nach einem halben Jahr wäre er nicht mehr zu brauchen.» Schweinezucht ist ein Geschäft mit den Massen, die Industrie überfordert die Natur. Muneli ist der Lückenbüsser: Manchmal, immer dann, wenn Betscher übersehen hat, dass eine Sau geschlechtsreif ist, darf er ran.

«Jetzt habe ich sie entjungfert.»Susanne Betscher, Bäuerin

Betscher führt Sau Nummer 4925 nach draussen. Die Zahl verrät, ihr Leben ist zu kurz, um einen Namen zu bekommen. Muneli steht im Gatter nebenan, schnuppert an der Kollegin. Seine Anwesenheit sorgt dafür, dass die geschlechtsreife Nummer 4925 ruhig ist, dass sie meint, jetzt geschieht bald etwas.

Tatsächlich passiert etwas. Betscher führt ihr einen 50 Zentimeter langen Schlauch ein, an dessen Ende sie einen Spermabeutel der Suisag anfügt. Es ist für Nummer 4925 das erste Mal. Betscher gluckst: «Jetzt habe ich sie entjungfert.» Zehn weitere Male macht Betscher das an diesem Tag. Klappt alles, wie es soll, werfen Nummer 4925 und ihre zehn Kolleginnen in 115 Tagen je 13 bis 14 Ferkel. Gewöhnlich stirbt eines bei der Geburt, manchmal auch zwei. Die gängigsten Todesursachen: zu wenig Sauerstoff im Bauch oder von der Mutter erdrückt.

Panik vor der Schweinepest

Betscher mag die Schweine, sie tätschelt sie und spricht mit ihnen. Zum Metzger hat Betscher ein ambivalentes Verhältnis. «Muss ich sie in den Schlachthof geben, dann schlafe ich sehr schlecht.» Andererseits bringt das ihr den Zahltag – und ihr Mann ist: Metzger. Betschers Betrieb läuft ganz gut, weil sie auf ihrem Hof Ferkel zur Welt bringen lässt und sie auch gleich mästet – die ganze Wertschöpfungskette an einem Ort. Viele Schweinebauern können das nicht, viele sind schlicht zu klein dafür. Und: Betscher hat diversifiziert. Ihr Hof lebt ebenso vom Verkauf von Biogas und Kartoffeln. Denn auch sie sagt: «Der tiefe Kilopreis macht uns das Leben schwer.»

Und da ist diese Krankheit, über die man so viel Böses hört: die Schweinepest. «Sie macht Angst», sagt Betscher. Für den Menschen ist sie ungefährlich, für das Schwein tödlich. Innert Tagen verenden die Tiere qualvoll. Ist ein Schwein infiziert, müssen alle Tiere im Stall getötet und verbrannt werden. Der Ruin.

«Der tiefe Kilopreis macht uns das Leben schwer.»Susanne Betscher, Bäuerin

Wie blank die Nerven liegen, zeigt die europäische Bauernlobby. Sie hat einen Sünder ausgemacht: das Wildschwein. Der Deutsche Bauernverband hat den Abschuss von 70 Prozent der Wildschweine gefordert, Jungtiere inklusive. In Tschechien jagen Scharfschützen mit Nachtsichtgeräten die wilden Schweine. Polen spendiert Jägern Sonderurlaub, wenn sie auf Wildschweinjagd gehen. Dänemark macht die Südgrenze zu. Mit Zäunen. Zum Wohl seiner Schweine.

Dies alles, obschon nach Ansicht der Wissenschaftler die grösste Gefahr für die Einschleppung der Seuche weiterhin der Mensch ist. Nicht gegarte, kontaminierte Schweineprodukte können Erreger nach Westen tragen. Also hat Betscher Marek und Laszlo, ihren beiden tschechischen und slowakischen Mitarbeitern gesagt, sie sollen keine Lebensmittel in die Schweiz einführen.

Literweise Sperma

Die meisten Bauern kommen nicht nach Knutwil zur Suisag, um ihre künftigen Ferkel abzuholen. Die Suisag macht Hauslieferung. Heute fährt Marianne die Route durch das Luzerner Hinterland, im Kofferraum des Subaru: einige Liter Schweinesperma, abgefüllt in Beutel. So nennt Marianne sich nicht Köfferlimuni wie ihre Kollegen in der Kuhzucht, sondern Säulistorch.

Dreimal in der Woche liefert sie aus. Auf die Bauernhöfe, aber auch an die Landi-Läden und zu den Landmaschinenmechanikern – Bauerntreffpunkte. Sie deponiert die Fracht in Kühlboxen, desinfiziert sie und macht sich auf zum nächsten Hof, zur nächsten Landi. Obwohl sie den Bauern die Hand nicht schütteln darf (die Viren, die Keime), weiss sie, wer Ordnung auf dem Hof hat – und wer eine Sauordnung.

«Wenn das Fleisch zu wenig zart ist oder sonst Mängel hat, sortieren wir den Eber aus.»Matteo Aepli, Suisag-Chef

Das Schwein muss in unserer Sprache für vieles herhalten, selbst der Ruf des Fleischs ist unter aller Sau. Billig, fettig, minderwertig. Suisag-Chef Matteo Aepli kennt diese Vorurteile. «Wir wollen das mit unserer Arbeit ändern», sagt er. Die Suisag hat 4000 Prüftiere, sie werden geschlachtet, ihr Fleisch wird untersucht, die DNA analysiert. «Wenn das Fleisch zu wenig zart ist oder sonst Mängel hat, sortieren wir den Eber aus», sagt Aepli. Das Ziel: ein perfektes Schweinekotelett auf den Teller zu bekommen.

Der Neid ist gross

Säulistorch Marianne ist ebenfalls Kundin von Suisag, Mann und Sohn führen eine Schweinezucht. Sie hat ihnen einen Braten vorgekocht, selber wird sie es am Mittag nicht nach Hause schaffen. «100 Säue haben wir», sagt sie. Mehr will sie nicht verraten. Sie druckst herum. Dann sagt sie: «Der Neid unter den Bauern ist gross. Ich will nicht als Angeberin dastehen. Aber ja: Wir haben Glück gehabt, wir gehören zu jenen, denen es gut geht.» Damit es allen etwas besser geht, sollen die Bauern weniger produzieren, vier Säue pro Stall weniger decken pro Jahr, raten Experten. Schwierig in einer Branche, in der viele nur für sich schauen.

So wird Saul weiterhin allerhand zu tun haben. Macht er so weiter, dann wird er einmal Vater von 20'000 Ferkeln sein. Doch irgendwann fährt auch er zum Metzger. Nicht etwa, weil seine Samenqualität nachlässt, nein, Saul wird Arthrose bekommen vom steten Aufspringen. Sein Todesurteil.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 07.04.2018, 14:23 Uhr)

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