Schläge, Schreie, schnelle Messer

44 Jahre lang fuhr er Streife in Berlin-Kreuzberg und Neukölln – an über 5000 Festnahmen war er beteiligt. Wer ihm helfen sollte, behinderte ihn immer wieder.

«Die Gewalt hat enorm zugenommen, auch gegenüber Beamten»: Karlheinz Gaertner in seinem Revier. Foto: Oliver Gaertner

«Die Gewalt hat enorm zugenommen, auch gegenüber Beamten»: Karlheinz Gaertner in seinem Revier. Foto: Oliver Gaertner

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Steinern schaut Turnvater Jahn den ­Dealern bei der Arbeit zu. Seine Statue steht am Eingang zur Hasenheide, einem weitläufigen, schütter bewaldeten Gelände in Berlin-Neukölln, in dem Männer stehen, gehen, schauen, weitergehen, innehalten, zurückschauen, ins Handy reden, davoneilen, zurückkehren: lungern. Fast alle Süchtigen sind weiss, die meisten Dealer schwarz. Die Bleichen wollen, was die Dunklen haben: Kokain, Heroin, Haschisch. Beide treffen zwecks Abwicklung des Tagesgeschäfts aufeinander; Geld gegen Rausch.

Ortstermin mit Karlheinz Gaertner, einem 62-jährigen pensionierten Berliner Zivilfahnder. 44 Jahre lang war er auf Streife, hauptsächlich in Kreuzberg und Neukölln, zwei Bezirken mit fast einer halben Million Einwohnerinnen und Einwohnern. Jetzt hat er seine erlebten Geschichten zum Buch gebündelt. «Nachtstreife» heisst es und verspricht im Untertitel Einblicke «aus dem Leben eines Grossstadt-Polizisten». Der Polizist führt einen durch sein ehemaliges Revier. Die Hasenheide hat er als erste Station gewählt, stellvertretend für einiges, was in dieser Stadt falsch läuft. Gaertner kommentiert die Aufstellung auf dem Rasen mit einer Mischung aus Routine und Müdigkeit. «Hier sehen Sie die arabischen Dealer, hier die Schwarzafrikaner», sagt er. «Da steht der Aufpasser am Eingang, der achtet drauf, wer reinkommt. Da ist der Drogenhalter, der den Stoff verwaltet. Und da wartet der Abkassierer. Sehr professionell gemacht.» Passanten gehen vorbei, Gaertner grüsst sie nicht, weil er sie kennt: Kollegen auf Streife.

Die Mühe mit den Grünen

Drogenszenen gibt es in ganz Europa – auch Zürich hat seine Erfahrungen gemacht. Was will er einem zeigen? «Wir hatten Videokameras montiert und konnten nach einer Woche zwei Grossdealer verhaften.» Und? «Dann wurden die Kameras wieder entfernt: Datenschutz, hiess es.» Die grössten Behinderer einer wirksamen Verbrechensbekämpfung, findet der ehemalige Polizist, seien einige naive Kreuzberger Bezirksverordnete unter Leitung ihrer Bürgermeisterin Monika Herrmann. «Bei Frau Herrmann entsteht mitunter der Eindruck, dass die Polizisten die Bösen sind.»

Dazu gehört für ihn, dass die Politikerin die Polizei an der Räumung der ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Schule gehindert hat, die seit über zwei Jahren von über 200 Flüchtlingen besetzt wird. Immer wieder kam es auf dem Gelände zu Schlägereien; die Anwohner fühlten sich allein gelassen. Der nächste von vielen Aufrufen zur Räumung ist auf Donnerstag terminiert. Auf dem Gelände soll ein Flüchtlingszentrum entstehen.

Das Zögern der Grünen irritiert auch Linke wie den Journalisten Hannes Koch, langjähriger Redaktor der Berliner «Tageszeitung». Natürlich könne ein Stadtbezirk nicht die weltweite Flüchtlingspolitik regeln, sagt er, die Leute kämen ohnehin. Doch die grüne Bürgermeisterin habe «zu lange zugeschaut und das Problem ignoriert, statt sich konsequent zu verhalten». Konsequent meint für ihn: entweder sofort räumen, oder aber die Schule mit genügend Duschen, Sozialarbeitern und Sicherheitsleuten so auszustatten, dass die Flüchtlinge dort erträglich leben können. Ein Interview mit Bürgermeisterin Herrmann, nach wiederholter Anfrage zugesagt, wurde erst verschoben und kam dann nicht zustande.

Er ist nicht zimperlich

Berlin hat tendenziell grössere Probleme mit Drogen als andere Städte, besonders in Neukölln und Kreuzberg. Das Leben ist im deutschen Vergleich immer noch günstig, das zieht auch Kriminelle an, die in der Hasenheide oder im Görlitzer Park für wenige Euro pro Tag im Auftrag der Dealersyndikate Drogen verkaufen. Bei den Festnahmen erschrickt der Fahnder über den Nahkampf: «Die Gewalt hat enorm zugenommen, auch gegenüber Beamten. Die Dealer haben absolut keinen Respekt: Sie beschimpfen uns, das Messer sitzt locker.»

Er ist auch nicht zimperlich, das sagt er selber. Man sieht ihm den Kampf­sportler an, spürt seine Entschlossenheit, das zupackende Temperament. Karlheinz Gaertner war an über 5000 Festnahmen beteiligt. Er ist Drogendealern bis an die holländische Grenze gefolgt und hat sie bei der Rückkehr verhaftet. Er ist Dieben nachgerannt, hat Einbrecher gestellt, Ladendiebe, Apothekenplünderer, Schläger, Bandenchefs, Räuber. Er hat blutüberströmte Leichen gesehen und Fixerinnen aus Haut und Knochen. Er hat Verletzte geborgen, Schreie gehört, Schläge verteilt: «Ich hatte einen Schlüsselbeinbruch, mir wurde ins Gesicht geschlagen, aber ich bin immer mit dem Gefühl reingegangen, dass ich die Sache lösen kann.» Er ist kein ängstlicher Mensch und nie ernsthaft verletzt worden. Er ist froh, dass er nie schiessen musste. Aber Gewalt gehörte zu seinem Job, und den liebte er. «Einen anderen Berufswunsch hatte ich nie.»

Ein Macher von Beruf

Gaertner, als Sohn eines Kranführers und einer Erzieherin nach eigenen Angaben gutbürgerlich aufgewachsen – «relativ simpel war det» – , ist Vollberliner. Man hört es seinem Dialekt an, dem trockenen Humor, der systematischen Unaufgeregtheit.

In seinem Buch ist davon nichts zu spüren. Er nimmt den Leser mit auf Streife, hetzt von einem Tatort zum nächsten. Seine Prosa ist aufgeregt, die Wortwahl zupackend, die Handlung schnell. Reifen quietschen, Opfer schreien, Täter stechen, schlagen, rennen und erstarren im Scheinwerferlicht. Auf dem Titel schaut der Fahnder entschlossen im Dreiviertelprofil und in Lederjacke – die Handschellen griffbereit. Die Nähe zu den Ereignissen machen seine Erinnerungen glaubwürdig, stilistisch ist er ihrer Intensität nicht gewachsen. Er mag ein ausgezeichneter Polizist sein, kommt im Gespräch überaus sympathisch daher, sein Engagement wirkt aufrichtig, er kann auch differenzieren. Weder das Schreiben noch das Analysieren gehören zu seinen Stärken. Aber analysieren wollte er gar nicht, sondern aufzeigen: Karlheinz Gaertner ist Macher von Beruf.

Wir fahren vom Hermannplatz die arabische Meile ab, wie die Sonnenallee in Neukölln genannt wird. Der Berliner Senat hat Teile davon als «Gebiete mit besonderem Entwicklungsbedarf» bezeichnet. Das Verwaltungsdeutsch meint eine Gegend mit dem zweithöchsten Ausländeranteil und der höchsten Arbeitslosenquote Berlins. Neukölln ist aufregend und abgeklärt, wüst und wohnlich. Rassismus ortet Gaertner nicht nur bei den Deutschen, sondern auch unter den Ausländern selbst. «Meine Kollegen und ich haben es erlebt, dass arabische Clans Rumänen wie Dreck behandeln», sagt er. Afrikaner und Türken hassten einander, die Hackordnung sei brutal.

Er lenkt den Wagen durch eine ruhige Strasse, mit kleinen Läden. Auch das gibt es hier, Anzeichen einer fortschreitenden Gentrifizierung, die Kreuzberg längst ergriffen hat und jetzt Neukölln befriedet. Bald werden auch hier die Mieten steigen. Wir fahren am Campus der Rütlischule vorbei, die vor acht Jahren landesweit bekannt wurde. Die Lehrer hatten die Schliessung verlangt, weil sie sich von der Gewalt der Schüler bedroht fühlten. Die Schule wurde saniert und besser ausgestattet; heute ist sie begehrt.

Die Frau ohne Zähne

Von Neukölln geht es zurück nach Kreuzberg, Gaertner fährt die Urbanstrasse hoch, hält kurz an, zeigt auf ein Mehrfamilienhaus; hier habe er eine der schlimmsten Erfahrungen seines Berufslebens gemacht, sagt er. Bei einer Wohnungskontrolle traf er in einem abgedunkelten Raum eine ausgemergelte, mit Wunden übersäte Frau an, der sämtliche Zähne fehlten. Ein ägyptischer Dealer, der das Quartier terrorisierte, hatte sie als Sklavin gehalten. Gaertner wollte ihn verhaften, unbedingt, aber der Mann entkam. Der Glaube an das Gute sei ihm dort zwischenzeitig abhandengekommen, sagt er.

Natürlich wolle er keinen Polizeistaat; die Bürger sollten sich nicht alles gefallen lassen. Was er aber nicht einkriege: Wie schwer ihm und seinen Kollegen die Arbeit von denen gemacht werde, die ihn doch unterstützen sollten. Zum Beispiel das Rechtssystem, dem es häufig genug nicht gelinge, Kriminelle angemessen lange wegzusperren. Mit Bitterkeit spricht Gaertner von einigen arabischen Grossfamilien, «durch und durch kriminell seit drei Generationen», die sich über Diebstahl, Einbrüche und Drogenhandel in die Wirtschaftskriminalität hochdeliktieren. «Die leben in Wohnungen und fahren Autos, da träumt der Kaiser davon.» Und käme einmal einer vor Gericht, könne er sich die teuersten Anwälte leisten.

Immer auf Streife

Das ist jetzt der Thilo-Sarrazin-Sound, wonach sich Deutschland zu wenig gegen seine Zuwanderer wehrt, die ihrerseits das Gastland nicht respektieren. Nur hat dasselbe auch eine Jugendrichterin gesagt und geschrieben, mit der sich Gaertner besonders verstand. Kirsten Heisig, landesweit bekannt geworden mit ihrem Buch «Das Ende der Geduld», hatte in Neukölln das Instrument von Schnellstrafen eingeführt, um die Abfolge von Gewalt, Respektlosigkeit und Verwahrlosung zu stoppen, wie sie sich ausdrückte. Ihre Methode wird seit vier Jahren in ganz Berlin eingesetzt. Die Richterin und zweifache Mutter wurde im Juli 2010 in einem Waldstück erhängt aufgefunden. Die Behörden sprachen von Selbstmord, der Befund wird bis heute angezweifelt, weil ein ersichtliches Motiv fehlt. «Sie war eine bemerkenswerte Frau», sagt der ehemalige Polizist über die ehemalige Richterin.

Nach mehreren Stunden Reden, Widersprechen, Gehen und Fahren hört die Tatortbegehung auf, wo sie angefangen hat: vor dem Kaufhaus Karstadt am Hermannplatz. Ob seine Frau und seine Söhne nicht froh seien, fragt man den Fahnder a. D., dass er endlich in Rente gegangen sei? Schon, gibt er zurück; nur könne er keinen Supermarkt betreten, ohne sofort zu prüfen, ob etwas am Laufen sei. Er hat schon mehrmals Ladendiebe festgehalten und die Kollegen gerufen. Karlheinz Gaertner hat zu arbeiten aufgehört – nur der Fahnder in ihm hat es nicht gemerkt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.03.2015, 23:43 Uhr

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Karlheinz Gaertner: «Nachtstreife. Aus dem Leben eines Grossstadt-Polizisten.» Zürich, Orell Füssli 2015, 256 S., 19.90 Fr.

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