«Schlaf ist ein Ärgernis für die Dauerkonsumkultur»

Jonathan Crary sagt, dass inaktive Zeit eine wichtige, aber bedrohte Ressource sei. Und fordert deshalb ein Umdenken der Gesellschaft.

Gefährdete Nachtruhe: «Nutzlose Zeitintervalle kommen unter Druck», sagt Kunstprofessor und Autor Jonathan Crary. Foto: Zoonar

Gefährdete Nachtruhe: «Nutzlose Zeitintervalle kommen unter Druck», sagt Kunstprofessor und Autor Jonathan Crary. Foto: Zoonar

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Beim deutschen Autobauer Daimler können ­Mitarbeiter in den Ferien eingehende E-Mails automatisch löschen lassen. So sollen sie nie in ­Versuchung geraten, die Erholung zu ­unterbrechen. Eine gute Idee?
Das sind oberflächliche Bewältigungsstrategien. In Amerika entdecken manche Firmen gerade die Mode der «Mindfulness»: Kaderleute meditieren – um sich besser auf ihre Arbeit konzentrieren zu können. Doch ist das palliativ: Prekäre Lebensumstände sollen etwas länger ertragen werden können. Das stimmt mich nicht optimistisch. Zudem bleiben solche Managementinitiativen beschränkt auf wenige: Man kann «Räume der Stille» einrichten oder den E-Mail-Fluss unterbinden, und lokal mag das einen Effekt haben. Gesamthaft muss es scheitern.

Weshalb?
Die Zwänge der elektronischen Kommunikation erobern alle Bereiche unseres Lebens. Und damit schrumpfen die Zeiträume, in denen weder Arbeit, Konsum noch Marketing betrieben wird. Das ist die 24/7-Gesellschaft.

Nennen Sie mir ein Beispiel?
Die Schulzeit: Sie war lange weitgehend frei von den Forderungen des Marktes. Wenn Kinder und Jugendliche im Klassenzimmer sassen, verdiente niemand Geld damit. Das ändert sich mit dem Vormarsch der Ausbildungssoftwares und dem Ersetzen von Lehrern durch Onlinestudiengänge. Neu können kommerzielle Unternehmen während der Schulzeit etwa Nutzerdaten sammeln, jeden einzelnen Tastenklick der Kinder speichern, ab der ersten Klasse. Sie sagen: Damit werden wir noch bessere Software herstellen können. Aber natürlich sind solche Big-Data-Profile auch Produkte und Geld wert, etwa im Bereich der personalisierten Werbung.

Aber es gibt doch weiterhin konsumfreie Offlinephasen?
Stimmt, die Zeit des Schlafs etwa. Aus ihr kann kein nennenswerter monetärer Gewinn gezogen werden. Schlaf ist unproduktiv und passiv – und deshalb ein echtes Ärgernis für die Dauerkonsumkultur des Spätkapitalismus. Wiewohl es auch hier Erosionserscheinungen gibt: Biomonitoringgeräte etwa, mit welchen im Schlaf Informationen über unsere Körper und unseren Gesundheitszustand erhoben und aufgezeichnet werden können: Atem, Herzrhythmus und so weiter. Dank solchen Hand­gelenk­gadgets komplettieren wir unser digitales Profil auch schlafend. Auch diese Zeit scheint nicht länger sicher.

Fast herrscht auch beim Schlaf der Leistungsdruck: Wir sollen «effizienter» schlafen, rascher regenerieren, die Schlafzeit nutzen.
Das scheinen mir die Sorgen einer sehr dünnen, wohlhabenden Schicht. Deutlich mehr Menschen sorgen sich nicht um die Optimierung ihrer Ruhephasen, sondern um die Ruhe an sich.

Niemand aber wird den Schlaf abschaffen können. Oder?
Solche Bemühungen gibt es. Die US-Rüstung arbeitet am dauernd wachen Soldaten. Und aus militärischen Innovationen wird bekanntlich rasch Lifestyle-Realität. Die Gefährdung des Schlafs ist real und in einem 24/7-Marktplatz auch unvermeidlich. Die Logik des Systems fordert es. Nutzlose Zeitintervalle kommen unter Druck.

Der Zeitgeist sagt: Schlafen kann ich, wenn ich tot bin. Wer im Bett liegt, verpasst Aufregendes.
Das Marketing sagt das, ja. Schlaf sei für alte Leute, wir sollten lieber ständig wach sein und erleben. Es darf keine Pause geben im Dasein als Konsument. Doch diese Maxime blendet die schädigenden, ja tödlichen Prozesse aus, die mit der Verkürzung und Streichung der Ruhephasen einhergehen.

Sie meinen gesundheitliche Schäden durch Schlafentzug?
Schlaf ist ja nur ein Bild. Mir geht es grundsätzlich um das Wegfallen inaktiver Zeit. Das betrifft auch die Ausbeutung natürlicher Ressourcen oder die Landwirtschaft, wo unablässig ökologische wie menschliche Bedürfnisse nach Ruherhythmen aufgehoben und verletzt werden. Wir erleben eine Bioderegulierung. Deregulierung betrifft nicht länger nur den Finanzplatz.

Was ist so verwerflich an Daueraktivität?
Sie ist nicht nachhaltig. Das wird besonders deutlich im Umweltbereich, wo sich die konstante Ausbeutung zerstörerisch auswirkt. Aber sie birgt auch soziale Probleme.

Weil wir abgelenkt sind, nicht mehr präsent im Moment?
Zum Beispiel. Es gibt den Begriff der Aufmerksamkeitswirtschaft. Eric Schmidt von Google verwendet ihn. Demnach werden die erfolgreichen Firmen des 21. Jahrhunderts jene sein, die Aufmerksamkeit und Zeit der Konsumenten an sich binden. Unsere Ablenkung ist also das erklärte Ziel grosser Unternehmen. Sie machen unsere Aufmerksamkeit doppelt zu Geld: Einerseits werden Produkte verkauft, andererseits Nutzerdaten gesammelt, die dann wieder verkauft werden können. Die Leute regen sich auf über die NSA, aber die viel tiefer reichende Datenabschöpfung durch kommerzielle Anbieter ist ihnen ganz egal.

Viele Nutzer sind überzeugt, ­sie ­hätten nichts zu verbergen.
Hannah Arendt glaubte, dass politische Menschen einen Rückzugsort brauchen, um ein öffentliches Leben führen zu können. Neben dem hell ausgeleuchteten öffentlichen Platz ist ein privater, dunkler Ort nötig. Wenn es diesen Erholungsraum nicht mehr gibt, sinkt der Wert dessen, was ein Einzelner der Gemeinschaft geben kann. Manche Leute tun Arendt als Nostalgikerin ab, die noch immer von der griechischen Welt der Agora träumt. Ich denke, dass ihre Texte in hohem Masse relevant bleiben.

Aber auch im permanenten Onlinezustand geschieht noch Politik. Die Proteste des Arabischen Frühlings werden oft mit der Verbreitung neuer Technologien erklärt.
Natürlich kann Kommunikationstechnologie politisch genutzt werden. Das geschah auch früher: Während einer Revolution wird eben verwendet, was zur Hand ist. Doch es wäre falsch, der Technologie selber revolutionären Charakter zu attestieren. Wer behauptet, der Arabische Frühling wäre nicht geschehen ohne die neuen sozialen Medien, liegt falsch. Es ist absurd und gefährlich, den Medien solche Kraft zuzusprechen.

Immerhin: Moderne Technologie engt nicht nur ein, sondern kann auch befreien.
Die Frage ist, wie offen diese Technologien sind, wie neutral. Ich glaube, die sozialen Netzwerke mit ihren ausgefeilten Verhaltensdesigns sind etwas grundsätzlich anderes als das Telefon. Das Telefon war ein relativ neutrales System, soziale Medien jedoch kann man nie völlig frei und für alles nutzen. Dort hat es immer einen Administrator. Und es muss immer um Selbstwerdung, Egoprofile und Abgrenzung gehen. Die Vorstellung, man könne diese Technologie plötzlich für den Aufbau von Gruppen oder Gemeinschaft nutzen, die sich nicht diesen Zwängen unterwerfen, ist eine Illusion.

Keine subversive Umnutzung? Keine neuen digitalen Stämme?
Ich schrieb mein Buch «24/7» noch unter dem Eindruck der Occupy-Wall-Street-Bewegung. Dort hatte sich gezeigt, dass die neue Solidarität flüchtiger war, als viele gehofft hatten.

Wie sehr ist die 24/7-Gesellschaft ein Produkt Amerikas?
Sie hat die USA heute stärker im Griff als andere Staaten. Wahrscheinlich identifizieren sich Amerikaner mehr als andere mit den Mythen der Produktivität. Es gibt hier weniger Widerstand gegen die Forderung nach Nonstoparbeit und Nonstopshopping. In Europa gibt es da mehr Hindernisse – alte Kulturgewohnheiten, die nicht ganz so leicht aus dem Weg geräumt werden können. Aber der Druck nimmt weltweit zu.

Grundbedürfnisse, schreiben Sie, würden rund um die Uhr mit Waren und Dienstleistungen befriedigt – Hunger, Durst, sexuelle Lust, sogar das Bedürfnis nach Freundschaft. Ist eine solche Entwicklung auch beim Schlaf denkbar?
Es klingt nach Science-Fiction, aber in gewisser Weise sind wir schon so weit. Der Markt für pharmazeutische Schlafhilfen ist riesig. Ebenso gross ist der ergänzende Markt für Mittel, die uns während der Wachzeit härter arbeiten lassen. Das wird immer mehr zum tödlichen Kreislauf der Abhängigkeiten.

John Lennon blieb im Bett. Könnte Schlaf vielleicht eine Form des Konsumprotests werden, ­sozusagen der Verweigerung?
Ich glaube nicht, dass Schlaf politisch ­relevant sein kann. Unser Wachsein muss sich ändern: Solange wir unsere Identität als Konsumenten nicht radikal infrage stellen, bleiben wir gefangen. In der 24/7-Gesellschaft herrscht der Glaube an unendliches Wachstum in der endlichen Welt. Das wird aufhören. Vielleicht früher, als man denkt: In 40 oder 50 Jahren?

Endzeit? Ist das nicht etwas einfach?
Einfach ist die Vorstellung, dass es weitergeht. Mich stört an der gegenwärtigen Debatte über technologische Innovation vor allem der ewige Refrain, dass diese Technologien bleiben werden. Es heisst, wir müssten uns eben daran gewöhnen, die Technik verschwinde nicht wieder. Nonsens! Sie wird nicht bleiben. Unsere Gegenwart ist deutlich weniger stabil, als wir uns das denken. Die Infrastruktur für ewiges Twittern und Facebooken ist nicht gegeben.

Wollen Sie denn wie Rousseau zurück zur Natur, in eine Welt ohne Flutlicht und Handywecker?
Ich glaube nicht, dass Rousseau buchstäblich zurück zur Natur wollte. Aber das Problem ist doch: Es ist derzeit verboten, überhaupt über eine alternative Verwendung von Kommunikationstechnologie nachzudenken. Was im Moment herrscht, soll schon alles sein, was möglich ist. Es herrscht eine Art Denkprohibition, die alle Ideen für eine Technologiekultur erstickt, die nicht völlig dem Markt und dem Zu-Geld-Machen jedes ­Lebensaspekts verschrieben ist.

Ihr Buch ist gedruckt worden. Das heisst doch, Dissens ist möglich.
Schon, aber denken Sie nicht, dass es in US-Massenmedien besprochen würde.

Wenn ich nicht warten mag, bis sich das System selbst aufhängt, sondern meine Schlaf- und Rückzugszeit heute verteidigen will: Was tun? Ausstöpseln und auf den Pilgerweg?
Sie meinen als Einzelperson? Da gibt es keinen Rat. Wir müssen uns als Gemeinschaft über unsere wahren Bedürfnisse klar werden und entsprechend neue Lebensweisen finden. Wir müssen aufhören, Dinge zu kaufen, nur weil uns jemand sagt, wir bräuchten sie. Wir müssen die Rolle des Konsumenten ablehnen, die so zentral für unsere Identität geworden ist. Wir kommunizieren zu oft nicht mehr mit Worten und Inhalten, sondern mit Produkten, die wir kaufen und tragen. Und solange das gilt, werden wir nirgendwohin kommen.

Erstellt: 18.09.2014, 07:25 Uhr

Jonathan Crary

Jonathan Crary, geboren 1951, ist Professor für ­Moderne Kunst und Theorie an der Columbia-Universität in New York. In früheren Werken befasste er sich mit dem Sehen («Techniques of the Observer», 1990) und der Aufmerksamkeit («Suspensions of Perception», 2000). Sein aktuelles Buch «24/7 – Schlaflos im Spätkapitalismus» erscheint am Freitag beim Wagenbach-Verlag auf Deutsch. Es spürt dem Verlust der Ruhephasen in einer pausenlos konsumierenden Gesellschaft nach: Unser Schlaf sei gefährdet, wenn Handys sich nicht mehr ausschalten liessen, die Ausleuchtung der Dunkelheit voranschreite oder Parkbänke so designt würden, dass Obdachlose nicht mehr darauf nächtigen könnten. Crary versteht Schlaf als Sinnbild für unproduktive Lebensbereiche, die nicht kommerziell verwertet werden können und deshalb unter Druck geraten. Der Essay ist zuweilen etwas finster, in seiner Ideenfülle jedoch stets anregend. (dhe)

Das Buch: Leseprobe

Jonathan Crary: 24/7 – Schlaflos im Spätkapitalismus. Wagenbach-Verlag 2014, 112 S., ca. 18 Fr.

Für eine Leseprobe auf das Cover klicken.

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