Hintergrund

Schmerztabletten gegen Liebeskummer?

Was Paracetamol mit gebrochenen Herzen zu tun hat und warum wir nicht nur selber schuld sind, wenn die Beziehung kentert: Die Forschung beschert uns ein unerwartetes Erkenntnishoch in Sachen Liebe.

Perfektion fühlt sich atemberaubend an, ist aber nicht immer vorgesehen: Szene aus der Liebeskomödie «Love Actually». (2003)

Perfektion fühlt sich atemberaubend an, ist aber nicht immer vorgesehen: Szene aus der Liebeskomödie «Love Actually». (2003)

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Natürlich ist Liebeskummer ein privates psychologisches Desaster und eine Welterschütterung. Aber es ist nicht nur das. Dass die Katastrophe, vor allem die gerade selbst erlebte, gemeinhin als persönliches Versagen gilt, bekommt nun von allen Seiten Gegenargumente. Genauso wie wir natürlich unseres Glückes Schmied sind, aber eben nicht ganz allein dafür verantwortlich, gibt es selbst zum Scheitern der Liebe mehr als bloss gute Tipps zur Rekonvaleszenz.

Gerade jetzt zum Frühsommer der Verliebtheit kommen zum Liebeskummer interessante Einsichten ans Licht. Eben hat der Physiker, Hollywood-Drehbuchautor und Co-Autor von Stephen Hawking («A Briefer History of Time», «The Grand Design»), Leonard Mlodinow, Untersuchungen aus der Neurowissenschaft vorgestellt, die «sozialen Schmerz» mit physischem Schmerz vergleichen. Dabei zeigte sich vor allem: Alleinsein schützt vor Schmerz nicht, zu gross ist die positive Wirkung der sozialen Zugehörigkeit. (Lesen Sie auch: «10 Warnsignale dafür, dass eine Partnerschaft bald Schiffbruch erleidet».)

Glück und Einsamkeit

Gute Gesellschaft verheisst nicht nur ein längeres Leben, sie schützt auch gegen Anfeindungen von aussen. Der Autor führt dazu unter anderem eine Studie von 1950 an, in der Studenten, denen schmerzhafte Elektroschocks angekündigt wurden, eher die Gesellschaft von anderen suchten (63 Prozent) als eine zweite Gruppe von Studenten, denen die Behandlung als nicht schmerzhaft beschrieben worden war (33 Prozent). Erstere, heisst es da, hätten Gruppen zur gegenseitigen Unterstützung gebildet. Und zwar aus «natürlichem Instinkt».

Wer abgewiesen wird, erfährt Schmerz. Auch das belegt der Autor in einem Auszug aus seinem neuen Band «Subliminal: How Your Unconcious Mind Rules Your Behaviour» mit einer Untersuchung und einer interessanten Schlussfolgerung. Studenten ertrugen eine (ausgeklügelt inszenierte) Situation sozialer Ausgrenzung besser, wenn sie Schmerzmittel genommen hatten. Zwei simple Schmerzmittel, hier Tylenol, «reduzierten die neurologische Reaktion» auf soziale Abweisung.

Auch aus Sicht der Biopsychologie spricht vieles für das soziale Glück. Nur für lange Beziehungen ist die Natur offensichtlich nicht eingerichtet. «Zu zweit ist es einfacher, glücklich zu werden», behauptete Wissenschafter und Liebesforscher Peter Walschburger neulich im «Spiegel»-Interview: Biologisch sei es von Vorteil, vier bis fünf Jahre zusammenzubleiben, bis die Kinder auf eigenen Beinen stünden, meint er in einer etwas ehrgeizigen Rechenart. Längere Verbindungen sehe die Natur aber nicht vor. Aus dem Widerspruch zwischen Zweisamkeitsglück und biologischer Vorsehung und vor allem aus der Einsicht, dass nicht Biologie allein das Leben bestimmt, folgert er: «In einer Gesellschaft, in der es keinen existenziellen Druck für lebenslange Monogamie gibt, werden aber neue Formen wichtiger wie offene Beziehungen oder serielle Monogamie.» (Lesen Sie auch: «Hauptsache, der Kerl zeigt Gefühle»)

Macht und Sex

Liebesschmerz hat also auch mit überlebten Rollenbildern, mit der Diskussion um Hornbrillen und berufstätige Eltern zu tun, damit, wie «gute» Ehepartner auszusehen haben und aufgebrochene Familienstrukturen. Die bekannte Soziologin Eva Illouz an der Hebräischen Universität von Jerusalem hat den Liebesschmerz untersucht, und auch sie schlägt ein Überdenken vor. In einem zeitgemässen Bild von «echten» Männern will sie etwa «Autonomie und Fürsorge» neu definieren, Verletzlichkeit und Leidenschaft zusammenkommen lassen. Frauen wiederum empfiehlt sie, Kinderwunsch und romantische Liebe voneinander zu trennen, wenn beides nicht mit einem Partner zu erfüllen ist. In einem Interview sagt sie: «Wenn ihr Kinder wollt, bekommt sie allein oder in einer Gemeinschaft mit anderen Frauen, die ebenfalls Kinder wollen. Oder mit Männern, die Kinder wollen, aber nicht eure Partner sind. Es braucht keine traditionelle Familienstruktur, um Kinder aufzuziehen.» (Lesen Sie auch: «Die Kündigung an den Mann».)

Letzten Herbst hat Illouz die Diskussion mit ihrem Band «Warum Liebe weh tut» neu angefacht. Geprägt von Freuds These, dass unser Liebesleben von frühen Erfahrungen geprägt ist, habe es sich eingebürgert, dass Liebeselend im «Grossen und Ganzen unvermeidlich und selbst verschuldet» sei. Illouz, die Soziologin, zeigt vielmehr die gesellschaftlichen Aspekte dazu auf.

Liebe und Ökonomie

Wie Marx es mit den Waren gemacht hat, will sie nun schildern, wie die Liebe und ihre Machtspiele von gesellschaftlichen Verhältnissen «geformt und hervorgebracht» werde. Ihre These will nicht den Schmerz leugnen, aber die Angst davor bändigen. Sie beobachtet, wie erotisches Verlangen und sozialer Status zusammenhängen und sogar Attraktivität zum Kriterium der sozialen Einordnung wird. Sie erkennt eine grosse Freiheit der Partnerwahl und gleichzeitig die Unfähigkeit, damit umzugehen. Sie sieht, wie wir in der «Geschichte der Freiheit» sie erst erlangt, dann uns mit ihr schwergetan haben, um jetzt «sogar zum Recht, nicht zu wählen, vorangeschritten» zu sein.

Was heute in Beziehungen zähle, seien erotisches Kapital (Lesen Sie auch: «In die eigene Schönheit investieren»), sexuelle Attraktivität und Erfahrung, «Gefühle gelten nur mehr als lästige, hinderliche Randelemente». Ausserdem: «Die unterschiedliche Sexualität von Männern und Frauen ist ein Spiegel ihrer sozialen Stellung.» In umgekehrter Rollenverteilung – Frauen in Machtpositionen, Männer mit Kindererziehung und Haushalt betraut – würde sich auch der Wunsch nach einer stabilen monogamen Beziehung von der Frau auf den Mann verschieben.

Die These mag überspitzt klingen, denn wären Gefühle tatsächlich bloss noch Randelemente, wer würde da Rollenbilder diskutierten. Anderseits: Auch wenn Soziologie den Schiffbruch in Liebesdingen nicht verhindern kann, ist Illouz' Sichtweise auf die gesellschaftlichen Bedingungen der Liebe möglicherweise aufschlussreicher als der psychologische Blick ins vom Schmerz getroffene Innere, wo zumindest dann meist Chaos herrscht. Jedenfalls schlägt die Wissenschaft selbst beim Thema Liebesschmerz neue Beziehungs- und Familienmuster vor, derweil es ganz so aussieht, als ob sich die traditionelle Zweisamkeit hält. Aber vielleicht ist es ja tatsächlich ein Anfang.

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Erstellt: 15.06.2012, 11:22 Uhr

«Es braucht keine traditionelle Familienstruktur, um Kinder aufzuziehen»: Soziologin Eva Illouz.

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