Schneller und schlauer als alle Experten

Der Brite Eliot Higgins bloggte sich zum Waffenspezialisten. Nun gründet er eine Bürgerplattform für Recherchen.

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Von aussen wirkt sein Leben so spannend wie Teegebäck. Jeden Morgen füttert Eliot Higgins erst einmal sein Töchterchen mit lauwarmem Brei. Den Rest des Tages verbringt er mit dem Laptop auf einer sandfarbenen Couch. Higgins (35), arbeitslos, wohnhaft in Leicester, könnte ein gewöhnlicher Engländer der Mittelklasse sein. Wäre da nicht Brown Moses.

Der Blogger mit dem sonderbaren Pseudonym hat sich den Ruf erworben, schneller, gründlicher, cleverer als jeder Journalist über Bombardierungen und neu aufgetauchte Waffen im Syrienkrieg zu berichten. «Wer ist dieser Brown Moses?», fragten sich Sicherheitsexperten. Ein Geheimdienstler? Ein syrischer Insider? Dann outete sich: Eliot Higgins, ein bleicher Engländer ohne Arabischkenntnisse.

Mit der Energie eines Besessenen

Er hat die Energie eines Besessenen und die Spitzfindigkeit eines Finanzprüfers. Er filtert das Material Tausender Youtube-Kanäle, vergleicht die Waffen in den Aufnahmen mit Herstellerinformationen, verfolgt Seriennummern. So hat er nachgezeichnet, wie Waffen aus dem Balkankrieg über Saudiarabien und Jordanien zu den syrischen Rebellen gelangten. Er machte damit Schlagzeilen in der «New York Times». Und er war wesentlich am Bericht von Human Rights Watch über die Cluster-Bomben des Assad-Regimes beteiligt. Der «New Yorker» nennt ihn einen «unverzichtbaren Analysten des Krieges».

Täglich analysiert er 300 verwackelte Videos voller schreiender Verletzter und einstürzender Gebäude. Daneben spielt Tochter Ela mit der Rassel oder guckt Minnie Mouse. Es ist die Arbeitsweise, die Higgins schneller macht als alle anderen. Statt Informationen für sich zu behalten, teilt er sie mit seinen Lesern über Social Media – und die danken es mit mehr Informationen. Higgins liegt selten falsch. Er legt sein gesamtes Quellenmaterial offen, erklärt Bild für Bild, wie er zu einem Befund kommt. «Die etablierten Medien sind unter Druck und werden von Informationen überflutet. Es ist erstaunlich, wie viel Videomaterial, das im Zusammenhang mit dem aktuellen Gazakonflikt aufgetaucht ist, eigentlich aus Syrien stammt», erklärt er über Skype. «Es braucht Leute, die genau hinschauen.»

«Investigative Bürgerjournalisten»

Deshalb gründet Higgins jetzt «Bellingcat»: eine Rechercheplattform für «investigative Bürgerjournalisten». Die Community, die um Brown Moses entstanden ist, besteht aus Ärzten, Ingenieuren, Hausfrauen. Diese will Higgins auf «Bellingcat» in Recherche schulen und einsetzen. Tausende von Augenpaaren sollen Millionen von Satellitenbildern durchsuchen, um beispielsweise die Abschussstelle von Giftgasraketen zu orten.

Über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter will er jetzt innert eines Monats 70'000 Franken sammeln. Später soll das Projekt über Sponsoren und Kooperationen mit etablierten Medien finanziert werden. Ein Teil der Website wird eine Weiterbildungs­plattform für interessierte Bürger sein. Ob sich da viele finden? «Glauben Sie mir», sagt Higgins, «es gibt viele Besessene da draussen, die ihre Energie in etwas Produktiveres umwandeln könnten.»

Der Name «Bellingcat» entstammt übrigens einer englischen Fabel, in der eine Gruppe von Mäusen einer Katze eine Glocke umbinden will, damit diese sie in Zukunft alarmiert. Ein unmögliches Unterfangen? Nicht für Brown Moses.

Erstellt: 21.07.2014, 09:09 Uhr

Eliot Higgins

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