Hintergrund

Schweizer Supersafe in Singapur

Der Singapore Freeport lässt Fort Knox, die amerikanische Goldfestung, alt aussehen. Schweizer haben den Megabunker gebaut.

Uneinnehmbare Festung: Der Freeport in Singapur.

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Bei Tageslicht sieht das Gebäude wie einer unter vielen Dienstleistungsbetrieben aus, die sich entlang der Piste 3 des Singapurer Flughafens Changi reihen. Einzig der manikürte Rasen und die menschenleere Zufahrt fallen auf. Doch wenn die Nacht einbricht, erstrahlt die netzartige Hülle des Baus in Grün. Es ist das Werk der Lichtkünstlerin Johanna Grawunder.

Eine Skulptur von Ron Arad, einst das Prunkstück einer Ausstellung im Moma New York, dominiert die Lobby. «Käfig ohne Grenzen» heisst die 38 Meter lange und 30 Tonnen schwere Wabenstruktur. Bevor man zu dem futuristischen Glanzstück vordringt, wird man aber in einer Kapsel durchleuchtet – mit erhobenen Armen, damit ja nichts verborgen bleibt. The Singapore Freeport ist eine riesige Schatzkammer mit dicken Stahlwänden und -türen, die nur mittels Passcode und Fingerabdruck-Scan zu öffnen sind. Vibrationsdetektoren machen das Ganze selbst für Meisterdiebe praktisch unknackbar.

Die Anlage gilt nicht nur als sicher wie Fort Knox und als schönster Tresor der Welt. Das Gebäude, in dem die Temperatur bei 20 Grad und die Luftfeuchtigkeit bei 55 Prozent gehalten wird, besticht auch ökologisch. Sonnenkollektoren, Isolationshülle und Recycling-Kreislauf helfen, den Energieverbrauch im tropischen Klima möglichst klein zu halten.

Vorbild ist Genf

Gebaut wurde der Singapurer Vorzeigebunker von Schweizer Architekten, Ingenieuren und Sicherheitsexperten im Auftrag von Yves Bouvier, dem Chef von Natural Le Coultre. Die hoch spezialisierte Logistikfirma hat das Genfer Zollfreilager, 1888 für Getreide eingerichtet, zu dem gemacht, was es heute ist: das wahrscheinlich grösste Kunstlager der Welt.

Die Ports Francs et Entrepôts de Genève SA sieht im Gegensatz zum Singapurer Renommierbau unansehnlich aus, enthält laut Experten aber Werke im Wert von schätzungsweise 100 Milliarden Franken (TA vom 21. Dezember). Private Ausstellungsräume machen das Zollfreilager zur «besten Alternative zum eigenen Museum», so die Eigenwerbung. Allein die Kunsthändlerdynastie Nahmad hat Dutzende von Picassos in Genf gelagert. Ein Teil der exquisiten Sammlung wurde 2011/2012 im Kunsthaus Zürich gezeigt.

Das Konzept des fiskalischen Niemandslandes ist attraktiv für Luxusgüter aller Art, zumal den finanzkräftigen Sammlern ähnliche Sicherheit und Vertraulichkeit wie im Private Banking zugesichert werden. So finden sich heute zehn Zollfreilager über unser Land verstreut, eines auch in Zürich. Und nun ist das Schweizer Modell exportiert worden: nach Singapur.

Nachfrage explodierte 2008

«Das Projekt geht auf die Jahrtausendwende zurück», erinnert sich Tony Reynard, der Verwaltungsratspräsident des Singapore Freeport. «Der Kunstmarkt hatte in kurzer Zeit massiv an Grösse zugelegt und sich – wie so vieles andere – Richtung Osten verschoben.» Darum habe man sich in Asien nach einem geeigneten Standort für eine Zollfreilager-Filiale umgesehen. Singapur bot sich als Umschlagplatz mit hoher Rechtssicherheit an. Der Zufall wollte es, dass die tatkräftige Regierung die Finanzindustrie und den Kulturbetrieb gerade als Wachstumssektoren identifiziert hatte. «Die Freeport-Idee kam wie gerufen: Die Singapurer Gesetze wurden im Handstreich dahin gehend umgeschrieben, dass die Import- und Mehrwertsteuer ausgesetzt und der Handel innerhalb des Zollfreilagers erlaubt wurde.»

Der Bunker befand sich im Bau, als die Finanzkrise 2008 ausbrach. «Die Leute trauten den Banken und ihren Zertifikaten plötzlich nicht mehr», sagt Reynard. «Die Nachfrage nach Gold- und Silberbarren und nach Tresorraum zu deren Lagerung explodierte, praktisch über Nacht.» Der Grundriss wurde umgehend angepasst, um mehr Edelmetall unterbringen zu können. Kurz nach der Eröffnung war der 25'000 Quadratmeter grosse Supersafe schon ausgebucht.

Geldwäscherei-Experte Mark Pieth von der Universität Basel steht dem Geschäftsmodell kritisch gegenüber: Zwar würden die ein- und ausgehenden Wertgegenstände von Zöllnern geprüft. Aber es fehle den Zollbehörden an internationaler Koordination, die illegale Transaktionen verunmögliche. Der britische «Economist» wurde unlängst deutlicher: Unter dem Titel «Überlagerhäuser für die Ultrareichen» kritisierte das Wirtschaftsmagazin, Zollfreilager zögen Kleptokraten an – und würden kaum Steuereinnahmen abwerfen.

Tony Reynard weist den pauschalen Vorwurf in Bezug auf den Singapore Freeport zurück: «Die Gesetze zur Bekämpfung der Geldwäscherei sind in Singapur – im Gegensatz etwa zu Hongkong – strikt und werden von uns auch strikt angewandt.» Alles, was über eine der sechs Laderampen vom Flugfeld in den Freeport komme, werde gescannt und inventarisiert. Diesen Papierpfad könnten die Behörden jederzeit überprüfen. «Aber es gibt keinen Grund, warum der Inhalt meines Hauses öffentlich sein sollte.» Und nur halb im Scherz fügt der drahtige Walliser an: «Das Schlimmste, was uns passieren kann, sind offene Türen.»

Gold wandert nach Asien

Bekannt sind die Namen der eingemieteten Unternehmen, die Lagerraum und Dienstleistungen im Freeport anbieten. Neben dem Kunstspezialisten Christie’s und dem Weinhändler Stamford Cellars sind dies Logistikfirmen wie Malca-Amit. Das Familienunternehmen transportiert 60 Prozent aller Diamanten weltweit und beherbergt in seinen Räumen im Freeport unter anderem die Singapore Diamond Investment Exchange.

«Dieser Markt ist 2008 total zusammengebrochen», erklärt Generalmanager Joshua Rotbart. «Darum haben wir den Fokus neu auf Edelmetalle ausgerichtet, was den Transport wie auch die Lagerung betrifft.» Zudem habe man den Hauptsitz von London nach Hongkong verlegt.

«Liefer- und Abholservice überall auf der Welt» steht am Eingang der beengten Büroräume. «Wir sind so etwas wie Fedex für sehr Wertvolles und unterhalten weltweit 75 Niederlassungen», sagt der schlaksige 39-Jährige. Liefervolumen von fünf Kilo bis fünf Tonnen Gold seien Alltag. Das sei auf zwei Trends zurückzuführen. «Erstens: Immer mehr Menschen realisieren den Unterschied zwischen Gold in der Hand und Gold nur auf dem Papier, das über 90 Prozent des weltweiten Handels ausmacht. Zweitens: Es findet eine Verschiebung des Edelmetalls nach Asien statt.» Der Preis? «50 Kilo von Zürich nach Singapur zu schaffen, kostet nicht mehr als 2000 US-Dollar.» Und die Lagerung? «Bei Gold betragen die Lagergebühren typischerweise jährlich 0,1 bis 0,2 Prozent des Werts. Bei Silber, weil der Wert eines Barrens kleiner ist, natürlich mehr.»

Malca-Amit hat einen Grossteil der Tresorräume im Keller des Freeport gepachtet – und vermietet diese an Finanzinstitute wie die UBS und die Deutsche Bank und sogenannte High Net Worth Individuals weiter. Hinter einer der tonnenschweren Zugangstüren, die vom Headoffice in Hongkong elektronisch überwacht werden, stehen Käfige voller 34 Kilogramm schwerer Silberbarren, die schwarz angelaufen sind, und Palette, auf denen sich versiegelte Monsterboxen mit jeweils 500 Goldmünzen, verpackt in gelbe Plastiksäcke, türmen. Es sieht aus wie in einem Industrielager, Gabelstapler inklusive.

«Hunderttausende von Gegenständen führen wir hier im Inventar», sagt Joshua Rotbart. «Wir haben unsere Kapazitätsgrenze im Singapore Freeport praktisch erreicht. Und dabei stehen wir erst am Anfang der Entwicklung, was die Nachfrage anbelangt.»

Aussteiger aus Finanzsystem

Gregor Gregersen arbeitete als Analyst für die Commerzbank in Singapur und befand sich zufällig in Frankfurt, als die Finanzkrise losbrach. Da kam er auf die Idee, ein Kilogramm Silber zur persönlichen Absicherung zu erstehen. Zwölf Finanzinstitute klapperte er vergebens ab, bevor die Europäische Zentralbank (EZB) oder vielmehr deren Geschenkladen ihm weiterhalf und innerhalb zweier Tage einen Barren organisierte. «Ich zahlte 19 Prozent Mehrwertsteuer in Deutschland und 7 Prozent Importsteuer in Singapur» – und ihm war klar, welchem Geschäft er in Zukunft nachgehen würde.

Die silberne Visitenkarte stellt Gregersen als Gründer und Chef von Silverbullion vor, einer Edelmetall-Handelsfirma, die keine Eintrittshürde von mehreren Hunderttausend Franken wie die Privatbanken kennt. Sie residiert im dritten Stock von Certis Cisco, der Festung der bewaffneten Singapurer Hilfspolizei unweit der U-Bahn-Station Paya Lebar, was es dem Chef erlaubt, mit dem Rucksack zur Arbeit zu pendeln. «Die Regierung hat im letzten Oktober die Umsatzsteuer für Gold- und Silbertransaktionen gestrichen. Was Edelmetall anbelangt, bringt der Freeport hier keinen Steuervorteil mehr», erklärt der 37-jährige Unternehmer.

Im internationalen Vergleich gibt es dafür jetzt umso mehr Gründe, Gold- und Silbergeschäfte in Singapur zu tätigen. Seine Kunden beschreibt Gregersen als Leute wie er, die am internationalen Finanzsystem zweifelten. Eher Aussteiger denn Steuerflüchtlinge; Leute aus aller Welt, die Angst vor Zuständen wie 1933 hätten, als private Vermögenswerte verstaatlicht worden seien. «Der typische Edelmetallanleger weiss um all die Manipulationen des Marktes und sucht höchstmögliche Sicherheit davor. Zum Beispiel, indem er sein Vermögen nur bei Firmen anlegt, die null Tätigkeiten und Risiken in den USA haben.» Vier von zehn Kunden nähmen das gekaufte Gold und Silber nach Hause – trotzdem sei die Lagerkapazität bei Certis Cisco langsam ausgeschöpft. Er plant denn auch bereits, zusammen mit der Hilfspolizei ein weiteres Panzergebäude zu eröffnen.

Konkurrenz für die Schweiz

Die politischen Unwägbarkeiten in China, Indien und den meisten anderen Staaten Asiens tragen zur Beliebtheit des Schweizer Modells bei. Alle hegen sie Expansionspläne. Der Singapore Freeport will seine Lagerfläche verdoppeln. Ein weiteres Zollfreilager in Luxemburg ist im Bau. Verhandlungen mit der chinesischen Regierung, eine zollfreie Kunstplattform erst in Peking und dann in anderen Städten zu eröffnen, laufen seit längerem. Ohne Streichung der abschreckend hohen Steuern werde es in China aber keinen interessanten Kunstmarkt geben, sagt Reynard. Malca-Amit hat soeben ein Goldlager in Shanghai eröffnet, weitere sind geplant.

Singapur möchte seinen Anteil am globalen Goldgeschäft, das heute weitgehend in Schweizer Händen liegt, innerhalb eines Jahrzehnts von 2 auf 15 Prozent steigern. Ein ambitiöses Ziel, aber kein unrealistisches, wenn man die Entwicklung im Private Banking anschaut. Laut der Monetary Authority of Singapore wurden im Inselstaat 2012 umgerechnet gut 1150 Milliarden Franken verwaltet. Das waren zwar erst zwei Fünftel der 2800 Milliarden Franken in der Schweiz, entspricht aber einer Verzehnfachung seit der Jahrtausendwende. Neun von zehn Kunden stammten aus Asien. Der Wealth-Insight-Report prophezeit, dass Singapur die Schweiz bis 2020 als führendes Vermögenszentrum ablösen wird.

Immerhin sind die Schweizer Banken auch in diesem Geschäft vorn mit dabei, sieben Tage die Woche, rund um die Uhr. Die UBS und die CS beschäftigen in Singapur mehrere Tausend Angestellte. Und die Schweizer Nationalbank hat im Sommer ihre erste Aussenstelle im Inselstaat eröffnet mit dem erklärten Ziel, die Risiken besser zu verteilen.

Erstellt: 08.01.2014, 07:30 Uhr

Der Bunker in Grün: Eine Installation der Künstlerin Johanna Grawunder lässt den Freeport nachts erstrahlen. (Bild: PD)

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