Schweizer einbürgern

Ein fiktives Gespräch über die erleichterte Einbürgerung.

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Matur-Abschluss-Party

Rhea: Francesca, komm jetzt, stoss endlich mit uns an! Huch, jetzt hab ich alles ausgeleert ... Egal, komm tanzen!

Francesca: Nein, lieber nicht.

Rhea: Komm, komm, komm! Wir haben es geschafft!

Francesca: Nein, bitte lass mich.

Rhea: Du willst nicht feiern?

Francesca: Schon, aber ...

Rhea: Kein Aber! Kapierst du nicht? Wir sind frei, libre, liberal! Wir können jetzt studieren gehen, wo wir wollen, nach Zürich, nach Bern, London, New York! Oder erst mal ein Auslandsjahr in Südamerika, Südafrika, Südkorea?

Francesca: Du bist komplett betrunken.

Rhea: Kapierst du nicht, so frei sind wir nie wieder. Nie wieder Schule!

Francesca: Das ist ja auch schön ...

Rhea: Wo willst du hin? Was ist dein Traum, Francesca? Sag schon, kommst du mit mir nach Berlin zum Englischlernen?

Francesca: Ich kann hier nicht weg, Rhea.

Rhea: Deine Eltern?

Francesca: Die Schweiz.

Rhea: Die Schweiz?

Francesca: Ich muss noch zwei Jahre hier wohnen bleiben, dann habe ich endlich genug Jahre in einer Gemeinde zusammen und kann mich einbürgern lassen.

Rhea: Hä, ich dachte, du bist Schweizerin?

Francesca: Das dachte ich auch. Aber meine Grosseltern waren Italos, meine Eltern Secondos und ich bin, ich bin ...

Rhea: Migrantin mit Schweizer Hintergrund?

Francesca: Ich bin hier geboren.

Rhea: Ausländer mit Immigrationshintergrund?

Francesca: Ich fühl mich als Schweizerin.

Rhea: Wir sind doch in diesem postfaktischen Zeitalter. Ob du dich als Schweizerin fühlst oder eine bist, ist total egal!

Francesca: Ich spreche besser Schweizerdeutsch als Italienisch.

Rhea: Na und? Mit deinem EU-Pass kannst du kostenlos in Paris studieren, und mich kostet das ein Vermögen.

Francesca: Ich will aber Schweizerin sein. Ich will Schweizerin sein, wenn ich in Italien bin, wenn ich eine Wohnung suche, eine Weltreise mache, wenn ich mich über die Schweiz ärgere, wenn ich einen Job suche, wenn ich den Abstimmungssonntag verpenne. Ich will dann einfach Schweizerin sein.

Rhea: Bleib doch hier angemeldet und fahr trotzdem mit nach Berlin!

Francesca: Spinnst du? Wenn das rauskommt, stimmen alle bei der Gemeindeversammlung gegen mich.

Rhea: Die Gemeinde bestimmt, ob du Schweizerin wirst?

Francesca: Ja, unsere Lehrer, die Verkäuferin, die Nachbarn, alle, auch du.

Rhea: Ich stimme für dich!

Francesca: Du schon, aber in einer Gemeinde in Luzern wurde jetzt die Einbürgerung einer Frau verhindert, weil die SVP auf ein Flugblatt schrieb, dass sie «Männerbesuche» habe, keiner «ordentlichen Tätigkeit» nachgehe und «sehr viel Alkohol» trinke. Kapierst du? Wenn ich heut so viel saufe wie du, kann ich den Schweizer Pass vergessen. Und in einer Basler Gemeinde wurde eine Familie nicht eingebürgert, weil sie manchmal in Trainerhosen aus dem Haus gehen und nicht grüssen. Alles, was ich tue, kann gegen mich verwendet werden.

Rhea: Ach, du Scheisse, was machen wir jetzt? Sofort Drinks?

Francesca: Am 12. Februar gibts eine Abstimmung über die erleichterte Einbürgerung der dritten Generation. Wenn die durchkommt, könnt ich sofort einen Antrag stellen und nicht die Gemeinde würde über mich entscheiden, sondern der Bund nach sachlichen Kriterien.

Rhea: Okay, weckst du mich am 12. Februar?

Francesca: Klar, aber ich kann ja nicht die ganze Schweiz wecken ...

Rhea: Wenn alle erfahren, dass extrem viel junge Schweizer eigentlich Ausländer sind, dann stimmen alle dafür. So, und jetzt nimmst du sofort einen Drink.

Francesca: Na gut, gibts auch Alpenbitter? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.01.2017, 17:19 Uhr

Laura de Weck

Die Autorin und Schauspielerin wechselt sich als Kolumnistin mit dem Politgeografen Michael Hermann und dem ehemaligen Preisüberwacher Rudolf Strahm ab.

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