Sektierer auf dem Vormarsch

Immer mehr Menschen in der Schweiz haben Probleme mit Sekten. Dies zeigen neue Zahlen einer Beratungsstelle. Am meisten Anfragen betreffen drei bekannte Religionsgemeinschaften.

Theokratische Organisation: Bezirkskongress der Zeugen Jehovas im Letzigrund. (Archivbild)

Theokratische Organisation: Bezirkskongress der Zeugen Jehovas im Letzigrund. (Archivbild) Bild: Eddy Risch/Keystone

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Die Sektenberatungsstelle Infosekta hat sich im vergangenen Jahr erneut mit mehr Anfragen auseinandergesetzt als in den Vorjahren. Auskunft erbeten wurde vor allem zu den Gruppierungen Scientology, Zeugen Jehovas und ICF (International Christian Fellowship). Die Zahl der erstmaligen Anfragen nahm um 21 Prozent zu.

Infosekta verzeichnete 987 Erstkontakte. Dies entspricht einer Zunahme um 21 Prozent. Zusammen mit 1068 Folgekontakten (+14 Prozent) waren dies 2055 Beratungskontakte, wie Zahlen des Jahresberichts zeigen:

Mehr als 2000 Beratungskontakte: Übersicht über die Entwicklung der Anfragen. Grafik: Infosekta (16. April 2015)

87 Prozent der Anfragen kamen aus der Deutschschweiz, 11 Prozent aus dem Ausland. Aus der französischen und italienischen Schweiz seien nur wenige Anfragen gekommen, heisst es.

Drei von vier Beratungsanfragen kamen von Privatpersonen, die übrigen von verschiedensten Institutionen wie soziale Dienste, Jugendpsychiatrische Dienste, Schulbehörden, Jugendämter und dergleichen.

In fast drei Viertel der Anfragen ging es um konkrete Gruppen. 32 Prozent der Rat Suchenden sorgten sich um Angehörige oder sonst nahestehende Personen, die in den Einflussbereich einer Sekte geraten waren. Zwei Prozent der Anrufe kamen von aktiven Mitgliedern einer Gruppierung, fünf Prozent von Ehemaligen.

Viele Parallelen

Laut Jahresbericht nehmen seit Jahren zwei Gruppierungen die Spitzenplätze in der Infosekta-Anfragestatistik ein: Scientology, der in der Schweiz noch 800 bis 900 Mitglieder angehören, und die grosse Gemeinschaft der Zeugen Jehovas mit rund 19'000 Mitgliedern in der Schweiz:

Meiste Anfragen zu Zeugen Jehovas: Übersicht über die Anzahl Anfrage pro Gruppe. Grafik: Infosekta (16. April 2015)

Die beiden Gruppen hätten bei allen Unterschieden gewisse Parallelen, schreibt die Beratungsstelle: Beide fokussierten auf einen künftigen idealen Zustand, beide wollten möglichst viele Menschen für ihre Doktrin gewinnen, beide missachteten die Bedürfnisse und Rechte von Kindern, und beide forderten von ihren Mitgliedern absoluten Gehorsam.

Gruss-Verbot gegenüber Familienmitgliedern

Scientology etwa verlange, den Kontakt zu Personen – auch nächsten Angehörigen – abzubrechen, wenn diese der Organisation oder der Lehre kritisch gegenüberstehen. Zeugen Jehovas werden angehalten, Glaubens-Abtrünnige, die aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wurden, nicht einmal mehr zu grüssen. Auch dies betrifft laut Infosekta selbst Partner und Familienmitglieder.

Zusätzlich zu den direkten Anfragen verzeichnete die Beratungsstelle auch mehr als 33'200 Besuche auf ihrer Webseite und 172'650 Seitenaufrufe. Am beliebtesten seien Texte zu Evangelikalismus und zu evangelikalen Gemeinschaften. Häufig gesucht würden unter anderem auch Beiträge zu esoterischen Anbietern sowie Informationen zu den Stichworten «Ausstieg» und «Angehörige». (pst/sda)

Erstellt: 16.04.2015, 14:11 Uhr

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