«Selbstlosigkeit ist uns Menschen angeboren»

Der Anthropologe Michael Tomasello sagt, dass gegenseitige Hilfe und Zusammenarbeit eine urmenschliche Eigenschaft sei, die ihn von den Menschenaffen unterscheide.

Egoismus als vorherrschende Motivation: Der Schimpanse unterscheidet sich vom Menschen laut Michael Tomasello nicht nur durch die fehlende Sprache.

Egoismus als vorherrschende Motivation: Der Schimpanse unterscheidet sich vom Menschen laut Michael Tomasello nicht nur durch die fehlende Sprache. Bild: Keystone

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Herr Tomasello, Ihre frohe Weihnachtsbotschaft ist, dass der Mensch dafür geschaffen ist, mit anderen zusammenzuarbeiten. Er sei selbstlos und hilfsbereit und dies von frühesten Kindesbeinen an. Ist das glaubhaft?
Menschen arbeiten in vielen Dingen sehr stark zusammen. Wir haben einen angeborenen Altruismus in uns. Wir organisieren Symposien, leben in grossen Städten zusammen, wir bauen zusammen Hochhäuser und vernetzen uns im Internet und töten uns gegenseitig nicht allzu oft, wenn auch manchmal. Die angeborene Fähigkeit zur Kooperation ist das, was uns im Wesentlichen von unseren nächsten Verwandten, den Menschenaffen, unterscheidet.

Bonus-Gier und rücksichtslose Selbstsucht im Wirtschaftsleben legen eher nahe, dass auch im Menschen ein Biest wohnt . . .
Natürlich treiben Menschen unterschiedliche Motivationen an. Selbst wenn jemand einem anderen hilft, tut er das meistens nicht nur aus altruistischen, sondern auch aus egoistischen Motiven heraus. Aber beim Menschen spielen altruistische Beweggründe immer eine wichtige Rolle. Bei Schimpansen dagegen sind die egoistischen Anteile der Motivation meistens vorherrschend.

Macht nicht die Sprache den Menschen zum Kulturwesen?
Die Sprache ist natürlich für den Menschen sehr wichtig. Aber meiner Meinung nach ist das nicht der richtige Vergleich, um das Wesen des Menschseins zu erfassen. Es wäre, wie wenn man die Fähigkeit der Menschen, Wolkenkratzer zu bauen, mit der Tatsache vergleichen würde, dass Schimpansen nicht mal Hütten haben. Der Unterschied ist zu gross. Aussagekräftiger ist die Bedeutung von Gesten, insbesondere von Hinweisgesten. Diese könnten das Verbindungsglied zwischen der Kommunikation der Menschenaffen und der Sprache, wie wir sie benutzen, sein.

Inwiefern?
Das Aufeinander-Zeigen ist einzigartig für die Menschen. Menschenaffen tun das nicht. Wir haben nun die Gesten von kleinen Kindern und Menschenaffen verglichen. Das Interessante dabei war, dass die Gesten der kleinen Kinder schon viele Eigenarten zeigen, die die Menschenaffen nicht haben. Und die meisten dieser Eigenarten haben einen Zusammenhang mit der Kooperation.

Sie haben selber ein sechs Monate altes Baby. Es gibt doch kein egoistischeres Wesen als ein Kleinkind.
In diesem Alter sind die Kinder wirklich noch sehr egoistisch. Sie möchten die Milch, wenn sie sie brauchen, und nehmen keine Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer Menschen. Irgendwann zwischen neun Monaten und einem Jahr beginnen Kinder jedoch schon, die Sicht anderer Personen zu übernehmen. Das bedeutet nicht, dass der Egoismus völlig verschwindet, es bedeutet nur, dass altruistische Motive dazukommen.

Wie zeigt sich das?
Wir konnten in Experimenten zeigen, dass schon kleine Kinder einen Gegenstand aufheben und der Person zurückgeben, die ihn fallen gelassen hat, selbst wenn ihnen diese wildfremd ist. Die Kinder beginnen also bereits im Alter von wenig mehr als einem Jahr zu helfen, wenn auch noch in geringem Ausmass.

Könnte diese Kooperation unter den Menschen nicht auch erlernt sein?
Mit Sicherheit. Es gibt zum Beispiel Kulturen, in denen alle immer zusammen kochen, in anderen macht das einer allein. Das sind kulturelle Unterschiede, an denen wir sehen, dass auch die Kooperation zum Teil erlernt ist. Angeboren ist jedoch die Fähigkeit zusammenzuarbeiten.

Wie hat sich diese Fähigkeit zur Kooperation beim Menschen entwickelt?
In der Entwicklung der Menschen entstand plötzlich eine Situation, in der wir zusammenarbeiten mussten, um an Nahrung zu kommen. Unsere Vorfahren schlossen sich zusammen, um grosse Tiere zu erlegen, und sie kümmerten sich zusammen um ihre Kinder. Dadurch entstand eine Situation, in der Individuen, die gut zusammenarbeiten konnten, einen evolutionären Vorteil hatten. Egoistische Individuen hatten dagegen plötzlich keine Partner mehr. Leute, die nach einer Jagd alles für sich behielten, wurden schlicht nicht mehr auf die nächste Jagd mitgenommen. Die schlechten Zusammenarbeiter wurden ausgeschlossen, sie konnten sich nicht mehr vermehren.

Unsere Vorfahren lernten freiwillig, ihre Beute zu teilen?
Natürlich. Es gehört zu den Grundannahmen der Evolutionstheorie, dass das Individuum und seine Interessen nicht zu Schaden kommen. Aber Kooperation und Altruismus sind tatsächlich ein Mysterium, das evolutionär schwierig zu erklären ist.

Der egoistische Teil unseres Wesens ist also einfach zu erklären, der altruistische umso schwieriger.
Genau. Ich gebe Ihnen ein aktuelleres Beispiel: In einem idealen Unternehmen profitieren alle. Sie haben einen idealen Arbeitgeber, der die Arbeitnehmer fair behandelt und gute Produkte an den Konsumenten verkauft. Oft spielt es natürlich nicht so, und Sie haben einen Unternehmer, der gierig ist und seine Mitarbeiter schlecht behandelt. Doch für diesen Fall haben wir Gesetze und soziale Normen, die garantieren, dass sich ein solcher Unternehmer einen schlechten Ruf einhandelt. Die Reputation funktioniert auch heute noch hervorragend als Verstärker von kooperativem Verhalten.

Ist ein Unternehmer altruistischer, wenn man ihn so zwingt, sich anständig zu benehmen?
Nein. Aber ich glaube, es ist falsch, wenn man die Motivation für eine gute Handlung nur in der Sorge um den guten Ruf sieht. Wir dürfen den altruistischen Anteil nicht einfach vergessen, nur weil wir hinter einer Aktion auch ein egoistisches Motiv finden.

Es gibt auch Menschen, die notorisch unkooperativ sind – Kriminelle oder Soziopathen.
Eigentlich müssten solche Menschen tatsächlich einen grossen Nachteil haben, weil sie nicht geliebt werden und letztlich aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Soziopathen oder Psychopathen haben vermutlich die spezielle Fähigkeit, ihre Unkooperativität zu verstecken.

Trotzdem sind sie noch nicht ausgestorben.
Die meisten evolutionären Eigenschaften treten mit einer grossen Verteilung über einen Mittelwert auf. Am einen Ende haben Sie Menschen wie Mutter Teresa, die fast hyperkooperativ sind – und auf der anderen Seite die Soziopathen. Einige davon werden ihre Eigenschaften erlernt haben, bei anderen kann sie auch angeboren sein. Das wird es immer geben.

Was nützen Ihre Forschungen?
Meine Arbeit hat natürlich keine direkte Auswirkung, es ist Grundlagenforschung. Aber je besser wir das Wesen der menschlichen Zusammenarbeit verstehen, umso einfacher können wir Institutionen und Unternehmen so konstruieren, dass es eine faire Verteilung der Benefits für alle gibt.

Sie sind ein Forscherstar und ragen unter Ihresgleichen hervor. Man könnte Sie ein Alphatier nennen.
Ich glaube nicht an Celebrity-Science.

Sie haben viel geforscht, haben Bestseller geschrieben und erhalten reihenweise Forschungspreise. Was machen Sie besser als andere?
Ich suche die Öffentlichkeit nicht, aber es ist ein Teil der Arbeit. Die stärkste Motivation für uns Forscher ist aber der Ruf, den wir unter Kollegen geniessen, und der misst sich in Zitationen unserer Artikel. Im Idealfall werden Sie viel zitiert, wenn Sie gute Arbeit machen.

Muss man in der Realität nicht auch für eine Forscherkarriere sehr egoistisch sein?
Die Forschung unterscheidet sich da nicht von anderen Branchen. Aber Sie müssen auch kooperativ sein, um Erfolg zu haben, schliessen Freundschaften mit Menschen, die sie später unterstützen, sie betreiben Networking und so weiter. Wenn darunter Mitglieder einer Preisjury sind, kann es natürlich sein, dass sie einmal einen Preis erhalten. Aber das ist doch in den seltensten Fällen der wahre Grund, wieso Sie diese Zusammenarbeit suchen. Wir sind kooperativ, weil wir die Wissenschaft voranbringen wollen.

Erstellt: 22.12.2011, 07:06 Uhr

«Ich glaube nicht an Celebrity-Science»: Der Anthropologe Michael Tomasello will vor allem mit seiner Forschung von sich reden machen. (Bild: PD)

Preisgekrönter Forscher

Der 61-jährige amerikanische Anthropologe und Entwicklungspsychologe Michael Tomasello forscht seit 25 Jahren mit Schimpansen. Seit 1998 ist er Co-Direktor des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Er gilt als einer der einflussreichsten Forscher in der vergleichenden Anthropologie. Tomasello fokussiert in seinen Arbeiten bewusst auf die Unterschiede zwischen Mensch und Schimpanse, etwa im Bereich des Spracherwerbs oder der Kooperation. Damit widersetzt er sich dem Trend der letzten Jahrzehnte, in dem unsere Gemeinsamkeiten mit den Menschenaffen hervorgehoben werden, etwa bezüglich der Fähigkeit zu Emotionen oder beim Werkzeuggebrauch. Tomasello ist Autor vieler Sachbücher und wurde dieses Jahr mit dem Forschungspreis der Jacobs-Foundation ausgezeichnet, der mit einer Million Franken dotiert ist. (mma)

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