Sex im Alter: Reden hilft

Was kann man tun, damit die Freude an der Sexualität bis ins hohe Alter bleibt? Die Soziologin Ruth Westheimer rät: Sich Fantasien hingeben – diese aber vielleicht besser für sich behalten. Und mehr über Sex reden.

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Frau Westheimer, Ihr aktuelles Buch dreht sich um ein Tabuthema – Sexualität im Alter.
Dr. Ruth Westheimer: In Bezug auf dieses Thema muss sich die Einstellung in der Gesellschaft noch gewaltig ändern. Das Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Sexualität hört ja nicht einfach auf, nur weil man das 70. Lebensjahr überschritten hat. Es muss endlich akzeptiert werden, dass auch ältere Leute sexuell aktiv sind. Dazu möchte ich mit meinem Buch einen Beitrag leisten.

Sie machen sogar Mut, indem Sie schreiben, dass viele erst den besten Sex ihres Leben haben, nachdem sie die 50, 60 oder 70 überschritten haben.
Damit ist allerdings weniger die Stärke des Orgasmus oder der Ejakulation gemeint, sondern dass man sich mit den Jahren immer mehr am gemeinsamen Beisammensein erfreut. Die Partner wissen dann einfach besser, was dem anderen gut tut und was ihn befriedigt. Beide können sich nach einer gewissen Anzahl von Jahren aufeinander verlassen, dass sie jeweils für den anderen das Beste wollen.

Was ändert sich denn mit zunehmendem Alter?
Bei Frauen kommt es während und nach den Wechseljahren auf Grund von Östrogenmangel oft zu einer Trockenheit der Scheide. Sie sollten dann beim Verkehr eine Salbe benützen. Denn wenn die Sache erst einmal anfängt weh zu tun, hört man damit auf. Männer bekommen mit zunehmendem Alter keine psychogenen Erektionen mehr, ein visueller Reiz reicht nicht mehr aus, damit sich der Penis versteift. Er muss berührt werden, damit eine Reaktion erfolgt. Wenn ein älteres Paar darüber aber nicht Bescheid weiss, ist das Unglück vorprogrammiert. Nach einem Misserfolg ist er beim nächsten Versuch garantiert gestresst. Und sie lässt ihn dann vielleicht lieber in Ruhe, um ihm eine weitere Demütigung zu ersparen, denn das männliche Sexualbewusstsein ist sehr fragil. Es ist wichtig, dass beide über diese Dinge reden.

Vielen – gerade älteren Leuten – fällt es schwer, sexuelle Dinge anzusprechen.
Sie sollten es aber tun. Es hilft. Allerdings nicht im Bett, das würde nur noch mehr die Freude an der Lust minimieren. Bei einem Spaziergang könnte man vorsichtig darüber reden. Oder sie könnten sich Zettel oder Briefe schreiben. Kritik sollte man aber stets vermeiden.

Woran liegt es, dass bei vielen Paaren mit der Zeit die Lust abhanden kommt?
Das hat viele Gründe. Oft schleicht sich mit der Zeit eine gewisse Müdigkeit ein. Dabei würde es vielen Paaren schon helfen, wenn sie öfter einmal morgens miteinander schlafen würden, denn zu diesem Zeitpunkt ist der Testosteronspiegel beim Mann am höchsten. Viele lassen sich gehen.

Da sprechen Sie einen wichtigen Punkt an. Wir alle werden täglich in den Medien mit unerreichbaren Schönheitsidealen konfrontiert. Da fällt es nicht unbedingt leicht, sich mit einem älter werdenden Körper anzufreunden. Inwieweit steht bei vielen Älteren ein negatives Selbstbild einer erfüllten Sexualität im Weg?
Diese Bilder von perfekten nackten Körpern von 20-Jährigen, die uns im Kino, im Fernsehen und in der Presse um die Ohren gehauen werden, machen es tatsächlich nicht gerade leicht, sich mit dem Älterwerden anzufreunden. Dennoch sollte man es nicht den Medien überlassen, dass sie uns diktieren, wie wir auszusehen haben. Ich bin gegen Schönheitsoperationen, es sei denn, man hatte einen Unfall. Meiner Meinung nach hilft nur eines: Man muss das Bild, das man von sich hat, ändern.

Haben Sie einen Tipp, wie man das am besten anstellt?
Wer ständig daran denkt, wie toll er früher einmal ausgesehen hat, wird unglücklich. Das trifft auf Männer und Frauen gleichermassen zu. Am besten, man versucht, sich nicht auf die eigenen Falten oder den dicker gewordenen Bauch zu konzentrieren, sondern auf die Dinge, die man an sich mag. Zum Beispiel der lebhafte Ausdruck in den Augen. Aber natürlich sollte man sich auch im Alter weiterhin pflegen und Sport treiben.

Langeweile im Bett verursacht auch schon bei vielen jungen Paaren Probleme. Was hilft dagegen?
Fantasien. Allerdings muss man sie dem anderen nicht unbedingt mitteilen. Wenn sie gerade beim Akt an einen früheren Liebhaber denkt und er an eine hübsche Schauspielerin, dann sollten beide das lieber für sich behalten. Aber Fantasien helfen tatsächlich. Wichtig ist aber auch, sich generell für das Leben zu interessieren, egal wie alt man ist. Hobbys nachzugehen, ob das jetzt die Musik ist oder der Sport. Wer keine Interessen mehr hat, dem fällt es meist auch schwer, seine Sexualität lebendig zu halten.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass der Ruhestand vielen Männern einen Schlag ins Ego versetzt, weil sie sich nicht mehr wichtig fühlen und dass darunter auch die Lust leiden kann.
Wenn er so eine Phase durchlebt, kann ihm die Partnerin helfen, indem sie ihn öfter in die Arme nimmt, mit ihm kuschelt und ihm sagt, wie wichtig er für sie ist. Um generell zu vermeiden, dass man nach dem Ruhestand in ein tiefes Loch fällt, sollte sich jeder schon lange vor Berufsende Interessen suchen, die ihn ausfüllen.

Lässt sich Partnerschaft auch ohne Sexualität glücklich leben?
Wenn beide damit einverstanden sind, kann es schon funktionieren. Aber ich sage in solchen Fällen trotzdem: Schade, denn es kostet kein Geld und macht das Leben so viel schöner.

Und was raten Sie, wenn der eine noch möchte, der andere aber nicht mehr?
Da in so einem Fall die Beziehung stark gefährdet ist, würde ich eine Paartherapie vorschlagen. Dazu fällt mir eine nette Anekdote ein: In den USA hatte ich ein Paar in Behandlung. Er wollte gerne, dass sie ihn berührte, was sie nicht mehr mochte. Ihr dagegen war es ein Bedürfnis, sonntags in die Kirche zu gehen, aber nicht alleine. Also schlug ich den beiden einen Deal vor: Sie sollte ihn wieder anfassen und dafür würde er sie zum Gottesdienst begleiten. Das funktionierte.

Unsere Lebenserwartung nimmt ständig zu. Die Folge sind viele ältere allein stehende Menschen, die den Partner durch Tod verloren haben und sich dennoch Zärtlichkeit wünschen.
Ich bin zwar altmodisch, denke aber, dass in diesem Fall Selbstbefriedigung ein gutes Mittel wäre. Jeder sehnt sich doch nach Streicheleinheiten. Auf diese Weise erhält man auch die Lust an der Sexualität am Leben. Man fühlt sich besser und muss dann nicht mit langem Gesicht herum schleichen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 03.11.2008, 14:24 Uhr

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