Sex in der Pfanne

Julia Child verführte Amerika zum Genuss der französischen Küche. Eine neue Biografie lässt die Mutter aller Fernsehköchinnen wieder aufleben – mit ihrem Humor, ihrer Energie und ihrem freien Geist.

«Sie haben wohl noch nie mit einem Tyrannosaurus gearbeitet.» Julia Child geht in ihrer Fernsehsendung 1970 zur Sache.

«Sie haben wohl noch nie mit einem Tyrannosaurus gearbeitet.» Julia Child geht in ihrer Fernsehsendung 1970 zur Sache. Bild: Keystone

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Die Sendung hat noch gar nicht angefangen, doch der Kameramann scheint schon am Ende. «Kann mir jemand verraten, wie ich diese Frau beleuchten soll?» Er umkreist sie mehrmals, während sie sich an der Kochplatte zu schaffen macht, an den Eiern und der Butter, die sich in der Pfanne live zu einer Omelette verdichten sollen. Sie hat die Requisiten mitgebracht. Dabei passen die schlecht in diese Redesendung auf dem Erziehungskanal der Universitätsstadt Boston, wo normalerweise ein grauer Professor seinen grauen Kollegen über sein neues, graues Buch befragt. Das Jahr ist 1962, die Sendung heisst «People Are Reading» und ist trocken wie ein Stück Toast.

Noch viel weniger passt die Buchautorin selbst hierher: 1.90 Meter gross ist sie und kräftig gebaut und von einer Energie und einem Enthusiasmus angetrieben, die alles andere zur Zeitlupe zerdehnen. Die Frau heisst Julia Child, ist fünfzig Jahre alt, hat in Paris ein dickes Kochbuch der französischen Küche mitverfasst und will es hier am Fernsehen vorstellen. Freundlich schaut sie auf den Kameramann herunter: «Ich nehme an, dass Sie noch nie mit einem Tyrannosaurus gearbeitet haben.»

Eine Feministin am Herd

Die Sendung beginnt, die Kamera surrt, die Buchautorin kocht, erklärt, hantiert, scherzt und würzt, das Ei gerinnt, die Omelette gelingt, die Köchin drängt den Professor, zu kosten. Sein Widerwille weicht der Verzückung, sie strahlt: «Ich sagte es ja – köstlich!» Draussen fängt der Frühling an, drinnen beginnt eine neue Karriere. Julia Child, die undiplomatische Diplomatenfrau, in Paris auf eigene Initiative zur Spitzenköchin ausgebildet, eine Feministin am Herd, wird ihren amerikanischen Landsleuten fast vierzig Jahre lang vor laufender Kamera die französische Küche demonstrieren. Und wenn sie vom Essen redet, klingt es wie der höchste Genuss: Sex in der Pfanne sozusagen.

Ihr Charakter charmiert alle, ihre Detailversessenheit lässt keine Kompromisse zu, ihre freundliche Anrede – «Dearie» – bringt Einwände zum Schmelzen. «Mit Regeln ging sie um wie mit Vegetariern», notiert Bob Spitz, ihr Biograf: «Sie tat so, als existierten sie nicht.» Spitz lernt Julia Child 1992 in Italien kennen, als er ein Porträt über sie recherchiert. Sie ist damals 80-jährig und soll noch elf Jahre leben, am 15. August 2012 wäre sie 100 geworden. «Ich habe mich schwer in sie verknallt», gesteht der Biograf im Nachwort seines neuen Buches. Spitz, ein erfahrener Biograf, hat seine Liebe zur grossen Köchin auf 557 Seiten ausgewallt, mit allen Zitaten und Zutaten, die ein aufregendes Leben hergibt. Und er hat dieses Leben in einer Sprache beschrieben, die das Lesen zur Ganzkörpererfahrung macht. Julia Child war «bigger than life», wie die Amerikaner sagen, und sie springt aus jeder Seite.

«Komm, wir essen einander gegenseitig»

Das Buch erzählt das Leben einer ungebändigten Frau aus einer reichen kalifornischen Familie, dominiert von einem Vater, der alles hasst, was seiner erzkonservativen Gesinnung widerspricht: Juden, Ausländer, Demokraten, Kommunisten. Seine Tochter, genauso willensstark wie er, verträgt sich schlecht mit ihm und legt sich ein Leben lang mit Autoritäten an. Trotz ihrer Intelligenz schafft sie aber nichts Rechtes in der Schule, lange leidet sie an ihrem Minderwertigkeitsgefühl. Aus Neugierde und Langeweile schliesst sie sich im Zweiten Weltkrieg dem amerikanischen Geheimdienst an. Der schickt sie nach Ceylon (dem heutigen Sri Lanka) und zuletzt nach China, wo sie streng geheime Nachrichten aus dem Pazifikkrieg einordnet.

Viel mehr als die Arbeit des Geheimdienstes interessiert sie das Personal, geistreiche Leute aus England und Amerika, mit denen sie ihre Zeit verbringt. Mit einem versteht sie sich besonders gut: Paul Child, ein intellektueller Autodidakt, gebildet und weit gereist. In jahrelanger Freundschaft kommen sie sich näher, werden nach dem Krieg kurz getrennt, treffen sich wieder, fallen ineinander. «Am liebsten möchte ich dich aufessen», schreibt sie ihm. «Komm zu mir», schreibt er zurück, «und wir essen einander gegenseitig.» Die beiden lieben Abenteuer, Reisen, Gespräche, Witze, Sex und Essen. In umgekehrter Reihenfolge. Das Paar bleibt kinderlos und leidet darunter. Dafür finden beide die Liebe ihres Lebens.

Eine Amerikanerin in Paris

Sie heiraten 1946, zum Abscheu ihres Vaters, der Paul für eine schlechte Partie hält und seine Tochter als Liberale von sich weist. Paul beginnt eine Diplomatenkarriere im auswärtigen Dienst, während Julia noch immer nicht weiss, was sie machen soll, ihm aber noch so gerne nach Paris folgt. Paul, ein Maler und Fotograf von Talent, soll die amerikanische Kultur verbreiten und auf kommunistische Aktivitäten achten.

Mit dem Schiff überqueren die beiden den Atlantik, mit dem Auto fahren sie nach Paris, und auf dem Weg dorthin passiert es dann, in Rouen in der Normandie. Paul steuert den Wagen auf den Marktplatz und Julia in das La Couronne, das älteste Restaurant Frankreichs. Julia bestellt auf seinen Rat Sole Meunière. Der Kellner trägt auf, zerteilt, sie schaut, sie riecht, sie kostet – und wird von einem Sinnenrausch ergriffen, den Bob Spitz als Erleuchtung beschreibt: Der Fisch! Die Butter! Die Gerüche! Die Speisekarte! Zeitlebens wird Julia Child diese Offenbarung als Wendepunkt beschreiben. Von jetzt an will sie nicht nur alles ausprobieren, was die französische Küche hergibt, darunter die über 200 Möglichkeiten, eine Seezunge zuzubereiten. Sie will diese Küche verstehen, beherrschen, verbessern – und Amerika aus seiner nicht mundenden Stillosigkeit heraushelfen.

Als sie anfängt, kann sie nichts

Vom Erstkontakt mit der Seezunge nach Müllerinnenart bis zur Erstausgabe von «Mastering the Art of French Cuisine» dauert es 13 Jahre. Julia Child verbringt die meisten davon in der Küche, auf den Märkten, in den Brasserien von Paris, in den Kochlektionen der französischen Topchefs und mit ihren beiden Mitköchinnen Simca und Louisette, die ihre Freundinnen werden. Sie kocht sämtliche Rezepte, die sie finden kann oder die ihr empfohlen werden. Sie probiert sie immer wieder neu aus, misst die Mengen, wechselt die Zutaten, variiert die Garzeiten, schreibt auf, korrigiert, streicht weg und fängt wieder an.

Das dauert so lange, weil Julia Child zuerst ein paar Probleme lösen muss. Erstens liebt sie das Französische, versteht aber kaum ein Wort. Zweitens kann sie überhaupt nicht kochen. Sie sei enthusiastisch gewesen, berichtet eine Überlebende aus den frühen Jahren, aber ohne jede Begabung: «Wenn sie Wasser kochte, verbrannte es.» Drittens bleibt die Spitzenküche auch in Frankreich eine Männersache, viertens haben die Franzosen nicht auf eine Amerikanerin gewartet, die so kochen will wie sie.

Vom Kochen besessen

Aber Julia will, das reicht. In einem Intensivkurs eignet sie sich die Sprache an, in der Kochschule Cordon bleu lernt sie, als einzige Frau, bei Spitzenköchen das Handwerk. Am Morgen probiert sie in der Schule ein Rezept und kocht es am Mittag für sich und ihren Mann nach, bevor die beiden ins Bett gehen; «Paul braucht seinen Mittagsschlaf», sagt sie jeweils. Täglich rüstet sie das Gemüse und ihre Küche auf, mit Pfannen und Töpfen, Messern, Thermometern, Messgeräten. Sie studiert die Chemie und Technik des Kochens, fragt in den Küchen der besten Restaurants nach, redet mit den Gemüsehändlern und Metzgern. Sie ist fröhlich, sie ist besessen.

Als Paul versetzt wird, folgt sie ihm nach Marseille, dann nach Bonn und Oslo, bevor die beiden in ihre Heimat zurückkehren. Zuvor, im April 1955, wird Paul überraschend nach Washington beordert. Beide glauben, er werde befördert. Stattdessen wird er von den Agenten von Joseph McCarthy tagelang befragt. Sie halten ihn für einen Kommunisten, weil er in China gearbeitet und seine Briefe gelegentlich mit «Genosse Paulski» unterzeichnet hatte. Paul Child wird freigelassen, verlässt Washington aber tief gedemütigt. Seine Frau ist ausser sich; sie hasst McCarthy und scheut sich auch nicht, es zu sagen.

Ein TV-Naturtalent

Gleichzeitig arbeitet sie mit ihren Freundinnen am ultimativen Buch über die französische Küche in englischer Sprache. Die Korrekturen ziehen sich hin, es kommt zu Spannungen, die eine Freundin ist Julia zu dogmatisch, die andere zu faul. Mehrere Verlage schicken das Manuskript zurück: Ein so grosses, so anspruchsvolles Kochbuch wolle keine amerikanische Hausfrau lesen.

Als es 1961 doch noch erscheint, beim angesehenen Verlag Alfred A. Knopf, begeistern sich nacheinander Kritiker, Gastronomen und Leser. Zwei Jahre später lanciert sie ihre eigene Kochsendung, und von da an ist gar kein Halten mehr. Denn die Köchin mit der eigentümlich singenden Stimme erweist sich als Naturtalent. Niemand merkt, dass sie jeden Arbeitsgang zu Hause mit Paul und einer Stoppuhr durchprobiert. Unterm Scheinwerferlicht bleibt sie spontan, redet ohne Dünkel, ermutigt, erheitert. «Wir werden so viel Spass zusammen haben», sagt sie am Anfang und entlässt das Publikum mit einem «bon appetit!»

Sie sagt «cock monsieur»

Auch liebt sie Anzüglichkeiten und Provokationen. Besonders gerne streichelt sie kleine tote Schweine, die sie dann mit dem Messer zerlegt. Und zur Verzweiflung der Studiocrew spricht sie «croque monsieur» konsequent als «cock monsieur» aus, reagiert auf Korrekturversuche mit gespielter Unschuld und sagt dann mit einem Grinsen, so schmecke er viel besser.

Misslingt ihr etwas vor der Kamera, sagt sie: «Das sieht jetzt aber komisch aus.» Fällt ihr etwas neben die Pfanne, wirft es wieder hinein und sagt: «Wer sieht Ihnen denn schon zu?» Millionen schauen ihr zu. Eine Nation, die das Kochen mit Aludosen, Tubensaucen und Tiefkühlpizzen assoziiert, lernt, das Essen zu geniessen. Und das ausgerechnet dank der Franzosen, welche die Amerikaner nie vertragen haben. Kocht Julia Broccoli, sind die anderntags ausverkauft. Geht sie auf den Markt, muss sie Auskünfte und Autogramme geben. Sponsoren drängen sich vor, wollen ihre Produkte in der Sendung platzieren. Julia weigert sich und verzichtet auf Millionen: «Ich koche so, wie es mir passt.»

Eine rücksichtslose Seite

Sie arbeitet hart, sie wird gefeiert, geehrt und endlich auch angemessen bezahlt. Dabei kann sie auch rücksichtslos auftreten. Einmal stellt sie einen brutalen Anwalt an, der von ihrem eigenen Verlag Unsummen für ein neues Buch verlangt. Als eine befreundete Lektorin sie in Tränen anruft, reagiert Julia eisig: «Ich will so etwas nicht hören, darum habe ich mir einen Anwalt genommen.» Es ist das einzige Mal, dass der Biograf Julia Child von einer so kalten Seite zeigt. Wenige Seiten weiter kocht und brutzelt sie fröhlich weiter. Kochen ist für sie das Leben und das Leben für sie ein Gericht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.10.2012, 08:39 Uhr

Bob Spitz, «Dearie - The Remarkable Life of Julia Child», A.A. Knopf, New York, 2012. 557 Seiten, ca. 45 Franken. Die Biografie ist bislang nur auf Englisch erhältlich.

Julia Child kocht Boeuf Bourguignon.

Julia Child macht Omelette.

Julia Child bei David Letterman.

Julie and Julia - Trailer.

Bücher und DVD

«Julia Child: Mastering the French Cooking Volumes 1 & 2», A.A. Knopf, New York, 2009 (auf Englisch; im Internet finden sich aber viele ins Deutsche übersetzte Rezepte).

«Julie and Julia», Komödie, USA, 2009, mit Meryl Streep als Julia.

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