«Sexroboterbordelle werden sicher ein sehr grosser Markt»

Computerexperte David Levy sagt, dass Liebes- und Sex-Beziehungen zwischen Menschen und Robotern völlig normal sein werden.

Private Idylle: David Levy in seinem Haus in London. Foto: Alecsandra Raluca Dragoi

Private Idylle: David Levy in seinem Haus in London. Foto: Alecsandra Raluca Dragoi

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Vor zehn Jahren prophezeiten Sie in Ihrem inzwischen berühmten Buch «Liebe und Sex mit Robotern», dass 2050 Menschen und Roboter in Partnerschaft und Ehe leben werden. Sind wir auf Kurs?
Absolut. Die grösste Hürde auf dem Weg zu einem erfüllenden Zusammenleben mit Robotern ist die Sprache. Sie müssen nicht nur alle Wörter, sondern auch unsere verschiedenen Stimmen, unsere natürlich gesprochene Sprache mit allen Veränderungen der Tonlage perfekt verstehen. Das ist eine sehr schwierige Aufgabe, die wir wohl erst 2050 gelöst haben werden. Der elektromechanische Part, also das Gehen oder die sexuelle Aktivität, ist das kleinere Problem. Diese Technologien muss man nur noch perfektionieren.

Warum sollten wir uns in Roboter verlieben?
Computer im Allgemeinen haben ein grosses Potenzial, von Menschen geliebt zu werden. Wir verbringen schon heute sehr viel Zeit mit ihnen, sie sind interaktiv, kreativ und erweitern unser Selbst. Wir werden mit ihnen Beziehungen auf allen Levels führen: Roboter werden unsere Diener, Bekannten, Freunde, Liebhaber und Ehepartner sein. Oder anders gesagt: Wenn eine intelligente Maschine wie ein Mensch aussieht und sich wie ein Mensch verhält – warum sollte man sich nicht verlieben?

Weil sie eben doch kein Mensch ist. Nur schon der ganze biologische Part fehlt.
Der Mensch neigt zum Anthropomorphismus und ist sehr flexibel darin, Beziehungen zu nicht menschlichen Lebewesen oder Objekten aufzubauen. Denken wir an unsere Haustiere: Erst waren sie unsere Arbeiter, nun gehören sie zur Familie. Auch Experimente mit elektronischen Haustieren zeigen, dass Menschen sich sehr schnell an diese binden. Je früher Bindungen zu Computern und Robotern geknüpft werden, desto stärker sind sie. Sie werden zunehmend unsere Freunde.

Wie finden wir künftig unsere grosse Roboterliebe?
Ähnlich wie auf heutigen Singleplattformen. Man wird aus einem sehr langen Attributekatalog das Aussehen und die Persönlichkeit des Roboters zusammenstellen können. Diskutiert man gern über Beethoven, wird er gern über Beethoven diskutieren.

Das klingt so romantisch wie eine Kaffeemaschine kaufen. Das Magische an der Liebe ist doch, dass man sie oft dort findet, wo man sie nicht erwartet.
Klar, eine Beziehung ist interessanter, wenn es eine gewisse Reibung gibt. Man kann die Programmierung auch verändern und sie zum Beispiel etwas widerständiger machen. Ausserdem ist Software nicht immer repetitiv, sondern kann durchaus überraschen.

Kann sie auch empathisch sein?
Wie Emotionen kann man auch Empathie programmieren. Bei Emotionen ist man aktuell schon ziemlich weit – schätzungsweise bis 2025 werden Roboter das volle Spektrum menschlicher Emotionen simulieren können. Bei der Empathie steht man noch ganz am Anfang, aber das kommt. Noch schwieriger wird es beim Bewusstsein, da es keine breit anerkannte Definition gibt.

Da Roboter keine Gefühle haben, wäre die Liebe immer einseitig. Wir sprechen hier also nicht von einer Beziehung, sondern von Selbstbetrug.
Roboter haben keine genuinen Emotionen, sie werden aber synthetische Emotionen haben. Und wenn diese wie menschliche Emotionen wirken, dann ist es fast das Gleiche. Der berühmte Informatiker Alan Turing hat bereits in den Fünfzigern gesagt: Bei intelligenten Maschinen kommt es darauf an, ob sie intelligent erscheinen, nicht darauf, ob sie das auch tatsächlich sind. Das Gleiche gilt für Emotionen. Das Wichtigste in der Liebe ist das Gefühl, geliebt zu werden.

Menschen könnten sich durchaus in Maschinen verlieben, glaubt David Levy. Foto: Getty

Trotzdem: Man macht sich nur etwas vor.
Wenn man es unbedingt so sagen will, meinetwegen, aber das ist nur menschlich. Ein Beispiel: Ich und meine Frau lieben unsere Katze. Ich sehe daran nichts Falsches. Viele Leute haben keinen Liebes- oder Sexpartner und sind deswegen unglücklich. Vielleicht weil sie Probleme mit ihrer Psyche oder im sozialen Verhalten haben, vielleicht weil sie hässlich oder dumm sind. Wenn Roboter ihrer Einsamkeit entgegenwirken, ist das der beste Zweck, den sie haben können.

Würden wir als Gesellschaft nicht besser an unserem sozialen Zusammenhalt arbeiten, statt einsamen Menschen Roboter zu geben?
Es geht hier nicht darum, ob man besser mit Menschen zusammen ist als mit Robotern, sondern darum, ob man besser mit einem Roboter zusammen ist als mit gar niemandem. Ausserdem muss jemand mit einem Roboterpartner nicht weniger Kontakte zu Menschen haben. Vielleicht findet er durch ihn sogar neue Kontakte.

Vorausgesetzt, dass die Gesellschaft Mensch-Roboter-Beziehungen anerkennt.
Da mache ich mir keine Sorgen. Die öffentliche Meinung ist in Sachen Sexualität sehr flexibel, denken wir nur an die letzten 50 Jahre: Masturbation galt lange als ungesund, Homosexualität war illegal – heute heiraten die Leute. So werden auch Mensch-Roboter-Beziehungen mit der Zeit akzeptiert werden. Man wird merken, dass sie unser Liebesleben und unsere Sexualität vielfältig erweitern können.

Momentan existiert Liebe mit Robotern vor allem in der Pornoindustrie: Es gibt erotische Sprachsoftware, und seit kurzem sind erste Modelle von humanoiden Sexrobotern auf dem Markt. Noch vor der Liebe kommt also der Sex. Es ist einfacher, elektronische und künstlich intelligente Produkte für Sex herzustellen als für Liebe. Wenn wir die Software erst einmal so weit haben, wird in vielen Fällen die Liebe vor dem Sex kommen.

Erklären Sie das.
Sobald Sexroboter günstig erhältlich sind, werden viele sie aus Neugier kaufen. Die Gewinne werden in die Entwicklung gesteckt, die Preise sinken wiederum, und die Entwicklung geht weiter – die klassische Biografie elektronischer Produkte. So werden aus den Sexrobotern komplexe Entitäten werden, mit denen wir zusammenleben.

Eine perfekte Frau zu erschaffen, ist ein alter Männertraum mit einer langen Kulturgeschichte – so sind auch Sexroboter nach männlichen Fantasien gestaltet. Gegner sehen darin eine neue Spitze des Patriarchats.
Es gibt auch Männermodelle. Die sind nach weiblichen Fantasien gestaltet.

Männermodelle fristen ein Nischendasein. Aber formulieren wir es so: Sexroboter reduzieren den menschlichen Körper auf ein Objekt. Das hat etwas Entwürdigendes.
Nein, hat es nicht, weil es kein Mensch ist, sondern ein Roboter. Vielleicht werden Roboter für Frauen erst richtig interessant, wenn sie komplexer werden. Aber ich bin überzeugt, dass viele Frauen, die Vibratoren benutzen, zumindest neugierig sein werden, einen Sexroboter zu kaufen.

Eben: Der Körper wird zu einem Produkt, das man kaufen und benutzen kann.
Das ist nun eine Grundsatzdiskussion zu bezahltem Sex. Für mich ist es etwas sehr Ähnliches, eine Prostituierte oder für einen Roboter zu bezahlen. Der Roboter macht es, weil er dazu da ist und keine Wahl hat. Und die Prostituierte macht es, weil sie damit ihren Lebensunterhalt bestreitet. Reduzieren freiwillige Prostituierte mit ihrer Arbeit Frauen zu einem Objekt? Das zu behaupten, fände ich wiederum entwürdigend.

In Barcelona gibt es ein Sexroboterbordell, weitere in der EU sind in Planung. Welche Entwicklung erwarten Sie hier?
Sexroboterbordelle werden sicher ein sehr grosser Markt werden, vor allem am Anfang, wenn sich viele noch keinen eigenen Roboter leisten können. Wie sich dies auf die menschliche Prostitution auswirken wird, kann man noch nicht sagen. Da brauchen wir erst Erfahrung und Forschung.

Kann man bei Sexrobotern überhaupt von Sex sprechen, oder ist es Masturbation?
Streng genommen, ist es vielleicht Letzteres, aber das können Philosophen besser entscheiden. Wenn man mit einem menschlich anmutenden Roboter im Bett das Gleiche macht wie sonst mit einem Menschen – dann ist es für mich Sex.

Kann man einen Roboter vergewaltigen?
Es klingt hart, aber das ist eine Frage der Programmierung. Man kann eine Software schreiben, die nicht oder nicht immer Sex will. Dann muss sich der Mensch entscheiden, ob er den Roboter dazu zwingt. Es gibt Leute mit Vergewaltigungsfantasien, und einige davon verwirklichen sie leider auch. Wenn es so weit kommt, sage ich: besser einen Roboter als einen Menschen.

Es besteht das Risiko, dass die Fantasie, sobald sie mit einem Roboter realisiert ist, auch auf echte Menschen ausgedehnt wird.
Diese Gefahr gibt es. Andererseits besteht die Chance, mit Robotern Leute mit genau diesen Tendenzen zu therapieren. Bevor wir nicht Zehntausende Sexroboter auf dem Markt haben und entsprechende psychologische Studien machen können, wissen wir schlicht nicht, wie stark der ermutigende Effekt und wie stark der therapeutische Nutzen sein kann. Wir brauchen Zeit, Experimente, psychologische Studien.

Vielleicht wäre das alles einfacher, wenn Roboter gar nicht erst menschenähnlich aussehen würden?
Ich glaube nicht. Studien aus Japan zeigen, dass die Menschen einfacher eine Bindung zu menschlich aussehenden Wesen aufbauen. Es wäre eine künstliche Hürde.

In Japan, der Robotiknation Nummer eins, haben Jugendliche offenbar zunehmend Probleme, miteinander in Kontakt zu treten, weil sie Angst haben, zurückgewiesen zu werden. Mit Software fühlen sie sich auf der sicheren Seite.
Die sozialen Probleme Japans kann man nicht allein auf die Sextechindustrie zurückführen. Dass dort viele junge Menschen keine Beziehung wollen, hat doch verschiedene gesellschaftliche Gründe. Bei einigen liegt es wohl tatsächlich an ihrer starken Interaktion mit Software, und vielleicht wird das auch bei uns ein Thema – ich glaube aber, dass Menschen, die schon als Kleinkind mit Robotern zu tun haben, ohnehin eine neue Perspektive entwickeln werden.

Ihr Optimismus ist beeindruckend.
Ich sage nicht, dass von Anfang an alles problemlos verlaufen wird. Wir werden noch viel lernen müssen, wie wir mit Robotern und künstlichen Intelligenzen umgehen sollen, und wir werden dabei auf ethisch sehr schwierige Fragen stossen. Aber diese Entwicklung kommt unvermeidbar auf uns zu. Deswegen möchte ich auch die Diskussion darüber lancieren. Gesetzgeber und Wissenschaftlerinnen verschiedenster Disziplinen sind gefragt, sich vorzubereiten.

Die EU-Behörden arbeiten derzeit Gesetze zu Robotern aus. Welches sind aus Ihrer Sicht die rechtlich dringendsten Baustellen bezüglich Sexrobotern?
Die dringendste Frage ist wie bei allen anderen Robotertypen auch: Wer haftet, wenn ein Unfall passiert? Gesetze allein werden hier in Zukunft ganz sicher nicht reichen, denn täglich werden Tausende Unfälle mit Robotern passieren. Es braucht eine Art Versicherung, die bei kleineren Schäden haftet, ähnlich wie die Fahrzeugversicherung. Zudem bin ich mir sicher: Welche Gesetze auch immer erlassen werden, sie werden sich ganz schnell wieder ändern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.01.2018, 12:26 Uhr

David Levy

Computerexperte

Der 1945 in England geborene David Levy war Schachprofi, dann wurde er Softwareentwickler, Levy gewann zweimal den renommierten Loebner-Preis für Programme, die menschliches Verhalten simulieren. 2007 schrieb er eine Doktorarbeit zum Thema «Liebe und Sex mit Robotern» und gab ein gleichnamiges Buch heraus. Levy ist Mitbegründer und Co-Vorsitzender des «Kongresses zu Liebe und Sex mit Robotern». Im Dezember 2017 fand die dritte Ausgabe in London statt. (mak)

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