Bildung & Chancen

Sie bringen Kunst unter die Leute

Studierende des Master Art Education lernen, wie man Ausstellungen ansprechend gestaltet, Kunstwerke vermittelt oder darüber schreibt.

Sind eben mit dem Master Art Education diplomiert worden: Anina Büschlen, Carole Kambli und Katharina Nill (v.l.n.r.).

Sind eben mit dem Master Art Education diplomiert worden: Anina Büschlen, Carole Kambli und Katharina Nill (v.l.n.r.). Bild: Tom Kawara

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An der Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK) studieren nicht nur Personen, die selber kreativ tätig sind, sondern auch solche, die Kunst in erster Linie anderen näherbringen wollen. Eben haben 40 Frauen und 3 Männer den Titel Master Art Education erworben. Sie konnten sich für eine von drei Vertiefungen entscheiden: Das Studium «Bilden und vermitteln» wendet sich an Personen, die in Gymnasien Bildnerisches Gestalten unterrichten oder in kulturellen Institutionen Inhalte vermitteln. Wer hingegen lernen will, wie man Ausstellungen gestaltet, profitiert von der Vertiefung «Ausstellen und vermitteln». Fachjournalistische und publizistische Fähigkeiten im Bereich Kultur eignet man sich derweil im Studium «Publizieren und vermitteln» an.

In der ersten Hälfte des zweijährigen Studiengangs treffen die Studierenden der drei Richtungen häufig aufeinander. Der Austausch unter den verschiedenen Sparten sei lebhaft und bereichernd, sagt Studiengangleiter Heinrich Lüber. Von rund 100 Bewerbern werden jedes Jahr 60 aufgenommen. Dank der überschaubaren Gruppe könne man individuell mit den einzelnen Studierenden auf ihre Ziele hinarbeiten, sagt Lüber. Einige Masterstudierende hätten bereits den Bachelor in Kunst und Design an der ZHDK erworben. Etwas Berufspraxis zwischendurch sei aber ratsam, betont der Professor: «Wir wählen Leute aus, die reale Chancen haben, sich zu etablieren, und die das stark wollen.»

Carole Kambli (38): Vertiefung «Ausstellen und vermitteln»

Ist Carole Kambli in eine Ausstellung vertieft, kriegt man sie fast nicht mehr heraus. «Ich liebe Museen», schwärmt sie. Ihr Ziel ist es jedoch, die Kunst auch aus den Institutionen herauszuholen und sie jenen Menschen zugänglich zu machen, die kaum jemals einen Fuss in ein Museum setzen. Zudem veränderten Werke im öffentlichen Raum die Standorte, ist Kambli überzeugt.

Entsprechende Erfahrungen hat sie in Zug gemacht, als sie letztes Jahr die Ausstellung «Lost in Tugium» kuratierte. Das Konzept war im Rahmen des Studiums entstanden. Damit die gesammelten Ideen nicht einfach in einer Schublade verschwanden, nahm sich die Kuratorin ein halbes Jahr Auszeit und setzte sie um. Da waren etwa im Zugersee plötzlich Bauprofile zu sehen, die in der Stadt mit ihrem ungebremsten Bauboom Irritationen hervorriefen. Der Pulverturm trug derweil eine grosse Nase, die Passanten stutzen liess. Bei einigen rief sie ein Lächeln hervor, bei anderen ein Kopfschütteln – doch alle nahmen das vertraute antike Bauwerk wieder anders wahr. Die Ausstellung habe wertvolle Diskussionen ausgelöst, etwa über die sinnvolle Verwendung von Steuergeldern.

Ursprünglich hatte Kambli Pharmazie studiert und danach im Marketing bei einem Pharmaunternehmen gearbeitet. Künstlerisch tätig zu sein, war schon immer ihr Traum. Deshalb nahm sie ein Studium der Kunstgeschichte und der Kulturwissenschaften an der Universität Basel auf. Der Wunsch zum Praxisbezug führte sie für den Master danach an die ZHDK. «Ich wollte lernen, wie man eine Ausstellung so gestaltet, dass sie die Leute anspricht und etwas auslöst.»

In ihrer Masterarbeit namens «Activate the City» hat sie untersucht, wie nachhaltig Kunst im öffentlichen Raum wirkt und ob dies überhaupt messbar ist. Das Thema Nachhaltigkeit in der zeitgenössischen Kunst gewinne immer mehr an Bedeutung, sagt Kambli. Deshalb zieht sie sogar in Erwägung, eine Dissertation darüber zu schreiben. «Eine Festanstellung im Kunstbereich zu finden, ist relativ schwierig», ist sich die Mutter eines sechsjährigen Sohnes bewusst. Vieles laufe über Beziehungen. So ist die Zürcherin auch zu den projektbezogenen Anstellungen bei der Stadt Zug gekommen, wo ihre Ideen und erworbenen Kenntnisse derzeit erneut gefragt sind. Sie kuratiert das Projekt «Reactivate! Art in Public Space»: Den Sommer über werden Künstler die bestehenden Kunstwerke im öffentlichen Raum mittels Performances und Installationen beleben und neu interpretieren.

Katharina Nill (33): Vertiefung «Publizieren und vermitteln»

Wie bei vielen ihrer Kolleginnen weist Katharina Nills Werdegang auch Kurven und Umwege auf. Die gebürtige Deutsche wollte ursprünglich ins Textilkaufhaus ihrer Eltern einsteigen und bildete sich zur Einzelhandelskauffrau aus. Als sie merkte, dass sie sich nicht wohlfühlte in der Branche, wechselte sie zu einer Castingagentur, wo sie Models und Schauspieler vermittelte. 2006 schnürte sie die Wanderschuhe und nahm den ganzen Jakobsweg von Deutschland nach Spanien unter die Füsse.

In diesen vier Monaten reifte die Idee, Philosophie und Kulturwissenschaften zu studieren. Mit 30 erwarb sie den ­Bachelor an der Universität Witten/­Herdecke. Im Rahmen des Studiums musste sie zahlreiche Arbeiten verfassen und entdeckte ihre Freude am Schreiben. Auch ihre Dozenten hätten sie ermutigt, die Passion ernsthaft zu betreiben, erzählt Nill. An der ZHDK wollte sie ihre Begabung weiterentwickeln. «Der Masterstudiengang in Zürich schien mir genau richtig, weil er keine klassische Journalistenschmiede ist», erklärt die Studentin in ihrer besonnenen Art. Dass die Ausbildung bei den Inhalten ansetzt, überzeugte sie.

Während des Studiums konnte Nill bei verschiedenen Projekten im Zusammenhang mit der Hochschule praktische Erfahrungen sammeln. So ist sie seit einigen Monaten an einer Publikation beteiligt, die den Umzug der Schule ins Areal der früheren Toni-Molkerei und die Aneignung des neuen Gebäudes thematisiert. Im Rahmen einer Semesterarbeit gestaltete sie mit ihrer Klasse eine Ausgabe des Magazins «Du» über das 96-jährige Bestehen der Dada-Bewegung. Ein Highlight war auch, als die «NZZ am Sonntag» ihren Artikel über die Schriftstellerin Felicitas Hoppe abdruckte.

In den letzten fünf Monaten hat sich Nill in die Masterarbeit vertieft. In ihrem Heft mit dem Titel «Unabdingbar» geht sie dem Verhältnis zwischen Menschen und Dingen nach. Darin hat sie unter anderem eine Frau porträtiert, die sich mit zahlreichen erinnerungsbeladenen Gegenständen umgibt. Ihr stellt sie einen Mann gegenüber, der mit fast nichts lebt. Zudem hat sie dem voyeuristischen Drang nachgegeben, in die Schubladen anderer Leute zu blicken. «Dinge verraten viel über Menschen», weiss die angehende Kulturpublizistin. Wichtig war ihr eine nicht wertende Perspektive: «Ich wollte nicht in den Chor der Konsumkritik einstimmen.» Auch nach dem Abschluss wird sie das Thema nicht so schnell loslassen. Nill überlegt sich, ihre Arbeit einer bestehenden Publikationsreihe anzubieten oder selber weitere Ausgaben zu realisieren. Während ihrer Studienzeit hat sie Zürich als Wohnstadt schätzen gelernt. Zudem hat sie hier Kontakte geknüpft, von denen sie sich erhofft, dass sie ihr beim Berufseinstieg helfen werden.

Anina Büschlen (34): Vertiefung «Bilden und vermitteln»

In ihrer Lehrtätigkeit hat Anina Büschlen schon zahlreichen Kindern gestalterische Techniken als Ausdrucksmittel nähergebracht. Für den Erwerb des Mastertitels entschied sie sich einerseits, damit sie künftig an Gymnasien unterrichten kann. Anderseits wollte sie neue Wege entdecken, um einem erweiterten Publikum Zugang zu Ausstellungen zu verschaffen. Dabei sind ihr in erster Linie Kinder und Jugendliche ein Anliegen.

Im letzten Jahr arbeitete Büschlen mit einem 30-Prozent-Pensum am Kunstmuseum Bern. «Das war sehr intensiv», sagt die Bernerin. Doch so war es ihr möglich, bereits mit einem Bein in der Praxis zu stehen. Ein grosser Erfolg sei ihr Projekt für Eltern und Kinder während der Ausstellung über Johannes Itten und Paul Klee gewesen, freut sie sich. Die Besucher konnten im Museum selber aktiv werden. Anhand der Bilder der beiden Künstler beobachteten sie Farbphänomene und realisierten eigene Kompositionen.

Besonders interessiert ist die Studentin, die selber gerne künstlerisch tätig ist, am Austausch mit Fachleuten ausserhalb des Kunstbetriebs. «Andere Perspektiven bringen eine Ergänzung und regen zum Reflektieren an», sagt sie. So will sie etwa in ihrem nächsten Projekt Mitarbeitende des Tierparks Dählhölzli einbeziehen. Sie sollen die Ausstellung «Faltertanz und Hundefest. Ernst Kreidolf und die Tiere» in gemeinsamen dialogischen Rundgängen bereichern. Der 1956 verstorbene Künstler hatte Tiere und Pflanzen in seinen Zeichnungen häufig mit menschlichen Zügen dargestellt.

Nach den Sommerferien wird sie als Pädagogin verschiedene Stellvertretungen an Gymnasien übernehmen, mit dem Ziel, mittelfristig eine Festanstellung zu erhalten. Gleichzeitig will sie weiterhin am Kunstmuseum tätig sein. «Die beiden Tätigkeiten befruchten sich gegenseitig», findet die gerade ausgezeichnete Kunstvermittlerin. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.06.2013, 10:27 Uhr

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