Sie hilft Sterbenden, einen Sinn zu finden

Durch Nahtoderlebnisse und eine Pilgerreise fand Sabine Amrhein zu ihrer Berufung: Sie ist die einzige Sterbeamme der Schweiz.

Nach einem Aufenthalt in einem Kloster hatte sie ihren Weg gefunden: Sterbeamme Sabine Amrhein. Foto: Raphael Moser

Nach einem Aufenthalt in einem Kloster hatte sie ihren Weg gefunden: Sterbeamme Sabine Amrhein. Foto: Raphael Moser

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Ihre Vorgängerin im Praxisraum war eine Hebamme. Die Sterbeamme Sabine Amrhein findet das sehr stimmig: «Wie die Hebamme einen Menschen ins Leben begleitet, führt ihn eine Sterbeamme wieder hinaus.» Auch Sterben verlaufe in «wehenartigen Phasen», die einen existenziellen Übergang charakterisieren.

«Eine Sterbeamme glaubt, dass es nach dem Tod irgendwie weitergeht», sagt die 42-Jährige. Ihr ist es wichtig, auch in der Phase des Abschiednehmens einen Sinn zu finden, Unbereinigtes und Ängste zu thematisieren und wenn möglich eine heilsame Wandlung zu bewirken. Je nachdem werden auch die Angehörigen miteinbezogen. «Es geht darum, grösstmöglichen Frieden für alle zu schaffen.»

Wie bei jener Frau, die akute Herzprobleme hatte, von einer Klinik in die andere geschoben und mit Medikamenten versorgt wurde. Obwohl sie den Ärzten verzweifelt zu erklären versuchte, dass ihre Beschwerden erst nach dem Tod ihrer Schwester aufgetreten waren, gingen diese nicht auf sie ein. Sie fühlte sich unverstanden, die Herzprobleme blieben. Sabine Amrhein besprach mit ihr den Tod ihrer Schwester, die Patientin fühlte sich danach besser.

Nach einer schweren Erkrankung stellte sie fest, dass sie die Angst vor dem Tod verloren hatte.

Eigene schwere Krankheiten, Nahtoderlebnisse und Trennungen sind Teil von Amrheins Vergangenheit. Mit viereinhalb Monaten wurde sie ihrer Mutter vorsorglich weggenommen und kam in die Obhut ihrer Grosseltern. Dies war 2011 wohl mit eine Ursache für eine nicht enden wollende Trauer nach dem Verlust eines ihr wichtigen Menschen. Nach zwei Erlebnissen nahe dem Tod begann sie sich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Trotzdem blieben ihre Existenz- und Verlustängste bestehen. Dazu kam 2013 noch die Trennung von ihrem damaligen Mann, mit dem sie drei Kinder hat. Eine Psychotherapie brachte sie nicht weiter. Sie begann, ihr Leben selber aufzuarbeiten.

Nach ihrer Scheidung trat sie 2013 eine 40-tägige Pilgerreise ohne Geld an. «Ich hatte die Wahl, Gelder der IV zu beziehen oder mich selbst zu finden und auf eigenen Beinen zu stehen», sagt sie rückblickend. Auf ihrer Reise machte sie etliche auch unerwartete Erfahrungen. Etwa, als ein Mann ihr eine Unterkunft anbieten wollte, seine eifersüchtige Frau sie aber barsch auf das Frauenhaus verwies. Als die Frau spätabends arbeiten ging, liess der Mann sie trotzdem gut versteckt auf seinem Grundstück auf einem Liegestuhl übernachten. Nur einmal fand sie auf dem Pilgerweg bis zum Westerwald kurz vor Karlsruhe keine Unterkunft. «Es gibt mehr offene und hilfsbereite Menschen, als ich dachte. Nur wenige schickten mich weg, als ich um eine Übernachtung bat.»

Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz erkrankte Sabine Amrhein lebensbedrohlich. Danach stellte sie fest, dass sie die Angst vor dem Tod verloren hatte. Ende März 2015 wurde sie obdachlos. «Gevatter Zufall», wie sie sagt, führte sie in den Kanton Obwalden ins Benediktinerinnenkloster St. Niklaus von Flüe. Hier fand sie für acht Monate Bleibe und Genesung. Sie durfte eine hochbetagte, auf ihren Tod wartende Schwester begleiten – eine intensive Erfahrung. «Hier wurde mir bewusst, dass dies meine Berufung und mein zukünftiger Weg war.»

Gestärkt durch Krisen

Nach dem Klosteraufenthalt ging es aufwärts: Sie zog zum neuen Partner nach Bern und fand in Deutschland eine Ausbildung zur Sterbeamme (siehe Box rechts). Zusätzlich absolvierte sie die Weiterbildung in Palliative Care beim Roten Kreuz, machte ein Pflegepraktikum, arbeitete als Betreuerin für Senioren und einer schwerstbehinderten Frau, war Fahrerin für Behinderte und Patienten. Im August 2018 schloss sie ihre Ausbildung zur Sterbeamme ab, und Anfang September startete sie ihre selbstständige Tätigkeit in einer Praxisgemeinschaft in Liebefeld bei Bern.

Zu ihrer Leidens- und Krankheitsgeschichte sagt sie: «Ich kam gestärkt aus all meinen schweren Krisen hinaus. Sie wurden mir zum Motor, nach den grundlegenden Antworten meines Lebens zu suchen.» Ihren aktuell wichtigsten Sinn hat sie nun im Beruf der Sterbeamme gefunden, in dessen Rahmen sie mithelfen will, «dem Tod seinen Schrecken zu nehmen und in ein freundlicheres Licht zu rücken».

(Berner Zeitung)

Erstellt: 05.12.2018, 15:32 Uhr

Der Weg zur Sterbebegleiterin

Für Freiwillige und Interessierte, die nicht im Gesundheitswesen tätig sind, sich aber vertieft mit Sterbebegleitung auseinandersetzen wollen, gibt es in der Schweiz den 48-stündigen Lehrgang des Roten Kreuzes «Passage SRK» in Palliative Care.

Hier lernen sie, Schwerkranken und Sterbenden das Leiden in der letzten Lebensphase zu lindern und mit einer ganzheitlichen Betreuung bis zum Tod eine möglichst hohe Lebensqualität zu bieten.

Demgegenüber dauert die Ausbildung zur Sterbeamme in Deutschland zwei Jahre und beinhaltet tiefer gehende Themen wie Krisenintervention, Suizidprävention, themenbezogenes Coaching und die medikamentenfreie Lösung von Angst. Sabine Amrhein kann so nicht nur begleitend, sondern, wie sie sagt, vor allem lösungsorientiert arbeiten.

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