Sie kamen 2015 – was tun sie jetzt?

Ein Syrer und ein irakischer Jeside haben in Deutschland Schutz vor dem Krieg gesucht. Ein Wiedersehen in Berlin.

Monir Khalil hat sich in Berlin ein neues Leben eingerichtet und geniesst die Vielfalt der Grossstadt. Foto: Thomas Schweigert

Monir Khalil hat sich in Berlin ein neues Leben eingerichtet und geniesst die Vielfalt der Grossstadt. Foto: Thomas Schweigert

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Wozu dient einem Flüchtling die Stadt, in der er gestrandet ist? Als Transit? Als Exil? Als temporäre Zuflucht? Als neue Heimat? Jeder Flüchtling wird darauf eine andere Antwort geben, eine Antwort, die nicht nur von ihm selbst abhängt, sondern auch von seinen Freunden und seiner Familie.

Monir Khalil hat im syrischen Aleppo seine Eltern verloren. Nach Deutschland kam der 30-Jährige 2015 mit zwei jüngeren Brüdern, zu denen er heute nur noch wenig Kontakt hat. Khalil ist ein Individualist. Er wohnt alleine, hat Freunde und Freundinnen, aber keine feste Beziehung.

Der junge Syrer ist ein begeisterter Neu-Berliner. Manchmal sagt er «icke», wenn er ich meint, und grinst. Er trainiert bei Hansa 07 im Multikulti-Bezirk Kreuzberg junge Fussballer, coacht andere Flüchtlinge, hat deutsche und türkische Freunde, kocht italienisch. «Dank Anleitungen auf Youtube ist das ganz leicht.» Er baut sich in Berlin etwas Neues auf – weil er muss und weil er kann.

Exil und Diaspora zugleich

Fida Souari war Ende 2014 der letzte seiner siebenköpfigen Familie, der aus dem Nordirak floh. Sein Vater, der als Soldat nach dem iranisch-irakischen Krieg Jahre im Gefängnis sass, lebte da bereits seit eineinhalb Jahrzehnten als Flüchtling in Berlin.

Souaris Familie gehört der kleinen vor-islamischen Religionsgemeinschaft der Jesiden an. Hunderttausende Jesiden sind vor den muslimischen Schlächtern des Islamischen Staats geflüchtet, Tausende wurden umgebracht. 200'000 leben mittlerweile in Deutschland, je nach Schätzung entspricht dies einem Fünftel oder Siebtel des bedrohten Volkes. Für die Jesiden ist Deutschland Exil und Diaspora zugleich. Ein Ort, um als Gemeinschaft zu überleben.

Fida Souari, ein scheuer, zugleich warmherziger Mann, gibt sich Mühe, in Berlin anzukommen. Doch sein Leben spielt sich vor allem im Kreis seiner Familie ab, mit Mutter, Vater, Brüdern und Schwester, und im Kreis anderer Jesiden, die hier Zuflucht gefunden haben. Sein Deutsch ist kaum besser als vor drei Jahren.

Im März 2016 hatte ich die beiden Flüchtlinge in einem Integrationskurs kennen gelernt. Als ich sie ein Jahr später wiedersah, war Monir Khalil traurig, Fida Souari wirkte etwas verloren. Der Syrer hatte einige Monate zuvor erfahren, dass seine in Aleppo zurückgebliebenen Eltern umgekommen waren. Sein «Lebensziel», die Familie in Berlin wieder zu vereinen, hatte sich zerschlagen. Khalil war erschüttert, weinte oft. Die Lebenslust, die er ein Jahr zuvor in der Schule noch ausgestrahlt hatte, schien verflogen. Souari war nicht traurig, dazu hatte er keinen Grund, aber unruhig. Was würde in Deutschland aus ihm werden? Würde er einen Beruf finden, der es ihm irgendwann erlauben würde, eine eigene Familie zu gründen?

Gefestigt, glücklicher

Als ich die beiden jetzt, zwei Jahre danach, erneut treffe, kommen sie mir gefestigt vor – glücklicher, auf jeweils eigene Weise angekommen. Fida Souari holt mich mit dem Auto ab, einem kleinen silbernen Mazda, den er für 4000 Euro erstanden hat. «Wie findest du ihn?», fragt er lachend, und freut sich, als ich ihm anerkennend zunicke. Zum Gespräch fährt er mich nach Neukölln, wo wir uns in den geheizten Aussenpavillon eines Einkaufszentrums setzen, wo er rauchen darf.

Viel Neues ist in seinem Leben nicht passiert. Er wohnt immer noch bei seiner Familie am Rande Berlins, sieben Erwachsene auf knapp hundert Quadratmetern. Fast drei Jahre hat er in der Kantine des Berliner BMW-Motorradwerks als Küchengehilfe gearbeitet. Gerade beginnt er einen neuen Job: Für einen Caterer fährt er Essen zu Kitas und Schulen. Viel verdient der 34-Jährige dabei nicht, nach allen Abzügen bleiben ihm monatlich vielleicht 700 Euro. Das meiste davon fliesst in die Familienkasse.

Souari weiss, dass er eine Lehre machen müsste, möchte er einmal mehr verdienen – als Altenpfleger etwa oder als Koch. Aber er scheut den Aufwand. «Drei Jahre sind lang», sagt er. «In dieser Zeit wäre mein Lohn noch viel tiefer. Und wer weiss, ob ich am Ende die Prüfung bestehe?» Schon am Ende des Integrationskurses war er durch die Deutschprüfung gefallen, eine Lehre verlangt aber noch bessere Kenntnisse.

Fida Souari lebt in einer jesidischen Gemeinschaft. Foto: Thomas Schweigert

Mitten im Gespräch sieht er durch die Scheiben des Pavillons seinen Vater. Der gross gewachsene Mann im hellen Trenchcoat, gegeltes dünnes Haar und Schnurrbart, steht draussen mit anderen jesidischen Männern, raucht und plaudert. Der Sohn holt die Gruppe um seinen Vater herein, alsbald sitzen alle schwatzend und lächelnd um uns herum.

Der Vater spricht noch weniger gut Deutsch als sein Sohn, obwohl er bereits seit 18 Jahren in Berlin lebt. Er hat, so erzählt es der Sohn, hier noch nie gearbeitet, sondern stets Sozialhilfe bezogen. Die Jesiden treffen sich meist unter sich, Deutsche spielen in ihrem Leben keine nennenswerte Rolle. Die Freunde des Vaters nennt Souari dagegen «Onkel», selbst wenn sie mit ihm nicht verwandt sind.

Nur der 18-jährige Sohn eines «Onkels» fällt aus der Reihe. Der junge Jeside spricht perfekt Deutsch, nahezu ohne Akzent. «Ich hatte nach meiner Ankunft in Berlin zwei Jahre lang eine deutsche Freundin», erklärt er. In einer Mappe hält er Bewerbungen für eine KV-Lehre unter dem Arm, er schwärmt von den Möglichkeiten, die Berlin bietet. Fida Souari hört es sich stumm an. Als ich ihn später frage, wo er sich selber in zehn Jahren sehe, antwortet er: «Ich möchte eine gute Arbeit und eine gute Familie haben – das ist das Wichtigste.» Wie er dahin gelangen will, darüber sagt er wenig.

Ein hippes Restaurant

Monir Khalil, der Syrer, hat für unser Treffen ein hippes Restaurant am Alexanderplatz vorgeschlagen, wo man balinesischen Porridge und Halloumi-Burger essen kann und Smoothies in bunten Farben über die Theke gehen. Statt traurig, wie vor zwei Jahren, begrüsst er mich diesmal fröhlich, fast übermütig.

Damals hatte er als Kellner und Verkäufer gejobbt, zum Mindestlohn wie sein ehemaliger Mitschüler Souari. Nun, nach zwei sechsmonatigen Ausbildungen, arbeitet er als Sozialarbeiter und Coach. Er hilft vor allem Migranten, die neu in Berlin sind, beim Umgang mit Ämtern, Schulen oder Vermietern. «Im Helfen bin ich gut», sagt er. «Und Helfen tut mir gut.»

Eine feste Anstellung und eine anerkannte höhere Ausbildung hat auch Khalil nicht, obwohl er aus Syrien einen Hochschulabschluss in Kommunikation mitbrachte. Aber er hat den Plan noch nicht aufgegeben, in Berlin vielleicht doch noch zu studieren. In der freien Zeit engagiert er sich als Fussballtrainer und ist daran, die nötige Lizenz zu erwerben. Sein Deutsch ist gut und flüssig, neben Arabisch spricht er zudem Türkisch, Kurdisch und Armenisch.


«Man kann nicht ständig an die Vergangenheit denken. Es kommt auf die Zukunft an.»
Monir Khalil

«Mir geht es sehr gut», sagt er. Die Trauer über den Verlust seiner Familie und seiner Heimat hat nachgelassen. «Was verloren ist, ist verloren. Man kann nicht ständig an die Vergangenheit denken. Auf die Zukunft kommt es an.» Er probiert vieles aus, macht Pläne und ändert sie wieder, wenn nötig. «Vieles im Leben hängt von Zufällen und vom Glück ab. An Pläne hält es sich nur selten.»

Spielerisch geht er auch die Liebe an. Er hat sich öfter mit Frauen angefreundet, aber binden wollte er sich bisher nicht. «Als Single lebst du am besten», scherzt er, «weil du dein eigener König bleibst.» In Wahrheit wünscht er sich sehr wohl eine richtige Partnerschaft. «Wahrscheinlich habe ich dafür aber einfach noch nicht die richtige Frau gefunden.»

Die richtige Frau zu finden, ist für Fida Souari vermutlich noch viel komplizierter als für Monir Khalil. Seine Tradition erlaubt es ihm nicht, mit Frauen ausserhalb der Ehe anzubandeln. Um eine Familie zu gründen, müsste er also nicht nur einen ehrbaren Beruf haben, sondern auch eine seiner Familie genehme Jesidin kennen lernen. Die Jesiden heiraten strikt unter sich. Wer sich nicht daran hält, scheidet automatisch aus der Gemeinschaft aus. Als ältester Bruder nimmt Souari auch die Aufgabe wahr, auf seine 20-jährige Schwester aufzupassen. Der Gedanke, diese könnte sich in einen Deutschen oder – noch schlimmer – in einen Araber verlieben, entsetzt ihn. «Das ist unmöglich», sagt er und guckt sehr ernst.

«Wir haben da keine Zukunft mehr.»Fida Souari

Als ich ihm sage, dass deutsche Brüder ihren Schwestern nicht vorschreiben könnten, mit wem diese sich zusammentäten, sagt er traurig: «Wir halten uns an die deutschen Gesetze. Wir hoffen aber auch, dass die Deutschen unsere Traditionen respektieren.»

Für Souaris Familie ist Berlin eine Art Rettungsboot. Die Jesiden sind dankbar, dass Deutschland ihnen Schutz gewährt. Selber Deutsche werden wollen sie eher nicht. In ihre alte Heimat zurück können sie aber auch nicht: «Wir haben da keine Zukunft mehr.»

Für Monir Khalil hingegen ist Berlin nichts weniger als ein Sprungbrett in ein neues Leben. Als seine Mutter noch gelebt habe, sei sie seine Heimat gewesen, sagt er. Heute sei es Berlin. «Wenn ich einen deutschen Pass bekomme, will ich für immer hier bleiben.» Wie viele Neu-Berliner schwärmt er von der Stadt. In Baden-Württemberg überkomme ihn nach drei Tagen schon das Heimweh nach Berlin.

Ihm gefällt, dass er mit seinem dunklen Gesicht in Berlin nicht weiter auffällt. Gleichzeitig befreit es ihn, dass hier die Zwänge der arabischen Gesellschaft nicht gelten. «Ich bin ein Teil der Vielfalt dieser Stadt. Jeder kann hier so leben, wie er will. Berlin heisst für mich Freiheit.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.03.2019, 19:51 Uhr

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