Hintergrund

«Sie sind schlau, ehrgeizig und attraktiv»

Weshalb gehen Frauen ins Finanzbusiness? Haben sie beim Zocken um Milliarden mehr Skrupel als Männer? Darüber geben jetzt auf einem Blog Bankerinnen Auskunft, die schon mal eine halbe Million Franken im Jahr verdienen.

«In den Toppositionen wird es immer weniger Frauen als Männer geben»: Händlerin an der Börse in London.

«In den Toppositionen wird es immer weniger Frauen als Männer geben»: Händlerin an der Börse in London. Bild: Reuters

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Schon von Anfang an hatte die Krise der Finanzsysteme ein Geschlecht, es war die Rede davon, dass testosterongetriebene, wilde Bullen-Banker Lehman Brothers krachen liessen. Es war, so ist häufig die Meinung, die Männlichkeit an sich, die eine monetäre Weltkrise auslöste.

Auch die heutige Chefin des Internationalen Währungsfonds, die Französin Christine Lagarde, stiess schnell in dieses Horn. Anfang 2010, als sie noch Frankreichs Finanzministerin war, schrieb sie in einem Gastbeitrag für die «New York Times»: «Wenn Lehman Brothers bloss Lehman Sisters gewesen wäre, dann sähe die Welt heute besser aus.»

So richtig überprüfen lässt sich die These von den besser bankenden Frauen leider nicht – unter anderem gibts dafür schlicht zu wenig Frauen in relevanten Berufspositionen. So zeigen etwa Zahlen zur deutschen Finanzbranche folgende Situation: Der Frauenanteil in den Vorständen lag im Jahr 2010 bei 2,9 Prozent – und damit nur 0,4 Prozentpunkte höher als 2006. Zwar war es auch bei den deutschen Banken im Zuge der Finanzkrise zu massiven Umwälzungen in den Vorständen und Aufsichtsräten gekommen – der Frauenanteil erhöhte sich aber nicht. (Lesen Sie auch: «Sie wollen nach oben? Dann vergessen Sie jetzt mal alles, was Sie gelernt haben».)

In der Schweiz zeigt sich ein ähnliches Bild. Ein Beispiel: In den Verwaltungsräten und Konzernleitungen der fünf grössten Schweizer Banken sitzen insgesamt 92 Männer – und 8 Frauen. Und dabei weist ein einziges Gremium mehr als nur die meist übliche Alibifrau auf, nämlich zwei Frauen: Es ist der Bankrat der Zürcher Kantonalbank. (Lesen Sie auch: «10 Karriere-Tipps von Top-Managerinnen».)

Doch es gibt sie natürlich, die Exotinnen im Testosteronteich. Und jetzt melden sie sich sogar zu Wort.

Auf der Website des «Guardian» führt der Finanzjournalist Joris Luyendijk einen Blog, auf dem er schon seit geraumer Zeit Interviews mit Bankern veröffentlicht. Es geht darum, die Branche quasi aus einer ethnologischen Perspektive zu betrachten. Jetzt hat Luyendijk entsprechende Beiträge zum Thema «Women in Finance» publiziert: Gespräche mit 12 Frauen, die in der Londoner City arbeiten. Zwar sind die Interviews anonymisiert, sie geben aber in ihrer Detailfülle und Direktheit einen spannenden Einblick in die Londoner Bankerszene – und sie sind oft genug entlarvend für beide Geschlechter, Männer und Frauen. Im Folgenden eine Auswahl lesenswerter Passagen aus Luyendijks Feldforschung – am besten allerdings liest man die Gesprächstranskripte integral.

«Viele Leute hassen, was sie tun»

  • Eine Enddreissigerin, die als Risk-and-Compliance-Consultant bei einer grossen Bank in London arbeitet (Jahressalär um die 100'000 Pfund), gibt zu Protokoll: «Mein Eindruck ist, dass viele Leute im Finanzbusiness hassen, was sie tun. Sie sind nicht mit Leidenschaft dabei – aber die Leute sind gefangen von der Aussicht auf viel Geld. Die Leute sind selbstsüchtig, sie wollen ihren Lifestyle aufrechterhalten können. Und es geht die Angst um, den Job zu verlieren. Alle kennen Storys über Entlassene, die seit Monaten schon ohne Erfolg einen neuen Job suchen. Aber die grösste Angst ist: der eigenen Frau erzählen zu müssen, dass man den Job verloren hat. Man sollte meinen, dass die Männer in einer solch schwierigen Lage von ihren Ehefrauen unterstützt werden. Das Gegenteil ist der Fall: Die Banker-Frauen haben sich an einen Lebensstil gewöhnt. (Lesen Sie auch: «Das Geld macht der Papa: Die reichsten Frauen».) Sie wünschen sich alle zwei Jahre eine neue Kücheneinrichtung. Weshalb ich in diesem Job arbeite? Wegen des Geldes. Und da gibt es auch diesen Trägheitsfaktor: Nach einem Tag am Computerbildschirm habe ich nicht mehr die Energie, am Abend Bewerbungsschreiben zu tippen.»

«Feminismus heisst, alle Möglichkeiten zu haben»

  • Eine Mittvierzigerin, die als Chief Operating Officer bei einer Investmentbank arbeitet (Jahressalär 200'000 Pfund plus bis zu 150'000 Pfund Bonus), sagt: «Weshalb sollten Frauen nicht stolz darauf sein, wenn sie es in der Finanzindustrie bis nach oben schaffen? Feminismus heisst für mich: als Frau die Möglichkeiten zu haben, alles zu machen. Ich checke morgens meine E-Mails bereits um 6.30 Uhr. Um 7 Uhr bin ich im Büro. Zwischen 8 und 15.30 Uhr findet der Börsenhandel statt – das bedeutet: ein Chaos, das einen zwingt, ständig zu reagieren. Gegen 17.30 Uhr gehen die Händler, dann wende ich mich dem Administrativen zu. Ich gehe um sieben oder um acht aus dem Büro. Manchmal arbeite ich auch am Wochenende. Wenn in einem Handelsraum Pannen passieren, die Milliarden vernichten, dann meistens nicht, weil jemand Geld in die eigene Tasche wirtschaften will. Oft passiert es, weil Trader Fehler machen, die sie mit neuen Geschäften, die wiederum scheitern, zu vertuschen suchen. Jérôme Kerviel war kein Monster. Er war ein Kind mit einem grossen Wissen.»

«Work hard, party harder»

  • Eine 25-jährige Angestellte bei einer Londoner Investmentfirma (Jahressalär rund 60'000 Pfund) erzählt: «Wenn man als Frau in die Finanzbranche geht, weiss man ja, dass man sich fürs Arbeiten in einer Männerdomäne entschieden hat. Und deshalb machen auch nicht Frauen diesen Job, die eine solche Umgebung stört. Sie suchen sie vielmehr. Die Frauen, die in der Finanzbranche arbeiten, sind schlau, ehrgeizig, sie arbeiten hart. Und sie sind überdurchschnittlich attraktiv. Die Frauen unter dreissig halten sich ans Motto: Work hard, party harder. (Lesen Sie auch: «So legen Sie Ihren Chef flach».) Zwischen 30 und 40 wirds schwierig für die Frauen – wenn sie Kinder wollen; das lässt sich mit einer 70-Stunden-Woche kaum vereinbaren. Aber wenn die Frauen bleiben, dann finden sie meist auch ihre Rolle. Ich würde es begrüssen, wenn mehr Frauen ins Bankenbusiness wollten. Aber Frauenquoten sind dafür definitiv keine Lösung. In den Toppositionen wird es immer weniger Frauen als Männer geben. CEOs geben ihr ganzes Leben in den Job – Frauen sind in der Regel nicht so. Sie tun das nicht.»

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Erstellt: 16.11.2011, 21:41 Uhr

«Wenn Lehman Brothers bloss Lehman Sisters gewesen wäre...»: IWF-Chefin Lagard.

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