Sieht mein Hintern dick genug aus? 

Es ist noch nicht lange her, da galt ein grosser Frauenpo als peinlich. Heute ist er das Mass aller Dinge und wird gefeiert.

Mode-Gag? Madonnas Derrière ist man sich anders gewohnt. Ob es sich da hintendran um Implantate handelt oder bloss um eine gepolsterte Unterhose, blieb ungeklärt.

Mode-Gag? Madonnas Derrière ist man sich anders gewohnt. Ob es sich da hintendran um Implantate handelt oder bloss um eine gepolsterte Unterhose, blieb ungeklärt.

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Der Hintern sah einfach nur riesig aus. Als Madonna vor zwei Wochen zusammen mit ihrem Sohn in einer kleinen New Yorker Schwulenbar ein paar Songs sang, trug sie eine schwarze Jeans, in der sich ihr Gesäss in einer Art und Weise wölbte, die die sozialen Medien kollektiv nach Luft schnappen liess. Das war eindeutig nicht der Madonna-Hintern, den man kannte und von dem man stets angenommen hatte, dass er in der Lage wäre, Walnüsse zu knacken.

Ob es sich um Implantate handelte oder um eine gepolsterte Unterhose, liess sich nicht schlüssig klären, fest stand bloss eines: Wenn sich selbst Madonna einen dicken Po zulegt, dann kann sich nicht einmal die Queen of Pop dem herrschenden Körperideal entziehen. Denn der weibliche Körper unterliegt ja längst Trends, genauso wie Schuhe oder Rocklängen. Weshalb knackige Hintern momentan, nun ja, out sind und das derzeitige körperliche Must-have in einem ausladenden Gesäss besteht.

Schuld daran ist – tatsächlich – Kim Kardashian. Der Reality-TV-Star hat im Alleingang dafür gesorgt, dass das weibliche Heck – zusammen mit einer Wespentaille, denn erst die setzt das grosse Hinterteil optimal in Szene – zum neuen Schönheitsideal wurde. Das Bild des Fotografen Jean-Paul Goude, auf dem sie ein Champagnerglas auf ihrem chirurgisch optimierten Derrière balanciert, machte sie 2014 zu einem der bekanntesten Menschen der Welt. Anzahl Follower auf Instagram, Stand heute: 124 Millionen.

Kardashian definierte mit einer Taille von 61 Zentimetern und einem Hintern von 99 Zentimetern Umfang die Standards neu und hatte so etwas wie eine Lücke entdeckt im Aufmerksamkeitsmarkt der Körperlichkeit, denn die Obsession mit dem Gesäss war in diesem Ausmass komplett neu: Es mag die Rubens-Frauen gegeben haben und Marilyn Monroe mit ihrer Sanduhr­figur, irgendwann liess sich Jennifer Lopez medienträchtig ihre Rückseite für einen Millionenbetrag versichern, ansonsten aber sorgten sich Frauen bezüglich ihres Hintern jahrzehntelang nur in die andere Richtung: dass er zu gross sein könnte.

Früher hatten in erster Linie Mütter dicke Hintern

In den Zwanzigern (Charleston), den Sechzigern (Twiggy) und den Neunzigern (Kate Moss) war er sogar Quantité négligeable, einfach irgendwie da, aber bitte möglichst unauffällig. Anfang der Nullerjahre rückte er mit Kylie Minogue und ihren Hotpants zaghaft in den Fokus, aber zelebriert wurde nicht eine frauliche Üppigkeit, sondern ein Mädchenpopo.

Damals war ein dicker Hintern das Synonym für alt. Mütter hatten dicke Hintern. Ihre Töchter hingegen trugen wie die Vorbilder der damaligen Zeit, Christina Aguilera und Paris Hilton, tief geschnittene Miss-Sixty-Jeans, in denen ihre flachen Bäuche und ihre hervortretenden Hüftknochen zur Geltung kamen. Nichts war den weiblichen Teenagern der Neunziger- und Nullerjahre ein grösserer Graus, als breithüftig zu sein, und nichts bedeutete einen grösseren Reputationsschaden für den männlichen Teenager wie eine Freundin mit einem grossen Füdli. Da war man in beiden Fällen, nun, am Arsch.

Heute ist die Rückseite zum Zentrum geworden, die Töchter jener Töchter, die Miss-Sixty-Jeans trugen, bevorzugen nun taillenhoch geschnittene Mom-Jeans, weil Weiblichkeit neuerdings am Umfang des Hinterns bemessen wird. Er allein bestimmt den Wert auf der Attraktivitätsskala, er steht dabei für alles, was dazugehört, für Mütterlichkeit, Fruchtbarkeit und natürlich: für Sex. Kim Kardashians Exemplar schreit das so laut wie früher die riesigen Silikonbrüste.

Und genauso künstlich wie dieses Ideal von damals ist auch das neue Ideal des üppigen Derrières. Obschon sich die Body-Positivity-Bewegung begeistert zeigte, geht es dabei mitnichten um das Zelebrieren von femininen Hüften und ­gebärfreudigen Becken, und schon gar nicht geht es um ein erstarktes weibliches Selbstbewusstsein. Der aktuelle Trend ist genauso unrealistisch wie alle anderen Körperdiktate der Neuzeit: Die Sanduhrfigur kommt in der Realität genauso wenig vor wie Amazonen mit riesigen, torpedoartigen Brüsten – es scheitert schlicht an biologischen Gesetzmässigkeiten: Schlanke Frauen haben meist weniger Fett und daher meist auch kleinere Brüste. Modelmasse plus eine grosse Oberweite sind deshalb genauso eine Fantasie wie jetzt Kardashians Riesenhintern in Kombination mit ihrer Wespentaille. 

Dennoch wird dieses artifizielle Extrem mittlerweile als schön empfunden. Als schön galt bislang Marilyn Monroes oder Sophia Lorens Taille-Hüft-Verhältnis von 0,7 – Kim Kardashians WHR (waist-hip ratio) beträgt 0,61. Selbst der Mainstream betrachtet das inzwischen als erstrebenswert. So sehr, dass sich die entsprechenden operativen Eingriffe innerhalb von drei Jahren beinahe verdoppelt ­haben. Die jährliche Statistik der Internationalen Vereinigung der plastischen Chirurgie (Isaps) zeigt, dass die Vergrösserung des Hinterteils mittels Implantaten oder Unterspritzung mit Eigenfett so rasant zunimmt wie kaum ein anderer Eingriff: von 220 000 im Jahr 2014 auf 416 000 im Jahr 2017. Für die Schweiz liegen keine konkreten Zahlen vor, aber Mark Nussberger, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Ästhetische Chirurgie, bestätigt, dass «die Nachfrage diesbezüglich in den letzten Jahren gestiegen ist». Er geht davon aus, «dass auch in der ganzen Schweiz der Trend der Gesässvergrösserung mit den Untersuchungen der Isaps übereinstimmt».

Zu viel Fett aufs Mal kann Gefässe verstopfen

Dabei ist der Eingriff nicht ungefährlich. Oder vielmehr: Er ist überaus gefährlich. Bei keiner anderen Schönheitsoperation ist das Risiko grösser, an Komplikationen zu sterben. Die Patientinnen erleiden im schlimmsten Fall eine Embolie, wenn zu viel Fett aufs Mal mit hohem Druck injiziert wird und dieses dann Gefässe in Lunge oder Herz verstopft. Cynthia Wolfensberger, plastische Chirurgin mit eigener Praxis in Zürich, macht den Eingriff nicht gerne, mit Implantaten arbeitet sie gar nicht: «Die Naht dafür verläuft in der Gesässspalte. Wenn da bei der Wundheilung etwas nicht gut läuft, dann gute Nacht.»

Wenn überhaupt, spritzt sie Eigenfett, aber verteilt über mehrere Behandlungen, was die Kosten erhöht und ein Grund ist, weshalb, gerade im Ausland, zu viel aufs Mal in nur einer Sitzung injiziert wird. Und natürlich wünschen sich viele Patientinnen – genau wie damals bei den Brüsten – grössere Volumina, als aus medizinischer Sicht gutgeheissen werden kann. Und ja, die plastische Chirurgin fragt sich mitunter, weshalb sich Frauen das antun: «Die Vorstellung dieses überdimensionierten Hinterns stammt aus derselben Ecke wie früher die Vorstellung der überdimensionierten Brüste. Es ist eine sehr machoide Vorstellung dessen, was Weiblichkeit ausmachen soll, und damit eine sehr beschränkte Form von Weiblichkeit.»

Das heisst: Auch 2019 bestimmt immer noch der männliche Blick, was an Frauen sexy ist. Aller Emanzipation zum Trotz eifern diese dem neu geforderten Ideal dennoch fleissig nach, selbst wenn sich die Mehrheit nicht operieren lässt, sondern trainiert und trainiert, auf dass ihr Gesäss die neuerdings gewünschten Rundungen und Wölbungen bekomme – was indes nur von bescheidenem Erfolg gekrönt sein wird. Ein Hintern, wie er nun Pflicht sein soll, ist mit Sport allein kaum zu erreichen – für weisse Frauen jedenfalls.

Körper einer Schwarzen, aber bitte ohne schwarze Hautfarbe

Denn, o ja: Der glorifizierte voluminöse Po ist durchaus politisch. Jene Champagnerglas-auf-dem-Hintern-Aufnahme aus 2014 nämlich war eine Reproduktion von 1978 – da war Kardashian noch gar nicht auf der Welt – , als Fotograf Jean-Paul Goude in exakt derselben Pose das schwarze Model Carolina Beaumont abgelichtet hatte für sein Buch mit dem Titel «Jungle Fever». Beaumont entsprach dem damaligen Ideal des exotischen, schwarzen Körpers: der Gazelle mit dem hohen, kugelförmigen Po. Dass sich Kardashian als weisse Frau mit der künstlichen Vergrösserung ihrer Rückseite einer schwarzen Ästhetik bediente, war unübersehbar.

Die «Washington Post» schrieb damals: «Man will den Körper der schwarzen Frau – aber bitte ohne die schwarze Frau.» Cynthia Wolfensberger sieht es ähnlich. Kim Kardashian, sagt sie, habe sich als Weisse das Gesäss einer schwarzen Frau verpasst – in Kombination mit einer weissen Minitaille: «Weisse bedienen sich schon lange gerne der schwarzen Ästhetik – allerdings immer nur partiell. Die breite Nase wollen sie nicht, dafür das krause, voluminöse Haar und die vollen Lippen.» Und jetzt wollen sie eben auch den schwarzen Hintern. Was die angeblich natürliche Figur noch mehr zum Kunstprodukt macht, zu einem Versatzstück aus ästhetischen Elementen, die eigentlich nicht zusammen vorkommen, sondern eine überstilisierte Weiblichkeit kreieren.

Womöglich ist aber sowieso bald ein anderes Körperteil an der Reihe. Das Ende des Riesen-Pos zeichnet sich nämlich bereits ab. Getreu den ewigen Gezeiten der Mode folgt auf den taillenhohen Bund der Mom-Jeans die Hüfthose – die Avantgarde trägt diese bereits wieder. Und dieser Schnitt verträgt keinen grossen Hintern.

Fortsetzung — 48

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.01.2019, 07:11 Uhr

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