So gefährlich ist Sex im Alter wirklich

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Risiko eines kardiovaskulär induzierten Exitus.

Was machen die armen Frauen, wenn ihnen ein Kerl nach dem anderen auf dem Höhepunkt seiner sexuellen Aktivität wegstirbt? Foto: Laulcare (Flickr)

Was machen die armen Frauen, wenn ihnen ein Kerl nach dem anderen auf dem Höhepunkt seiner sexuellen Aktivität wegstirbt? Foto: Laulcare (Flickr)

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Neulich las ich diese Statistik: Sex im Alter wirke sich geschlechtsspezifisch aus. Während bei Frauen die Lebenserwartung höher werde, steige bei Männern infolge des erhöhten Infarktrisikos die Sterblichkeit. Finden Sie nicht auch, diese Statistik habe auch für uns Männer etwas Tröstliches?
C.A.

Lieber Herr A.
Aber so was von! Die Vorstellung, als Winkelried der Leidenschaft unterzugehen, hat sogar etwas ganz Grossartiges. Aber werden die Frauen die heldenhafte Aufopferung der Männer auch zu schätzen wissen? Oder werden sie es nur für eine billige Anmache halten, wenn Männer ihnen ein langes, erfülltes Leben in Aussicht stellen und erklären, dafür auch bereit zu sein, ihr Risiko eines kardiovaskulär induzierten Exitus zu verdoppeln? Was machen die armen Heterofrauen, wenn ihnen ein Kerl nach dem anderen auf dem Höhepunkt seiner sexuellen Aktivität wegstirbt, während sie sich dem ewigen Leben entgegenvögeln? Und wohin mit der Leiche?

Fragen über Fragen. Doch wie so oft sieht die Realität statistischer Zusammenhänge in Wirklichkeit ein wenig anders aus. Sie ist nämlich erstens schon mal keine «Statistik» (wie «50 Prozent ­aller Toupetträger erklären in einer Be­fragung, eitel zu sein»), sondern eine ­Studie, die sich zahlreicher statistischer Verfahren bedient, die nötig sind, um an Personen erhobene Daten in Auftretenswahrscheinlichkeiten zu verwandeln. Sie heisst «Is Sex Good for Your Health? A National Study on Partnered Sexuality and Cardiovascular Risk Among Older Men and Women», erschien 2016 im «Journal of Health and Social Behaviour» und wurde verfasst von drei Soziologinnen und einer Medizinerin. Und zweitens sind die Befunde der Studie zwar über­raschend, aber nun doch nicht so knackig eindeutig, wie das, was als ihr an­gebliches Resultat herumgeboten wird.

Ja, es sieht so aus, als ob die früheren «Statistiken», die zeigen, dass Sex im Alter grundsätzlich ein gesundheitsförderndes Äquivalent zu Sport und Bewegung ist, hinfort mit Vorsicht zu geniessen sind, insbesondere was deren Gültigkeit für beide Geschlechter angeht. Aber es gilt auch zu klären, woraus sich der (vermeintliche?) Widerspruch zu früheren Untersuchungen erklärt, um den Bereich der Gültigkeit der jetzigen Studie genauer ermessen zu können. Was ich damit sagen will: Dass wissenschaftliche Erkenntnis einfach nur der neueste Stand des Irrtums ist, wie man Max Weber gern zitiert, ist seinerseits oft auch nur ein billiges Argument, sich nicht mit den Feinheiten der Wissensproduktion zu beschäftigen. Tut man das nämlich, verliert sich die Sexiness der neuesten Studien in den vieldeutigen Niederungen der mühsamen Empirie. Und das ist auch gut so.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.04.2017, 07:02 Uhr

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