Unsicheren Mitarbeitern gibt sie einen Teddy

Eine Schweizer Unternehmerin erklärt, wie sie das Arbeitsklima verbessert.

Wer sich im Büro wohlfühlt, arbeitet nicht nur lieber, sondern auch besser. Illustration: Alexandra Gornag

Wer sich im Büro wohlfühlt, arbeitet nicht nur lieber, sondern auch besser. Illustration: Alexandra Gornag

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Als ich die erfolgreiche Schweizer Unternehmerin Tina Roth Eisenberg vor fünf Jahren das erste Mal an ihrem Arbeitsort in New York besuchte, habe ich alles erwartet, nur nicht, was mich dort erwartete: Das zweistöckige Büro wirkte wie ein hippes Café, überall waren Pflanzen und Bücher, beim Eingang stand ein Spiegel mit der Schrift «You look great today!», und im oberen Stock hing eine Schaukel von der Decke. Angestellte standen in einem kleinen Grüppchen zusammen und lachten über etwas, das jemand auf seinem Smartphone zeigte. Es sah nicht aus, als würde hier gearbeitet. Es wirkte, als wären alle nur zum Spass hier.

Ich war leicht irritiert. Denn was ich kannte, war etwas anderes: karge Büros, eher praktisch statt gemütlich eingerichtet. Schweizer Arbeitsplätze sind selten Wohlfühloasen. Sie sind kühl – Wärme macht schliesslich schläfrig –, und Aktivitäten oder Rituale, die nicht direkt mit der Arbeit zu tun haben, sucht man meist vergebens. Der Firmenausflug oder das Weihnachtsessen einmal im Jahr müssen reichen. Man will ja nicht unnötig Geld ausgeben.

Nun, die Wahrheit ist: Dieses Geld wäre gut investiert. Das Resultat einer Studie mit 23'000 Arbeitnehmern aus acht Ländern zeigte, dass ein gutes Arbeitsklima die Mitarbeitenden nicht nur produktiver, innovativer und leistungswilliger macht, sie sind auch weniger krank und bleiben ihrem Arbeitgeber länger treu. Im Silicon Valley ist man sich dessen bewusst. Schwimmbäder, Cafés, Tennisplätze und Meditationsräume – das Angebot ist riesig, theoretisch müsste man gar nie nach Hause. Aber man muss kein Gigant wie Facebook oder Google sein, um ein gutes, kreatives Arbeitsklima ermöglichen zu können. Ein paar kleine Veränderungen können schon Grosses bewirken.

Tina Roth Eisenberg gilt als Expertin auf diesem Gebiet. Die gebürtige Appenzellerin, die seit 20 Jahren in New York lebt, wird auf der ganzen Welt von namhaften Firmen eingeladen, um vor Tausenden Führungskräften über die Wichtigkeit eines guten Arbeitsklimas zu sprechen. Sie selber führt mehrere Unternehmen gleichzeitig. Sie ist Gründerin und Inhaberin von Creative Mornings, das sind öffentliche Talks, die in über 200 Städten auf der ganzen Welt stattfinden und monatlich von 22'000 Leuten besucht werden. Ihr gehört Tattly, ein Label für temporäre Tattoos, Teux-Deux, eine To-Do-Listen-App, der bekannte Design-Blog «Swiss-Miss» und der Co-Working-Space «Friends Work Here».

Sie muss niemanden anspornen oder um mehr Einsatz bitten: Die Schweizer Unternehmerin Tina Roth Eisenberg. Foto: Catalina Kulczar (Flickr)

Ein gutes Arbeitsklima und Spass bei der Arbeit sind der Schlüssel zum Erfolg, lernte ich von Tina Roth Eisenberg. Wir freundeten uns über die Jahre an, und wann immer ich in New York war, arbeitete ich in ihrem Co-Working-Space in Brooklyn. Ich nahm an den wöchentlichen Apéros im Büro, den Strandausflügen und den Chorproben teil. Ich wippte auf der Schaukel oder lag mit einem Matcha-Tee auf dem Sofa. Natürlich war ich ständig abgelenkt und mit anderem als der Arbeit beschäftigt. Und doch: Nirgends war ich so produktiv wie in New York. Ich verfasste Texte, Bücher und Theaterstücke im Nullkommanix und lernte erfolgreich für mein Philosophie-Examen.

Konfetti, Apéros und Vorträge

Wer sich wohlfühle und bei der Arbeit nicht nur auf Arbeitskollegen, sondern Menschen treffe, mit denen er auch befreundet sei und gerne Zeit verbringe, arbeite nicht nur lieber, sondern auch besser, ist Tina Roth Eisenbergs Credo. Sie müsse niemanden anspornen oder um mehr Einsatz bitten. Jeder leiste freiwillig und gerne viel. Dafür müsse man ein Arbeitsklima schaffen, das inspiriere und motiviere. Und: «Die besten Ideen entstehen beim Blödeln!»

Dinge, die nichts mit der Arbeit zu tun haben, haben indirekt eben sehr viel damit zu tun. Die Konfettischublade, wenn man spontan einen Erfolg feiern muss. Der monatliche Freitagabendapéro, an denen die Mitarbeitenden Minivorträge zu Dingen halten, die ihnen wichtig sind. Die Botschaft dieser Abende: Alles, was neben der Arbeit passiert, sei dies das eigene Kunstprojekt oder die Polefitness-Karriere, interessiert auch bei der Arbeit.

Über die Jahre, in denen ich immer wieder mehrere Monate in New York verbrachte, sah ich, wie das Angebot an kreativen Aktivitäten und Gadgets wuchs – und mit ihm der Erfolg von Tina Roth Eisenbergs Firmen.

Wenn Sie also das nächste Mal bei einer Sache nicht den direkten Zusammenhang zu Ihrer Firma oder dem Erfolg Ihrer Firma sehen, überlegen Sie zweimal, ob Sie es nicht anschaffen oder einführen wollen. Egal ob als Mitarbeiter oder als Chef. Vielleicht macht es Ihnen und Ihren Kollegen ja einfach Spass – und hat damit schon seinen Zweck erfüllt.

Motivierter im Büro – Tipps von Tina Roth Eisenberg

Über Lust und Frust sprechen
«Life happens!» – das Leben passiert. Sie legen Ihr privates Leben ja nicht einfach zur Seite, wenn Sie das Büro betreten. Eine Krise zu Hause ist am Schreibtisch nicht plötzlich vergessen. Tina Roth Eisenberg führte deshalb «Cherries and Pits» ein. Lust und Frust der Woche. Am ersten Meeting der Woche erzählen alle Mitarbeitenden der Reihe nach, was sie gerade beschäftigt. Wenn Sie wissen, wie es Ihren Angestellten geht, können Sie viel besser Rücksicht nehmen.

Blödeln statt brainstormen
Sie arbeiten acht Stunden oder länger, aber Sie sind bestimmt nicht acht Stunden lang produktiv. Oder haben Sie tatsächlich gute Ideen, wenn Sie angestrengt nach einer guten Idee suchen? Vermutlich nicht. Viele haben ihre besten Ideen beim Duschen oder beim Joggen. Vor dem Einschlafen oder im Gespräch mit Freunden. Lustige Bücher. Eine Schaukel. Hunde am Arbeitsplatz. Alles, was ablenkt und zum Blödeln anregt, hilft!

Humor für zwischendurch
Sorgen Sie dafür, dass kleine Aufmunterungen und lautes Lachen Platz haben. Bei Tina Roth Eisenberg sind die Mitarbeitenden aufgefordert, sich lustige Memes oder Sprüche zu schicken. «Leichtigkeit und Spass machen kreativer!», sagt sie. Sie hat dafür extra interne Chats kreiert. Einer für die «Good Vibes». In einem anderen werden Bilder, Videos und Sprüche verschickt, von denen man denkt, dass sie den Arbeitskollegen freuen.

Kein Sandwich vor dem Bildschirm
Wagen Sie es nicht, keine Pause zu machen! Das Mittagessen ist die Zeit, um den Kopf zu lüften, sich mit seinen Kollegen auszutauschen oder Sport zu machen. Nie und nimmer soll diese wichtige Stunde ausgelassen werden. Tina Roth Eisenberg: «Wenn ich während der Mittagspause jemanden vor dem Computer erwische, gehe ich hin und fordere ihn auf, die Arbeit niederzulegen.»

Ein Teddy für heikle Fälle
Tina Roth Eisenberg rät: Kaufen Sie einen Teddybären und geben Sie ihn Ihren Mitarbeitenden, wenn diese ein emotionales Schutzschild benötigen. Will jemand Kritik äussern oder ganz generell etwas Heikles sagen, hält er den Teddy vor die Brust. So wissen alle: Was jetzt kommt, muss mit besonders viel Wohlwollen aufgefasst werden. Nach einiger Zeit könne der Teddy auch nur noch erwähnt statt vor die Brust gehalten werden. Die Wirkung sei dieselbe: Heftige Auseinandersetzungen wegen Meinungsverschiedenheiten werden vermieden.

Seifenblasen begeistern – auch Erwachsene!
Immer am Freitag für das Ausklingenlassen der Woche mit Wein – und auch sonst mal –, sprüht eine Maschine Seifenblasen durch und aus dem Fenster von Tina Roth Eisenbergs Büro. Die Mitarbeitenden und Passanten, die die Seifenblasen sehen, sind begeistert, und Freude macht produktiv und kreativ. Es müssen nicht Seifenblasen sein, aber besorgen Sie etwas, das den Leuten Spass macht! Einfach nur Spass!

Erstellt: 23.10.2019, 09:17 Uhr

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