So stirbt es sich in Alices Wunderland

Die Thunerin Alice Hofer bemalt und dekoriert Särge und Urnen mit aufheiternden Motiven. Ihr Atelier bezeichnet sie als «Praxis für angewandte Vergänglichkeit».

Schlafen im Stroh-Modell: Alice Hofer in ihrem Sarg-Atelier in Thun.

Schlafen im Stroh-Modell: Alice Hofer in ihrem Sarg-Atelier in Thun. Bild: Béatrice Devènes

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In katholischen Gebieten gedenken die Gläubigen jeweils am 2. November der Verstorbenen. Auf die Frage, was ihr dieser Gedenktag bedeute, reagiert Alice Hofer verdutzt: «Allerseelen sagt mir nur wegen eines Brauches in Mexiko etwas.» Der «Día de Muertos» ist in Mexiko ein fröhliches Fest, kein Tag der Trauer und Besinnlichkeit. Familien veranstalten am geschmückten Grab eines Verstorbenen ein Picknick. Sie halten ein Gedeck für den Verstorbenen frei und verspeisen Totenköpfe aus Zuckerguss.

Das makabre Süssgebäck gibts auf Anfrage im Angebot des Sarg-Ateliers, das Alice Hofer an der Hauptstrasse entlang des rechten Thunerseeufers führt. Die von ihr gestalteten, bemalten und dekorierten Särge, Urnen und Beigaben für «die letzte Reise» lassen keine Zweifel, dass sie dem Tod eine heitere Seite abgewinnen will. So hat sie aus zwei halbrunden Sperrholzschalen ein Schlafen-im-Stroh-Modell kreiert. Am Kopfende dieses Sarges stecken künstliche Edelweiss und Alpenrosen im Stroh; auf Wunsch ersetzt Hofer das Stroh durch duftendes Heu. «Er ist für Leute gedacht, die gern auf der Alp waren», sagt sie. Ein halbes Dutzend Kunden hätten dieses Modell bereits bestellt.

Sarg aus Korbgeflecht

In einer Ecke des Ateliers mit pinkfarbenen Vorhängen und Gestellen lehnt Hofers Lieblingssarg an der Wand. Den Deckel dieses marineblauen Modells verzierte sie mit den gespreizten Schalen von Miesmuscheln. «Ich habe diesen Sarg für mich gemacht, weil ich so gern ans Meer fahre, die Unendlichkeit des Horizontes über dem Wasser liebe», sagt die 51-Jährige. Im September stellte Alice Hofer an einer Vernissage ihre «Öko-Kollektion» vor: Särge für Kinder oder Erwachsene sowie Urnen, die aus Weiden geflochten sind. Sie hat diese Kreationen dem Moses-Körbchen nachempfunden.

Bevor Hofer vor vier Jahren das Atelier in Thun eröffnete, hatte sie verschiedene Brotjobs im kaufmännischen Bereich. Sie war Lektorin bei Verlagen und im Marketing tätig. Im Eigenverlag publiziert sie schmale Bändchen der «Gestammelten Werke und Afforismen» ihres Mannes, der Berner Mundartrock-Legende Polo Hofer. Das Sarg-Atelier ist ihre Berufung. «Es ist meine Praxis für angewandte Vergänglichkeit», sagt Alice Hofer. Sie zupft aus dem Büchergestell Arthur Fords «Bericht vom Leben nach dem Tod». Im Alter von 14 Jahren hatte sie den Inhalt dieses Buches verschlungen und danach alles gelesen, was es an Literatur zu diesem Thema gab. Im Büchergestell fallen Titel auf wie «Das tibetische Buch vom Leben und Sterben» oder «Das Märchen vom Tod».

«Ich glaube fest an ein Leben nach dem Tod», betont Hofer. Sie stellt sich dieses Leben leicht, heiter und unbeschwert vor. Sie will dem Phänomen Tod auf eine spielerische, ungezwungene Art begegnen, «nicht mit schwarzen Balken und dunklen Abgründen». Den Tod betrachtet sie als letzten Akt in der Inszenierung des Lebens auf der irdischen Bühne. Und folgert daraus: «Wer stirbt, hat einen Schlussapplaus verdient.»

Irdischen Abschied vorbereiten

Wie unsere Gesellschaft das Thema Tod behandelt, kann sie fast nicht ertragen. Täglich werde man vom Fernsehen und anderen Medien mit Nachrichten über Gewalt, Tod und Krieg überflutet. «Aber eine Gebrauchsanleitung, wie man emotional mit dem Tod umgeht, erhält man nicht», klagt Hofer. Sie hat erst für sich und danach für die Kundinnen und Kunden des Sarg-Ateliers eine Art Checkliste verfasst. In der pinkfarbenen Broschüre kann man «Anordnungen für meinen irdischen Abschied» treffen. Das geht von Angaben über die wichtigsten Bezugspersonen, die im Fall des Ablebens sofort verständigt werden sollen, über Angaben zu den Personen, die an einer Abschiedsfeier unerwünscht sind, bis zu Details über die bevorzugte Art der Bestattung und eine allfällige Trauerfeier.

Von den Einkünften ihres Ateliers allein könnte Alice Hofer nicht leben. Auch wenn die Preisskala für die Sarg-Modelle von 1000 Franken an nach oben offen ist. «Diese Tätigkeit ist nichts für Leute, die auf die Schnelle Geld verdienen wollen.» Die Geschäftsbeziehungen zu den Behörden charakterisiert sie als sachlich. In bibelfesten Kreisen und den vielen Sekten im Berner Oberland eckt der Paradiesvogel unter den Bestattungsinstituten jedoch an. Hofer erhält ab und an Zuschriften mit Auszügen aus dem Neuen Testament und Besuch von Missionaren.

Eine Kirchenvertretung weigerte sich, die Asche eines Verstorbenen in einer Urne zu bestatten, die Alice Hofer mit blühenden Blumen bemalt hatte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.10.2012, 11:32 Uhr

Allerseelen: Der Tag nach Allerheiligen

Das Fest Allerseelen wird in der römisch-katholischen Kirche am 2. November, also am Tag nach Allerheiligen, gefeiert. Verbreitet ist der Brauch, dass Familien an Allerseelen auf dem Friedhof die Gräber von Angehörigen aufsuchen, dort ein ewiges Licht aufstellen und das Grab mit Blumen oder Grünzeug schmücken. Durch Gebet, Almosen und Fürbitten gedenken sie der Verstorbenen. Im Volksglauben ist die Hoffnung verankert, die Lebenden könnten so den Seelen ihrer verstorbenen Angehörigen helfen, die Reinigung im Fegefeuer vor der Aufnahme in den Himmel gut zu bewältigen.

Den Ursprung hat Allerseelen im 10. Jahrhundert. Im damals mächtigen französischen Benediktinerkloster Cluny verfügte Abt Odilo, dass alle von Cluny abhängigen Klöster diesen Gedenktag am 2. November einführen. Das Dekret Odilos aus dem Jahr 998 ist noch erhalten. In den folgenden Jahrhunderten verbreitete sich dieser Kult in der ganzen katholischen Kirche. Gemäss der freien katholischen Enzyklopädie, Kathpedia, wurde Allerseelen jedoch erst 1915 durch Papst Benedikt XV. offiziell in den Kalender kirchlicher Festtage aufgenommen. (di)

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