So wichtig ist Zweisamkeit mit dem Nachwuchs

Unsere Autorin ist drei Tage mit dem jüngeren Sohn weggefahren und hat mit ihm allerlei Abenteuer erlebt. Warum das eine wirklich gute Idee war.

Ein Insider-Witz, eine Reise oder eine Achterbahnfahrt: Es gibt viele Möglichkeiten für Momente, die man nur zu zweit erlebt. Foto: iStock

Ein Insider-Witz, eine Reise oder eine Achterbahnfahrt: Es gibt viele Möglichkeiten für Momente, die man nur zu zweit erlebt. Foto: iStock

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Als ich meinem siebenjährigen Sohn erzählte, dass er und ich ein paar Tage nach Wien zu meiner Schwester reisen würden, während sein grosser Bruder im Fussballcamp sei, fiel er mir so begeistert um den Hals, dass ich hinterher ein schlechtes Gewissen bekam. Manchmal ist überschwängliche Freude ja auch ein Zeichen dafür, dass ich als Mutter einen Mangel ignoriert oder übersehen habe. Zuerst dachte ich, er freut sich vor allem auf den Flug, wir waren schon sehr lange nicht mehr mit dem Flugzeug verreist, und er liebt alles, was mit Technik und Geschwindigkeit zu tun hat. Aber als er noch mal nachfragte, ob wirklich «nur wir beide» fahren würden, wurde mir klar, worauf er sich so freut: auf mich.

Nun ist es nicht so, dass ich nicht öfter Zeit mit meinen Söhnen verbringe. Mich mal ganz für sich allein zu haben sollte eigentlich nichts Besonderes für sie sein – wobei beim grossen Sohn das Bedürfnis danach altersbedingt ohnehin kleiner wird. Theoretisch gibt es für beide Kinder jeden Tag Gelegenheit, Zeit nur mit mir zu verbringen. Darum schien es meinem Jüngsten aber gar nicht zu gehen. Auch wenn er das vielleicht noch nicht so genau benennen konnte, ahnte ich, dass es um mehr ging als exklusive Mutter-Sohn-Zeit. Sondern um ein exklusives Mutter-Sohn-Erlebnis. Wir beide würden eine Reise machen und Dinge erleben, an denen sonst niemand teilhaben kann. Etwas, das nur uns beiden gehört, über das hinterher nur wir beide wirklich würden sprechen können.

Es sind Momente, in denen die Nähe nicht erst herbeigequatscht werden muss.

Ich kenne das Bedürfnis aus meiner eigenen Kindheit. Diese eine Sache zu haben, die mich mit meiner Mutter und meinem Vater verbindet und die meine Schwester nicht automatisch mit einbezieht. Die stille Übereinkunft, etwas immer und grundsätzlich zusammen zu tun. Es gab in der Nähe meines Elternhauses zum Beispiel eine Forellenzucht, bei der wir ab und zu frische Forellen kauften – und zwar immer mein Vater und ich. Wir sahen uns das Gewimmel in den Teichen an und fachsimpelten hinterher an der Theke, welche der dort ausliegenden Forellen den schönsten Regenbogenschimmer hatte. Auch dann noch, als es pubertätsbedingt sonst nicht mehr viel zu reden gab zwischen uns.

Viele meiner Freundinnen und Freunde haben sich solche Momente der Zweisamkeit mit ihren Eltern ins Erwachsenenleben hinübergerettet. Oder neu etabliert. Ein Freund wandert einmal im Jahr mit seinem Vater um irgendeinen See, eine Freundin geht mit ihrer Mutter immer und seit Jahren zu einer ganz bestimmten Fussballpartie ins Stadion.

Verschworene, gemeinsame Freude

Es sind Momente, in denen die Nähe nicht erst herbeigequatscht werden muss, sondern ganz automatisch aus der verschworenen, gemeinsamen Freude entsteht. Und ist es nicht auch das, was uns in unseren Liebesbeziehungen durch schwierige Zeiten trägt? Die Erinnerung an die gemeinsame Autofahrt, bei der wir an jeder Haltebucht anhalten mussten zum Knutschen? Das eine Lied, bei dem wir die Lautstärke immer voll aufdrehen, der Insiderwitz, der den Streit auflöst. Sind das nicht die gedanklichen Anker, die uns – auch wenn gerade alles zäh und wenig liebevoll ist – daran erinnern, warum man trotz allem zusammengehört?

Zu zweit geniessen: Schöne Momente lassen sich zu einem festen Ritual ausbauen. Foto: iStock

Ich glaube, dass es genau solche Momente in jeder Beziehung geben sollte, auch in der zu unseren Kindern. Mit meinem Zehnjährigen haben sich diese Momente von ganz allein ergeben. Den einen Witz, über den immer nur mein Grosser und ich lachen können. Die gemeinsame Freude mit seinem Vater, wenn sein hoffnungslos abgestiegener Lieblingsfussballverein doch plötzlich mal ein Spiel gewonnen hat. Mein Lieblingskinderbuch, das dann auch sein Lieblingskinderbuch wurde: Erst habe ich es ihm vorgelesen und schliesslich hat er es – als er gerade lesen gelernt hatte – mir vorgelesen. Die vielen gemeinsamen Unternehmungen und Erlebnisse, bei denen sein kleiner Bruder zwar auch mit dabei war, sich aber oft gar nicht erinnern kann, weil er noch zu klein war.

Adrenalin und gebrannte Mandeln

Vielleicht haben wir den Jüngeren auch aus Bequemlichkeit immer einfach nur so mitlaufen lassen. Während der Grosse sich noch recht gut an Zeiten und Erlebnisse erinnern kann, in denen es ausschliesslich um ihn ging, war der Kleine von Anfang an daran gewöhnt, immer mitgemeint zu sein, aber nicht unbedingt im Zentrum zu stehen. Seine sportlichen Leidenschaften decken sich nicht so recht mit unseren, seine Interessen und Talente sind spezieller als die seines Bruders. Es ergeben sich nicht automatisch Überschneidungen, die sich zu einem festen Gemeinschaftsritual ausbauen lassen.

Ich hatte total vergessen, dass der feste Druck einer Kinderhand so ziemlich das Beste ist, was ich mir vorstellen kann.

In Wien haben mein jüngster Sohn und ich dann den ersten Tag komplett auf dem Wiener Prater verbracht. Und den zweiten auch. Und ja, den dritten auch. Ich hatte durchaus geplant, dem Kind ein paar tolle Museen zu zeigen, den Stephansdom oder wenigstens das Schmetterlingshaus. Doch er, der furchtlose Technikfreak in unserer Familie, hat ziemlich deutlich klargemacht, wie er sich unsere gemeinsame Reise so vorstellt.

Erinnerung an einundzwanzig Loopings

Und was soll ich sagen: Ich hatte wirklich überhaupt nichts dagegen, einfach drei Tage lang jedes verdammte Fahrgeschäft auf dem Wiener Prater auszuprobieren und dabei mit meinem Siebenjährigen um die Wette zu kreischen. Ich hatte total vergessen, wie viel Spass mir das macht und dass die Kombination aus Geschwindigkeit, Adrenalin, dem Geruch von gebrannten Mandeln und dem festen Druck einer Kinderhand in meiner so ziemlich das Beste sind, was ich mir vorstellen kann. Vor allem dann, wenn genau das auch das Beste ist, was mein Kind sich vorstellen kann.

Wieder zu Hause fragte mein Mann seinen Sohn, was ihm an der Reise am besten gefallen habe. «Die einundzwanzig Loopings mit Mama!», sagte mein Sohn.

«Oh Gott, da wird mir schon beim Zuhören schlecht», sagte mein Mann.

Der grosse Bruder zuckte nur unbeeindruckt mit den Schultern, er bevorzugt die Adrenalinkicks, die ihm die Playstation beschert. Aber wir beide grinsten verschwörerisch. Das machen wir jetzt öfter, jedenfalls solange es ihm nicht peinlich ist, sich zusammen mit seiner Mutter der Schwer- und Fliehkraft auszusetzen. Und wenn uns die Achterbahn des Lebens mal heftiger durchschüttelt, wenn Zeiten kommen, in denen wir uns nichts zu sagen haben oder uns mal gerade nicht mögen, weiss ich ganz sicher, dass die Erinnerung an diese einundzwanzig Loopings, die wir in den drei Tagen in Wien zusammen gedreht haben, für immer «unser Ding» sein werden.

Erstellt: 14.06.2019, 20:57 Uhr

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