Soll man Kleinkinder in die Kita stecken?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema Fremdbetreuung.

Hoffentlich holt man die Kinder am Abend wieder ab: Krippe in der Kita Lorraine in Bern. Foto: Alessandro della Valle (Keystone)

Hoffentlich holt man die Kinder am Abend wieder ab: Krippe in der Kita Lorraine in Bern. Foto: Alessandro della Valle (Keystone)

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Wie kann sich ein kleines Kind in der grossen Welt sicher fühlen, wenn es zur Kita gebracht wird, bevor es gehen und sprechen kann? Die Familie hat kaum Kenntnis davon, was dort abläuft. Wie sieht das Herz einer Gesellschaft aus, in dem die Familie nur noch eine kleine Bedeutung hat?
A. B.

Lieber Herr B.

Mir scheint, Sie meinen, dieses Herz sehe ziemlich finster aus. Das sehe ich doch ziemlich anders. Sagen wir so: Eltern, die von vornherein finden, dass eine professionelle Nanny ohnehin besser für ihre Kinder geeignet ist als sie selber, sollten sich lieber gleich einen Hund kaufen und dazu einen diplomierten Dogwalker engagieren. Wer andererseits von vornherein findet, niemand als er selbst könne seinem Kind etwas Gutes tun, der sollte am besten Pandas oder heikle Orchideen züchten. Was ich damit sagen will, ist, dass die Alternative Selbst- oder Fremdbetreuung Blödsinn ist. Es geht gar nicht ohne Fremdbetreuung – es sei denn, man wollte seine Kinder sozial isolieren.

Das schlechte Gewissen, das mit der Fremdbetreuung einhergeht, hat den einfachen Grund, dass man sich zwei Aufgaben aufgehalst hat, die tendenziell miteinander kollidieren: Beruf und Elternschaft. Es ist nicht nur so, dass man allein den Kindern gegenüber ein schlechtes Gewissen hat; man hat auch ein schlechtes Gewissen, wenn man eine wichtige Arbeit unterbrechen muss, weil die Krippe schliesst. Mit beiden schlechten Gewissen muss man leben. Aber man sollte sich davon auch nicht ins Bockshorn jagen lassen. Weder von der Ideologie, jemand, der es im Beruf zu etwas bringen wolle, müsse «alles geben», noch von der, in den ersten Lebensjahren müsse ein Elternteil «ganz» für das Kind da sein.

Beide Auffassungen sind völlig unrealistisch. Wir leben nicht in einer Agrargesellschaft, in der man sich die Kinder beim Kartoffelernten auf den Rücken bindet. Und nur wenige sind so reich, dass sie nur deshalb arbeiten, weil sie sonst nichts Besseres zu tun haben. Das schlechte Gewissen wird natürlich dadurch verstärkt, dass Kinder noch nicht den Zusammenhang begreifen, dass dieselbe Arbeit, die ihnen die Eltern entzieht, gleichzeitig dafür sorgt, dass sie nicht nur ein Dach über dem Kinderbettchen haben, sondern auch die Brio-Bahn in der Spielkiste. So ist es vielfach im Leben: Die mittelfristigen Interessen haben Vorrang vor den kurzfristigen. Man bringt seine Kinder ja nicht völlig ungerührt in die Krippe, nur damit man sie endlich los ist. Ausserdem holt man die Kinder (hoffentlich) am Abend auch wieder ab.

Erstellt: 29.08.2017, 18:59 Uhr

Peter Schneider

Der Psychoanalytiker beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch.

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