Spendenaufrufe im Dezember: Bin ich einfach geizig?

Die Antwort auf eine Frage zum vorweihnächtlichen Wohltätigkeitszwang.

So regelmässig wie die Spendenaufrufe zum Jahresende kommen die Fragen zu den Spendenaufrufen (zum Jahresende). Foto: iStock

So regelmässig wie die Spendenaufrufe zum Jahresende kommen die Fragen zu den Spendenaufrufen (zum Jahresende). Foto: iStock

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Wie stehen Sie zu all den Spendenaufrufen, die in der Vorweihnachtszeit verbreitet werden? Ich kann das ganze «Bättle» nicht mehr hören. Sitzt das Geld den Menschen in dieser Jahreszeit besonders locker in der Tasche? Oder zählen die Organisatoren auf das schlechte Gewissen der Konsumenten? Oder ist am Ende meine Aversion nur eine Rechtfertigung, um meine eigene Knaus­rig­keit zu überdecken? C.M.

Lieber Herr M.

So regelmässig wie die Spendenaufrufe zum Jahresende kommen die Fragen zu den Spendenaufrufen (zum Jahresende), und der aktuelle zusammengefasste Stand meiner bisherigen Antworten zu diesem offenbar auf den Nägeln brennenden Problem lautet: Ich finde Grosszügigkeit allemal gut, Spenden dito, aber ich halte es nicht für eine moralische Pflicht, auf jeden zugeschickten Adventskalender mit einer Spende zu reagieren.

Sehr ungehalten reagiere ich auf alle Versuche, öffentliche Fürsorgeaufgaben in private Charity auszulagern. Forschung gegen Krebs zu fördern ist eine öffentliche Aufgabe beziehungsweise liegt auch im Interesse der Pharmafirmen; man sollte sie nicht – auch dann nicht, wenn es um Krebs bei Kindern geht – zu einer privaten Spendenangelegenheit machen. In letzter Konsequenz könnte man sonst auch alle Steuern streichen und einst staatliche Aufgaben durch Crowdfunding finanzieren: Wer putzig aussieht, hat dabei die besten Überlebenschancen.

Vermutlich ist es tatsächlich die ritualisierte Verknüpfung mit dem Weihnachtsrummel, die einem besonders auf den Zeiger geht.

So weit mein Meinungsstand in Sachen Spenden. Mindestens ein Aspekt Ihrer Bitte um meine unmassgebliche Ansicht ist dabei aber noch nicht berücksichtigt, nämlich was an einer Jahresendspendenrallye eigentlich so nervt. Man könnte das Ganze ja (auch wenn es tatsächlich nicht ganz einfach ist) so grosszügig ignorieren wie die grosszügigen Millionengeschenke nigerianischer Bankdirektoren, die man halt einfach in den E-Mail-Papierkorb verschiebt.

Vermutlich ist es tatsächlich die ritualisierte Verknüpfung mit dem Weihnachtsrummel, die einem besonders auf den Zeiger geht – jedenfalls mehr als die Bitte um Spenden selber. Auch wenn man nicht knausrig ist, kann man doch leicht eine allergische Abwehrreaktion gegen diese Überdosis an Weihnachtsglühweinstillenachtspenden-Ritual entwickeln.

Zumal es wirklich nicht einzusehen ist, warum sich alle gemeinnützigen Organisationen geradezu gleichzeitig ausgerechnet in der Vorweihnachtszeit auf einen stürzen müssen. Es müsste doch jedem Marketingverantwortlichen einleuchten, dass man damit nur Unwille und Abwehr schürt.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

Erstellt: 03.12.2019, 13:48 Uhr

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