St. Pauli löscht das Rotlicht

Hamburgs Vergnügungsviertel wird bürgerlicher: Eventkultur statt Absturzkneipen, sanierte Häuser statt Sexabsteigen. Doch die Reeperbahn-Anwohner wehren sich.

Windige Aussicht auf den Containerhafen: Das Restaurant Strandpauli bei den Landungsbrücken an der Hamburger Hafenstrasse, ganz in der Nähe von Reeperbahn und St. Pauli. Foto: Thomas Panza

Windige Aussicht auf den Containerhafen: Das Restaurant Strandpauli bei den Landungsbrücken an der Hamburger Hafenstrasse, ganz in der Nähe von Reeperbahn und St. Pauli. Foto: Thomas Panza

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«Waffen verboten» steht auf dem Schild am Eingang zum Hamburger Kiez. Dabei wird auf Hamburgs «sündiger Meile» schon lange nicht mehr herumgeballert, sondern nur mehr einer auf Ballermann gemacht. Als wir morgens um 9 Uhr von der Bernhard-Nocht-Strasse in die Davidstrasse einbiegen, an der Deutschlands bekannteste Polizeiwache liegt, hocken in der Scharfen Ecke die Gäste schon wieder – oder immer noch – beim Bier. Absolut friedfertig und ein bisschen müde, ein Wunder, dass die Zechgenossen nicht reihenweise von ihren Barhockern kippen, denn das Bier fliesst hier Tag und Nacht, und Hans Albers selig schaukelt dazu in seinem berühmten Lied immer noch seine Luise.

Nur einen Steinwurf weiter, am Hein-Köllisch-Platz, schieben junge Mütter mit Handy am Ohr ihre Kinderwagen vor das Café Geyer. Hier sitzt man gepflegt auf altem Kopfsteinpflaster unter Mandelbäumen und wähnt sich in einer für den Film inszenierten Altstadtkulisse. Es gibt einige dieser lauschigen Plätzchen und Ecken, wo man von kleinen Tischen aus auf die Elbe schauen kann und das Tuuut der grossen Pötte hört.

Hamburger, denen es im schicken, inzwischen gentrifizierten Schanzenviertel zu langweilig geworden ist, gehen hier aus, Kiezbewohner selber und natürlich Touristen. «Heute gehen wir nach St. Liederlich, da amüsiert man herrlich sich», heisst es auf einem alten Plakat an der Fassade des kleinen St.-Pauli-Museums. Amüsieren wollen sich viele, aber immer mehr wollen auch hier wohnen; denn es ist der Kontrast, der Hamburgs alte Hafenmeile so attraktiv macht. Das enge Nebeneinander von Schmuddel und legerer Ordnung, von schrill und leise, von Rotlicht und Bürgerlichkeit.

Kegelclubs und Bubencliquen

Die autobefahrene Reeperbahn mit ihren Spielsalons und Sexshops kann man getrost links liegen lassen; wo die Schiffsausrüster früher 400 Meter lange Taue zu Schiffstrossen – den Reepen – flochten, schlägt das Herz vom Kiez schon lange nicht mehr. Zu viele Kegelclubs und testosterongetriebene Bubencliquen aus der Provinz latschen hier Abend für Abend johlend über das ausgetretene Pflaster.

Gegenüber, am neu gestalteten Spielbudenplatz, kann man die Umorientierung des Viertels gut ablesen. Event-Stätten mit gigantischen Bühnen, etwa für den jährlichen Schlagermove, verstecken sich hinter einer LED-Fassade, die den Platz abends in pulsierendes Licht hüllt. Ein paar Meter weiter bieten Schmid’s Tivoli und das St.-Pauli-Theater Comedy und anspruchsvolle Unterhaltung. «St. Pauli ist Kult geworden», sagt Heike, eine echte St. Paulianerin. Als Anwohnerin führt sie Besucher für St. Pauli Tourismus auf alternativen Pfaden durch das Quartier. Im Büro hängt der Spruch «St. Pauli bleibt dreckig» gleich neben der Totenkopffahne von St. Paulis legendärem, aber glücklosem Fussballclub – eine trotzige Parole gegen die ökonomisch getriebene Aufwertung des Stadtteils.

Die Elbphilharmonie mit der neuen Hafen-City ist nur einen Katzensprung entfernt, Investoren kamen, die Toplagen an der Elbe sind vergeben, die Bodenpreise stiegen und mit ihnen die Mieten. Eine Entwicklung, die im Grunde schon in den 60er-Jahren ihren Anfang nahm, als die Werften samt Hafenarbeitern verschwanden, billiger Wohnraum frei wurde und der Containerhafen auf der anderen Seite der Elbe entstand. Von St. Paulis Landungsbrücken aus kann man die Kräne sehen, die die Container verladen, ihre eckigen Hälse ragen weit in den Himmel.

«Wir befinden uns mitten in der Latte-macchiatoisierung», sagt Heike spöttisch. Ihre 45 Quadratmeter kleine Wohnung in einem älteren Hochhaus wurde kürzlich saniert; vorher zahlte sie 550 Euro, heute um die Hälfte mehr. Wenige Minuten von der Reeperbahn liegen Strassenzüge mit Häusern aus der Nachkriegszeit; viele Flüchtlinge aus den Ostgebieten wurden hier in Hamburg angesiedelt, Genossenschaften erstellten günstigen Wohnraum. Heute ist in St. Pauli nur noch das Bier günstig.

Der Lude – ein Auslaufmodell

Nur noch etwa 400 Prostituierte arbeiten heute auf St. Pauli, vor zehn Jahren waren es noch dreimal so viel. Bordelle wurden schon vor Jahren in sogenannte Modellwohnungen überall in der Stadt verlagert. Sexabsteigen wurden in Spielsalons umfunktioniert. Selbst in der berüchtigten Herbertstrasse schafft ein Grossteil der Frauen heute längst auf eigene Rechnung an. Der Lude, der klassische Hamburger Zuhälter mit Goldkette und Ferrari, er ist ein Auslaufmodell geworden.

Das neue St. Pauli bildet sich auf dem Mythos des alten, denn der Kiez profitiert weiterhin von seinem lästerlichen und verruchten Image. Das Schuhgeschäft Messmer an der Reeperbahn etwa, mit 160 Jahren der älteste Schuhladen der Hansestadt, macht noch immer gute Geschäfte – heute allerdings mit einer anderen Klientel. «Früher haben wir noch schöne, teure Lederstiefel an die Huren verkauft», sagt die Verkäuferin bedauernd. «Heute bringen sie ihre Plastikdinger aus dem Osten gleich selber mit.»

Und die Verkäuferin schwärmt noch von Freddy Quinn, der hier in den 60er-Jahren Schuhe mit fünf Zentimeter hohen Absätzen kaufte, und von Verona Feldbusch, die sich für «Peep» eindeckte – von Travestiestars, Künstlern und Lebenskünstlern. Sie alle kamen zu Messmer. Inzwischen werden die schrillen Schuhe von bürgerlichen Frauen gekauft, die ihre Männer in Buxtehude oder Traunstein wieder erotisch auf Vordermann bringen wollen.

Hinter dem Millerntor

Die Matrosenromantik, das Tor zur weiten Welt, die windigen Landungsbrücken mit den nicht wegzudenkenden Fischbrötchen und nicht zuletzt die Strasse mit dem klingenden Namen Grosse Freiheit – das ­alles weht einem hier um die Nase, wenn man das Quartier durchstreift. Wobei der Strassenname durchaus auch moralisch zu verstehen ist, denn St. Pauli war schon immer irgendwie anders. Hier, hinter dem ­Millerntor, herrschte schon früh Religionsfreiheit, für Juden wie für Katholiken. Und die alte Inschrift an der katholischen Kirche, die direkt an der Grossen Freiheit liegt, meint lakonisch: «Es gibt nichts, womit Jesus nicht fertigwürde.»

Die Stadt deponierte im Hafenviertel alles, was ihr nicht ins Bild passte. Hier gab es den Schwarzmarkt, und hier gab es die Liebesdienerinnen. Doch als Resultat entstand ironischerweise der toleranteste Stadtteil von Hamburg. Alle hier scheinen sich zu sagen: ­Geschehen lassen, denn es stört ja niemanden.

Zum Beispiel die Afrikaner, die rund um die Hafenstrasse Drogen verkaufen. Oder die Busse, die neben einer Schule parkiert haben und mit ihren finster verhängten Scheiben aussehen, als hätten sie eine Standleitung zur Hölle. Alternative und Punks leben hier und holen sich Strom aus Oberleitungen.

Essen in zwei Schichten

Im Cuneo an der Davidstrasse sieht man hingegen nur aufgeräumtes Ausgehvolk – Szenekenner aus Hamburg und Kiezbewohner. Freitagabend ist Deutschlands ältester «Italiener» rappelvoll. Wer nicht bereits Anfang der Woche reserviert, hat hier keine Chance auf einen Platz. Von aussen ist das Restaurant kaum zu erkennen – da hängt keine Speisekarte. Innen macht das Lokal dem Entstehungsjahr 1905 dafür alle Ehre: Das Interieur wirkt, als hätte der Nonno seine Lieblingsutensilien aus mehreren Generationen auf 30 Quadratmetern verteilt. Das Lokal brummt wie eine gut geölte Maschine, und abends isst man hier sogar in zwei Schichten. Ellenbogen an Ellenbogen mit frischem Fisch auf dem Teller und die besten Spaghetti bolognese im ganzen Kiez.

Das Quartier ist hip, es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich der erste Concept-Store oder eine gestylte Boutique den Nimbus des leicht Schäbigen und Schrillen zunutze machen wird. Wird St. Pauli Opfer seines eigenen Mythos? Die Galerie Affenfaust hat sich bereits an der Paul-Roosen-Strasse angesiedelt. Hier findet sich zeitgenössische Kunst mit Schwerpunkt Urban Art von Hamburger Künstlern. Doch Mitbesitzer Fred Schäfer, selbst St. Paulianer, entwarnt: «Als Vergnügungsviertel wird St. Pauli nie so wegdriften wie etwa die Schanzen.» Der Grund: «Es ist zu laut.»

Diese Reise wurde unterstützt von der Deutschen Zentrale für Tourismus.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.09.2017, 19:19 Uhr

Schlafen, essen, ausgehen

Tipps und Infos

Anreise: Swiss, Eurowings und Easyjet fliegen von Zürich täglich nach Hamburg

Übernachten: Ibis, funktional, günstig,
DZ ab 100 Euro, www.ibis.com;
Empire Riverside, gepflegtes Hotel mit spektakulärer Sky-Bar auf 90 Metern, DZ ab 130 Euro, www.empire-riverside.de

Ausgehen: Restaurant Cuneo, ältester Italiener Deutschlands, www.cuneo1905­.de; Gretel & Alfons, Traditionskneipe mit Charme, www.gretelundalfons.de; Fischbrötchen die besten gibts an Brücke 10; Café Geyer
am romantischen Hein-Köllisch-Platz,
www.cafegeyer.de; Drip Bar, plüschig,
spezielle Cocktails, www.dripbar.de;
St.-Pauli-Theater, Traditionshaus,
www.st-pauli-theater.de; St.-Pauli-Museum, www.sankt-pauli-museum.de;
Galerie Affenfaust, Urban Art,
www.affenfaust.org; St. Paula’s süsse
Manufaktur, hausgemachte Marzipanbrüste und andere Frivolitäten, auch als Souvenirs, www.st-paula.de

Infos und Führungen: St. Pauli Tourist Office, www.pauli-tourist.de,
www.hamburg.de

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