Interview

«Starruhm im Tausch gegen Privatsphäre»

Der Medienwissenschaftler Axel Schmidt erklärt, warum Reality-TV so beliebt ist.

«Grenzen gibt es keine»: Die Kandidaten für die jüngste Staffel des Dschungelcamp auf RTL.

«Grenzen gibt es keine»: Die Kandidaten für die jüngste Staffel des Dschungelcamp auf RTL. Bild: PD

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Herr Schmidt, wie viel Wirklichkeit steckt im Reality-Fernsehen?
Es ist insofern Wirklichkeit, als dass es eine Fernseh­produktion ist. Und es ist Wirklichkeit wegen der Menschen, die mitmachen. Weil es einen Teil ihres Lebens verändert. Die Kehrseite ist natürlich die, dass vieles inszeniert ist.

Die Menschen sind also wirklich, der Inhalt aber ist es nicht …
Teils, teils. Wenn ich als Übergewichtiger in einer Doku-Soap zum Thema Abnehmen mitmache und tatsächlich abnehme, dann ist das ein Effekt, der bleibt. Der ist nicht inszeniert.

Was macht den Erfolg des Realitäts­fernsehens aus?
Der Kitzel, dass es real sein könnte. Man hat das Gefühl, Einblick in fremde Lebenswelten zu bekommen. In nicht zugängliche Bereiche. Das kann man gut an Formaten wie «Die Super Nanny» festmachen. Man sieht, wie es in anderen Familien zugeht.

Wieso ist das so reizvoll?
Das ist eine anthropologische Grundausstattung. Man ist interessiert daran, was andere machen. Ich glaube, die ganze Gesellschaft beruht letztlich auf sozialen Vergleichsmechanismen. Und vergleichen kann man sich nur, wenn man weiss, was in anderen vorgeht. Da wir in unserer bürger­lichen Gesellschaft viele Bereiche ­haben, die verschlossen bleiben, ist Reality-TV eine Art diskursiver Türöffner. Man kann endlich mal schauen, wie andere ihre Kinder erziehen.

Der Zuschauer als Voyeur.
Genau. Oder schauen, wie es bei der Polizei zugeht. Was Leute machen, wenn sie Schulden haben. Wie sie ­Beziehungs- und körperliche Probleme lösen. Das sind Themen, über die man in der Öffentlichkeit kaum spricht. Auch mit Bekannten wird so was oft ausgespart.

Hat die Beliebtheit solcher Formate auch mit der Individualisierung der Gesellschaft zu tun?
Es wird häufig so interpretiert, dass Reality-TV ein neoliberaler Norm­generator sei. Es würden ja bestimmte Werte vertreten: Man soll seine Kinder richtig erziehen, abnehmen, sich schön machen, fit sein … Im Zuge der Individualisierung gibt es einen Verlust übergreifender Werte. Es gibt keine Dachinstitution mehr wie die Religion, die uns sagt, was gut und richtig ist. Reality-Fernsehen macht sich dies zunutze, indem es in unterhaltender Manier Abweichungen aufzeigt und dadurch Normen kontrolliert.

Was ist das Interesse der Fernsehanstalten, im Bereich des Realitäts­fernsehens so aktiv zu sein?
Das Geldverdienen.

Die Produktionskosten sollen in diesem Segment sehr niedrig sein …
Das sagt man. Ich habe keine empi­rischen Belege dafür. Aber es ist ­bestimmt lukrativ, dass ein Grossteil des Personals kein Geld kriegt.

Es heisst, das Reality-TV habe seinen Zenit bereits überschritten. Stimmt das?
Ja, danach sieht es aus. Scripted-­Reality-TV ist das neue Format, das die Quoten zieht. In der Schweiz etwa «Jung, wild und sexy», in Deutschland «Berlin – Tag und Nacht». Das Reality-­TV hat sich weiterentwickelt.

Was macht beim Scripted-Reality-TV, wo streng nach Drehbuch gehandelt wird, den Reiz aus?
Das frage ich mich auch! (Lacht.)

Da taugt das Realitätsargument nicht.
Es gibt viele Zuschauer, denen dieser Unterschied gar nicht bewusst ist. Eine Studie von Maya Götz belegt dies: Sie wollte herausfinden, wer ­solche Formate für real hält, wer für fiktional und wer denkt, dass sie auf einer wahren Begebenheit beruhen. Es hat sich gezeigt, dass der Grossteil dieses Format für real oder zumindest die gezeigte Geschichte für wahr hält.

Die Zuschauer lassen sich veräppeln.
Ein Stück weit schon. Stil und Ästhetik erinnern stark ans Reality-TV, es tauchen oft dieselben Personen auf wie in diesem, weshalb man nicht auseinanderkriegt, was echt und was fiktional ist. Dazu kommt, dass die Laienschauspieler dasselbe tun, was sie in den echten Formaten getan ­haben, nur eben skriptbasiert. Dass sie schlecht schauspielern, wird nicht als Manko bewertet. Im Gegenteil, deshalb schimmert etwas von der echten Persönlichkeit durch.

Ist das bedenklich, wenn sich Realität und Fiktion immer stärker vermischen?
Kleine Kinder sollten kein Scripted-­Reality-TV schauen. Sie sollten geschützt werden. Falls Erwachsene ­Realität und Fiktion nicht auseinanderhalten können, sehe ich allerdings keine argen Konsequenzen.

Die goldenen Reality-Fernsehen-Jahre liegen um die Jahrtausendwende …
… angefangen hat alles mit Human-Interest-Boulevard-Sendungen wie «Cops» in Grossbritannien oder «Notruf» in Deutschland. Man hat über Unfälle, Schicksale und Katastrophen berichtet und versucht, die Leute ­direkt vor die Kamera zu bekommen.

Und dann wurde 1999 «Big Brother» lanciert, der grösste Erfolg des Reality-TV.
«Big Brother» kam für einmal nicht aus Amerika. Und es war neuartig. Ein Experiment. Man hat im Fern­sehen eine eigene Welt aufgebaut. Sascha Sirtl lebte ein Jahr im Container. Da kann man nicht mehr von Inszenierung sprechen, der hatte kein anderes Leben mehr. Man bekam fürs Fernsehen ungewöhnliche Szenen zu sehen. Leute mit nackten Ober­körpern, die auf Sofas lümmelten und kaum verständlich miteinander ­sprachen. Mit den Jahren wurden die Teilnehmer versierter: Sie wussten, wie es läuft und wie sie sich zu ­verhalten hatten.

Und dann?
… hat «Big Brother» die medien­versessenen Leute bis rein in die Porno-Industrie auf den Plan gerufen. Die Sendung richtete sich immer stärker an Leute, die noch freizügiger ­waren und mit Medienkarrieren liebäugelten. Es kamen neuntplatzierte Top Models, «Deutschland sucht den ­Superstar (DSDS)»-Leute, B- und C-Promis, Möchtegern-Stars …

Ging «Big Brother» daran zugrunde?
Jedes Format läuft sich irgendwann tot. Bei «Germany’s next Topmodel» und DSDS wird das genauso sein. Solche Formate leben davon, dass sie Überraschungen versprechen. Das ist zu Beginn der Fall: Man war überrascht, wie gut sie singen, wie zickig Models sein können, wie die Leute in den Containern zusammenleben … ­Irgendwann ist der Thrill weg, die Sendungen wiederholen sich nur noch.

Das zeigt dann, dass man noch weiter gehen muss …
Entweder muss Reality-TV in besondere Bereiche vordringen wie etwa in die Sexualität oder die Geburt, zu ­denen man normalerweise keinen Zugang hat. Ein Beispiel dafür ist «7 Tage Sex». Oder die Themenkonstruktion muss in sich stimmig sein.

So wie etwa im «Dschungelcamp», wo es ums Gruseln und Grauen geht.
Das ist ein schönes Konzept: satirischer Rahmen, Ekelessen, Stars in Not. Man sieht, wie weit mediengeile Menschen gehen, um berühmt zu bleiben. Es ist eine Art Star Bashing. Stars werden vorgeführt und so auch dekonstruiert, indem sie ihren un­antastbaren Status als Star aufgeben.

Indem sie zum Beispiel Kamelpenis essen. Geht das nicht zu weit?
Vielen geht das zu weit. Das ändert jedoch nichts daran, dass Fernseh­macher es produzieren, Zuschauer es rezipieren und Kandidaten sich darauf einlassen. Das ist ja gerade das Konzept: Welche Grenzen überschreiten sie, um im Gespräch zu bleiben?

Wo liegen denn die Grenzen?
Solange sich die Macher an die Gesetze und Schutzbestimmungen halten und so weit das Zuschauerinteresse trägt, ist alles erlaubt.

Ethische Grenzen gibt es keine?
Doch, klar. Diese lassen sich etwa an den gesetzlichen Bestimmungen zur Menschenwürde ableiten. Daneben spielen auch sittliche Vorstellungen eine Rolle. Die Frage ist nur, wie solche «ethischen Grenzen» angewandt werden. Deshalb spielen sie in der Praxis eine untergeordnete Rolle.

Was halten Sie von Sendungen mit Schönheitsoperationen, wo die Zu­- schauer danach auswählen können, wer die Schönste im Studio ist?
Sendungen wie «The Swan» oder «Extrem schön!» setzen an existen­ziellen Nöten an. Die Menschen sind mit ­ihrem Körper so unzufrieden, dass sie in Kauf nehmen, im TV vor­geführt zu werden, in der Hoffnung, es könnte dadurch besser werden. Es ist eine Art Tauschgeschäft: Linderung des Leidensdrucks gegen Teil­aufgabe der ­Integrität. Wichtig wäre aber, dass der Einzelfall geprüft würde: Es sollte zum Beispiel niemand aus einer medizinischen Notsituation zur «Freiwilligkeit» gezwungen werden.

Auch zu den Talent- und Casting-Shows wird niemand gezwungen. Warum sind diese so beliebt, dass sie es sogar in die Primetime schaffen?
Auch hier geht es um ein Tauschgeschäft: Starruhm gegen Privatsphäre. Und auf der Zuschauerseite können sich 14- bis 25-Jährige mit den ­Möchtegern-Models und Möchtegern-Sängern identifizieren. Sie wissen ebenfalls noch nicht, was sie aus ihrem Leben machen werden. Plötzlich ist Star-Werden oder Model-­Werden zu einer Option geworden.

Eigentlich ist das doch alles Trash-Fernsehen. Braucht es dieses überhaupt?
Dahinter steckt die Frage: «Darf das Publikum wollen?» Wer bestimmt, was gebraucht wird? Im Fernsehen – wie man sieht und weiss – das Publikum. Die «breite Masse». Deshalb gibt es diese Sendungen, die kritisiert und als minderwertig eingeschätzt werden können. Das ändert aber nichts daran, dass sie Teil unserer Kultur ­geworden sind.

Erstellt: 08.04.2013, 11:50 Uhr

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Axel Schmidt

Axel Schmidt (44) hat Soziologie und Erziehungswissenschaften in Frankfurt am Main studiert. An der Universität Basel habilitierte er zum Thema «Medien und Interaktion», wobei er sich unter anderem mit dem Reality-TV be­schäftigte. Heute forscht er am Institut für Deutsche Sprache in Mannheim.

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