«Stich doch zu, dann ist es endlich vorbei»

Wenn in Beziehungen die Gewalt regiert, sind Männer längst nicht immer die Täter. Auch sie werden verprügelt, schikaniert und erpresst.

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Nur gerade zwei Tage dauerte das Glück von Nick Heinzer*, endlich mit seiner Traumfrau zusammengezogen zu sein. Es endete mit einem verzweifelten Ausruf auf dem Balkon: «Warum nur habe ich Idiot mein Heimetli aufgegeben?» Vielleicht hat Nick nicht gerufen. Bloss geflüstert. Oder gedacht. So genau weiss es der 42-jährige Schweizer aus der Region Basel nicht mehr. Wie so vieles. «Ich fühlte mich in der Zeit, in der ich mit Franziska zusammen wohnte, permanent wie zugedröhnt», erzählt er. Er habe meistens «so einen Tunnelblick» gehabt, sagt er, «ich war gefangen in mir selber».

Dabei hat es so gut angefangen. Nick lernte Franziska kennen, weil er auf der Suche war nach Kontakt zu anderen Eltern. Er hatte eine Tochter aus einer ersten, abgebrochenen Beziehung und wollte, dass das Mädchen Kontakt zu anderen Kindern hatte, wenn es ihn besuchte. Franziska, eine Schweizerin, hatte zwei eigene Töchter aus erster Ehe, die sich mit Nicks Tochter Laura gut verstanden. «Was mir damals an Franziska imponierte, war, dass sie es so gut mit den Kindern konnte. Sie war so geduldig. Und ich fühlte mich von ihr verstanden.»

Holzbrett auf den Kopf

Der Himmel wurde zur Hölle, als das Paar eine gemeinsame Wohnung nahm. An jenem Abend auf dem Balkon hatte Nick wohl eine erste Vorahnung auf das, was kommen würde. Schon bald darauf boxte sie ihn zum ersten Mal. Später schlug sie nicht nur zu, sie warf auch mit Tellern nach ihm oder mit einem schweren Stahlaschenbecher. Einmal zog sie ihm ein Holzbrett über den Schädel, ein anderes Mal stiess sie ihn so heftig über das Sofa, dass er mit Verdacht auf innere Verletzungen zum Arzt musste.

Und wie so viele Prügelopfer sagte auch Nick dem Arzt nicht die Wahrheit. Er sei, behauptete er, im Dunkeln beim Gang auf die Toilette gestolpert. Als die Fussballkollegen blaue Flecken auf seinem Rücken entdeckten und witzelten, ob er «von seiner Alten verprügelt» werde, da sagte er: «Nein, wir haben den Kastensprung geübt.» Die Lacher auf seiner Seite zu haben, das war für ihn wichtig damals, erzählt Nick: «Was hätte ich den Kollegen denn sagen sollen?»

Nicht dass er sich Sorgen um sein Image gemacht hätte. «Nein, ich fürchtete nicht, als Loser dazustehen», sagt er. «Ich war so in mir gefangen, dass mir das egal gewesen wäre.» Seine Mutter wusste von seiner Situation, ebenso sein Chef. Es war etwas anderes, was ihn vom Erzählen abgehalten hat: «Man denkt immer, es wird irgendwann besser. Wenn Franziska schlug, hat sie das ja auch als Entgleisung gesehen, hat sich entschuldigt und Besserung versprochen. Und es gab auch bessere Zeiten.» Ausreden und Entschuldigungen für seine Partnerin hatte er genügend parat: Die Hormone beispielsweise, als Franziska nach einigen Monaten schwanger wurde. Der Stress. Die Kinder.

Immer taktieren und lavieren

Warum Franziska schlug, weiss Nick bis heute nicht. Sie hat nicht getrunken, keine Drogen genommen, war nicht psychisch krank. Vielleicht habe er in der Beziehung auch Fehler gemacht, sagt er. Vielleicht habe er zu wenig Zeit gehabt, zu viel Sport getrieben. Oder seine Partnerin zu Gunsten der Kinder vernachlässigt, weil er ihnen nicht widerstehen konnte, wenn sie um seine Aufmerksamkeit bettelten.

Hatte er Angst vor seiner Partnerin, vor den Schlägen, vor dem, was ihn erwarten würde, wenn er von der Arbeit heimkam? «Nein, Angst nicht. Ich konnte die Schläge meistens parieren, weil ich stärker war als sie.» Aber Suizidgedanken, die hatte er. Kaufte sich schwarze Kleider, schrieb einen Abschiedsbrief. Was ihn am Ende vom Selbstmord abhielt, war die Verantwortung für die Kinder. Und wieder erzählt er, er sei in der Situation gefangen gewesen. Immer am ausweichen, taktieren, lavieren. Manchmal kamen ihre Ausbrüche wie aus heiterem Himmel, dann wieder schwebte Franziskas Wut «wie ein Kugelblitz» im Raum, völlig unberechenbar, nie war absehbar, wo sie einschlagen würde.

Schlimmer als die Schläge waren für Nick ohnehin die ständigen Drohungen, Beleidigungen, Diffamierungen. Als sie seinen Abschiedsbrief fand, lachte sie ihn aus. Einmal drohte sie ihm, sie werde sein Bankkonto leeren, ein anderes Mal, sie packe die Kinder ins Auto und fahre auf der Autobahn in einen Pfeiler. Auch vor Nicks Tochter Laura machte Franziska nicht Halt, beschimpfte sie oder bezeichnete Lauras Mutter als «blonde Futz». Zwei Mal jagte sie Laura aus dem Haus. «Das hat mich am meisten fertig gemacht», erzählt Nick, «dass ich schliesslich Lauras Besuchsrecht einschränken musste, weil sich Franziska so schlimm aufgeführt hat.»

Und dann schlug er zurück

Trotz allen hätte Nick wohl noch jahrelang bei Franziska ausgeharrt. Wäre nicht im April 2000 etwas passiert, was Nick nie für möglich gehalten hat, was er noch heute als «absolutes Tabu» bezeichnet: Er schlug zurück. Franziska hatte ihm ein Messer an den Hals gehalten, und er hatte gesagt: «Stich doch zu, dann ist es endlich vorbei.» Da prügelte sie los, während er das gemeinsame Baby auf dem Arm hielt. Das war zu viel. Nick verpasste Franziska einen Hieb in den Solarplexus. «Sie klappte zusammen, setzte sich, schnappte nach Luft und sah mich mit grossen Augen an. In dem Moment wusste ich, dass ich gehen musste.» Nick Heinzer ging zur Polizei, wollte, dass eine Streife bei Franziska vorbeischaue: «Ich hatte Angst um die Kinder.» Die Polizisten schickten keine Streife, sondern rieten dem verzweifelten Mann, seine Partnerin anzuzeigen. «Die haben mich nicht verstanden», sagt Nick heute. Später ging die Polizei dann doch noch bei Franziska vorbei und meldete: «Die Frau ist völlig normal.»

Anzeige wegen Kindesmissbrauchs

Linderung brachte die Trennung nicht. Franziska zeigte Nick an. Wegen Kindesmissbrauchs. Versuchte ihm das Besuchsrecht für das Baby vorzuenthalten. Mehr als sechs Jahre lang hatte er keinen Kontakt zu seinem Sohn, auch nicht, nachdem ihn die Gerichte längst vom Missbrauchsvorwurf freigesprochen hatten. Erst in diesem Herbst durfte er ihn wieder sehen.

Ausgestanden ist die Geschichte noch nicht. Nick hat nach der Trennung Alkohol und Medikamente missbraucht, das hat Spuren in seinem Körper hinterlassen. Und noch immer schwären Wunden in seiner Seele, auch wenn er sich einigermassen gefangen hat. «Ich bin für immer kaputt», sagt er. Trotzdem will er kein Mitleid. Er hat mit Kampfsport angefangen: «Irgendwann will ich dann richtig hart rangehen. In einem fairen Kampf.»

*Namen von der Redaktion geändert

Erstellt: 29.10.2008, 08:15 Uhr

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