Störfaktor Zigarettenkippe

Auf Rundgang mit der «Sauberkeitsindex»-Truppe der Stadtreinigung Zürich.

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«Kaugummi: Störfaktor 1. Zigarettenstummel: Störfaktor 2. Papier: Störfaktor 0. Füllgrad Abfallbehälter: Störfaktor 0. Exkremente: Störfaktor 0.» Niels Michel ist zufrieden. Unter dem Strich ergibt die Sauberkeitskontrolle 4.01 Punkte. Ein ausgezeichnetes Resultat.

Michel ist Fachleiter für Dialog und Präsenz bei der Stadtreinigung von ERZ Entsorgung + Recycling Zürich. Hier an der VBZ-Haltestelle Dreispitz in Zürich Oerlikon erklärt der ehemalige Umweltkampagnenleiter die Wunderwaffe gegen öffentliche Verunreinigungen: den Sauberkeitsindex. Auf einer Skala von 0 bis 5 misst dieser die Verschmutzung, wobei 5 der beste Wert ist («sehr sauber»). Bewertet werden 14 unterschiedliche Verschmutzungsarten mit verschieden starken Störfaktoren.

Im Frühling ist die Indextruppe besonders gefragt. Die Menschen zieht es nach draussen, wo sie essen, trinken, rauchen – und ihre Abfälle bisweilen unsachgemäss entsorgen. 8000 Erhebungen an 170 Orten führt die Stadt jährlich durch. Auf den blau-leuchtorangen Gewändern der Kontrolleure steht «Sauberes Zürich». Auf dem iPad notieren sie die Werte und flitzen per E-Bike mit derart horrendem Tempo durch die Stadt, dass der Journalist mit seinem herkömmlichen Velo nur mithalten kann, wenn er das Verkehrsgesetz verletzt.

Tanja Maly vom ERZ-Team nimmt die Bäckeranlage unter die Lupe. Fotos: Dominique Meienberg

Zwischen 1998 und 2003 hat sich die Vermüllung in Zürich sukzessive von 4000 Tonnen Abfall im öffentlichen Raum auf 8000 Tonnen verdoppelt. Die Stadt musste ihre Reinigungseinsätze aufstocken, private Partner wurden dazugezogen. Seit über zehn Jahren ist die Menge Abfall, die weggeräumt werden muss, allerdings konstant. Und bei einem internationalen Vergleich mit anderen Städten schnitt Zürich kürzlich äusserst gut ab.

Dass die Stadt picobello ist, zeigt auch die nächste Station der Befahrung, der Oerliker Park. Die Anzahl Zigarettenstummel liegt zwar zwischen 4 bis 10 Stück – es liegt also eine «leichte Verschmutzung» vor. Auch ist ein Abfallkübel randvoll, was ihm die Note 2 («mittlere Verschmutzung») einbringt. Allerdings handelt es sich um einen «bekannten Problemkübel». Der Gesamteindruck des Parks fällt «sauber» aus.

Littering als Sittenzerfall

Gemäss Sauberkeitsindex ist die Verunreinigung Zürichs nicht schlimmer geworden. Trotzdem haben viele Leute das Gefühl, die Stadt werde stetig dreckiger. Ein allgemeiner Sittenzerfall, der im Littering gipfle, wird gerne dafür verantwortlich gemacht. Überall Lärm und Zigarettenkippen!

Soziologisch gesehen könnte man argumentieren: Der urbane Raum funktioniert als Projektionsfläche und zeigt veränderte Befindlichkeiten auf – nationale oder internationale Krisen führen zu einem erhöhten Bedürfnis nach Ordnung. Allerdings gilt dies auch für andere Länder – wieso sind ausgerechnet Schweizer Städte derart auf Sauberkeit erpicht? Können wir sie uns eher leisten? Gebietet sie der Tourismus? Sind die Ladenpassagen darauf angewiesen?

Das täglich auf Hochglanz herausgeputzte Zürich, von dessen Strassen James Joyce «eine ausgeleerte Minestrone ohne Löffel wieder aufzuessen» für machbar hielt – diese Stadt war ja lange ein Traum für gutbürgerliche Zeitgenossen. Heute führen allerdings deren ehemalige Widersacher den Kampf um Sauberkeit an: Eine temporäre Mitarbeiterin von Niels Michel, die Biologie studiert, gibt Umweltbewusstsein als ihre Arbeitsmotivation an: «Wenn ein Vogel einen Kaugummi schluckt, stirbt er.»

Auf dem iPad werden die vorgefundenen Werte fein säuberlich notiert.

Liegt irgendwo Müll im Quartier, gehen bei ERZ umgehend Reklamationen von besorgten Städtern ein. «Sauber wie zu Hause» lautet der neuste Schlachtruf der Stadtreinigung Zürich. Der Satz klingt einleuchtend, birgt aber einiges an Konfliktpotenzial. Zwar sind die meisten Schweizer stolz auf die Mediterranisierung des Landes, die das Leben Ende der 90er-Jahre nach draussen verlagert hat, in die Parks, an die Seen, wo man Take-away-Noodles isst, statt in der Kantine sein Tablett Richtung Kasse zu schieben. Wie aber bringt man die Leute dazu, sich in diesem öffentlichen Raum wie zu Hause zu verhalten?

Eine beliebte Massnahme ist es, Plakate im Grossformat aufzustellen: «Erlaubt ist, was nicht stört», heisst es auf dem Zürcher Klassiker. Der Nutzen solcher Benimm-Kampagnen ist allerdings umstritten. Führt die Aufmerksamkeit, die sie generieren, tatsächlich zu einem Umdenken? In Zürich sucht man zusätzlich die Zusammenarbeit mit Schulen, wo Kinder Abfallunterricht erhalten. Littering ist auch eine Erziehungsfrage.

Was ist mit Ordnungsbussen? Die gesetzliche Grundlage dafür soll bald schweizweit geschaffen werden. Doch eine Überwachung potenzieller Abfallsünder ist teuer. Sowieso sind horrende Geldbussen wie in Singapur kaum nötig. Schweizer littern laut Niels Michel vor allem, wenn sie einen Haufen Unrat sehen. Sie sind quasi keine Ersttäter, sondern bestätigen die sogenannte Broken- Windows-Theorie, die ihren Ursprung in einem Chicagoer Problemviertel hat: Wird an einem Haus ein Fenster zerschlagen und nicht repariert, dann sind bald weitere Fenster zerschlagen.

«Nachts geht gewaltig etwas»

Das Kontrollteam, das zuvor an der Tramstation Seebach eine «gewisse Grundverschmutzung, die noch als wenig störend durchgeht» notierte, hält im MFO-Park. Auch hier ist es – sauber. «Nachts geht da aber gewaltig etwas», sagt Michel fast schon entschuldigend.

«Bei euch in der Schweiz», frotzelte einst der israelische Schriftsteller Ephraim Kishon, «ist alles so geregelt, so sauber, so ordentlich, so korrekt. Kann man da wirklich leben?» Eine Antwort darauf hat er selbst gegeben, er zog später in die Schweiz. Doch angesichts eines Sauberkeitsindexes mit 14 verschiedenen Verschmutzungsarten und vier Störfaktoren stellt sich eine andere Frage: Möchte man den öffentlichen Raum womöglich sauberer halten, als dies möglich ist? Wo endet die Norm, wo beginnt die Obsession – bei den ohrenbetäubenden Laubbläsern? «Erst wenn es dreckig ist, schätzt man Sauberkeit», entgegnet Niels Michel. Er versteht Sauberkeit als tägliche Herausforderung, die es mit beschränkten Mitteln zu erreichen gilt: «Es geht immer sauberer.»

Wir sind am Milchbuck angekommen, wo ein weggeworfenes Los einsam über die Tramhaltestelle zappelt. Dann plötzlich Aufregung. Neben dem Billettautomaten ein rostiges Stück Sperrmüll! Eine illegale Deponie? Doch die Situation entschärft sich, als eine Frau sich als Besitzerin des Abfalls zu erkennen gibt: Sie warte aufs Cargo-Abfall-Tram.

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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.04.2015, 06:47 Uhr

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