Stress statt Sicherheit für Sexarbeiterinnen

Unter einem Verbot der Prostitution hätten vor allem die betroffenen Frauen zu leiden.

Finanzielle Zwangslage: Prostituierte am Zürcher Sihlquai. (Archivbild)

Finanzielle Zwangslage: Prostituierte am Zürcher Sihlquai. (Archivbild) Bild: Alessandro Della Bella/Keystone

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Gegenwärtig wird auch in der Schweiz und in Zürich wieder eingehend über ein Prostitutionsverbot diskutiert. Auffällig ist dabei, dass angesichts all der gesellschaftspolitischen, rechtlichen und moralischen Argumente ein nicht unerheblicher Aspekt untergeht: die wirtschaftliche Realität der Betroffenen.

Die Verbotsbefürworter argumentieren, eine ausschliessliche Bestrafung der Freier würde für Sexworkerinnen keine Nachteile nach sich ziehen. Schauen wir uns dieses Argument näher an: Spricht man mit Prostituierten, ergibt sich meist schnell, dass sie dem Gewerbe aus einer finanziellen Zwangslage heraus nachgehen. Findet ein Freier keine Prostituierte oder will er das Risiko einer Busse nicht eingehen, kehrt er einfach um und geht heim. Findet aber eine Prostituierte keinen Freier, verliert sie Geld.

Sie kann vielleicht die Miete, die Kinderkrippe oder schlicht das Essen nicht mehr bezahlen. Um dies auszugleichen, sind viele Prostituierte gezwungen, körperliche (ohne Gummi) oder wirtschaftliche (abgelegene Ecken, nicht bezahlende Freier) Risiken einzugehen. Betroffene Sexworkerinnen werden den Freiern aus Not in ein Umfeld folgen, das weniger überwacht ist, in dem sie weniger geschützt und deshalb gestresster sind. Im Untergrund sind die Frauen auch schlechter für das medizinische und sozialarbeiterische Personal zu erreichen.

Zu den Freiern nach Hause

Stattdessen, das zeigt das Beispiel Schweden, weichen sie auf anonyme Plattformen im Internet aus. Auch das birgt Gefahren: Die wenigsten Sexworkerinnen können ihre Freier nach Hause nehmen. Und wenn Prostitution verboten ist, wird ihnen niemand Räumlichkeiten zur Verfügung stellen. Ihnen bleibt also nur, zu den Freiern nach Hause zu gehen oder sich an irgendeiner geheimen Ecke zu verabreden.

So könnte also ein Verbot, das eigentlich dem Schutz der Frauen dienen soll, zu einer rechtlichen, sozialen und wirtschaftlichen Verschlechterung der Lebenssituation dieser Frauen führen. Vielleicht wäre es ratsam, mit den Vertreterinnen dieses Berufsstandes zu sprechen, bevor man einen Berufsstand verbietet, um Ausbeutung zu verhindern.

Erstellt: 10.12.2013, 12:24 Uhr

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