Suche Zimmer, verliere mich selbst

Wer jetzt nach Beginn des Uni-Semesters noch ein WG-Zimmer sucht, hat es schwer. Man muss auffallen, positiv. Aber: Um welchen Preis?

Die Konkurrenz weglächeln, wegerzählen, wegschmeicheln. Manchmal geht man dabei zu weit.

Die Konkurrenz weglächeln, wegerzählen, wegschmeicheln. Manchmal geht man dabei zu weit. Bild: iStock

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Die Tür geht auf, ein Lächeln und eine Hand kommen mir entgegen. «Merk dir die Namen und welcher Name zu wem gehört!», hämmert es in meinem Kopf. WG-Casting. Ich will ausziehen (glaube ich zumindest noch). Das heisst: Ich muss mich für Zimmer bewerben, mich casten lassen. Ja, ich nenne das so, denn bei manchen Besuchen wähnt man sich in einem TV-Showformat, eines derjenigen, die unfreiwillig komisch sein können. Doch die Wohnungsnot und die Tatsache, dass viele schöne Zimmer bereits vor Semesterbeginn bezogen wurden, zwingen einen, über den eigenen Schatten zu springen.

«Stell dich an die Wand, wir machen ein Foto von dir», wird einem da etwa gesagt. Dann soll man noch den Fragebogen ausfüllen, auf den das Foto dann geheftet wird. Was man vom Zusammenleben erwarte, was einen zur besten Mitbewohnerin mache, und zum Schluss: «Schreib was Witziges.» Okay, tschüss zusammen, ich habs mir gerade anders überlegt.

Dann betritt man Wohnungen, bei denen bereits andere Bewerbende vor Ort sind. Mutig reiche ich ihnen die Hand, beweise Kollegialität, eine gewisse Gelassenheit. Das geht aber nicht mehr, wenn bereits 20 andere Interessierte um die Gunst der potenziell neuen Mitbewohner buhlen. Man steht sich buchstäblich auf den Füssen, drängt sich vor, reckt den Hals, dass man überhaupt mal einen Blick auf jene werfen kann, die dort wohnen – und dass man auch endlich einmal gesehen wird in der Masse. Manche werden da auch laut, erzählen wilde Geschichten, einige lachen etwas zu fröhlich, finden alles gut, was die Casting-Jury macht: «Wow mega cool!» Setzen noch einen drauf – «Party in der eigenen Wohnung mache ich nie, das Chaos, schrecklich. Ich geh nur zu anderen feiern», habe ich kürzlich gehört von jemandem, der zeitgleich wie ich eine Wohnung besichtigte.

Das Ich wartet draussen

Man lässt sich hinreissen zu Aussagen, die man gar nicht machen möchte, nur um zu gefallen (oder vielleicht gibt es Leute, die es ernst meinen). Versucht sich, in die Lebenswelt einzufügen, die einen erwarten könnte, auch wenn es gar nicht die ist, die man haben möchte. Aber man wird so eingelullt, steigert sich selbst rein, richtet gar schon imaginär das Zimmer ein, das man besichtigt.

Draussen vor der Tür findet man dann wieder zu sich selbst.

Nein, ich will in keine Wohnung ziehen, wo man kämpfen muss, um gehört zu werden, weil es Leute gibt, die sich keine Zeit nehmen wollen, einen persönlich und in Ruhe zu treffen. Ich will nicht nur gewinnen können, wenn ich eine Show hinlege. Wieso noch mal wollte ich ausziehen?

Dann aber gibt es jene Besuche, bei denen man sich tatsächlich schon ein bisschen zu Hause fühlt, gemütlich einen Kaffee trinkt, über Gott und die Welt redet. Ganz ohne Brüllen und Ellbögeln. Das kann sogar so nett sein, dass man sich, auch wenn man das Zimmer nicht bekommt, immer noch gerne an den Besuch erinnert und auftankt für eine neue Runde möglicher unfreiwilliger Satire. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.03.2019, 17:36 Uhr

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