Suizid nach Cybermobbing

Amanda Todd (15) erzählte ihre Leidensgeschichte im Netz. Dann nahm sie sich das Leben.

Leidensgeschichte auf weissen Karten: In einem neun Minuten langen Video ohne Worte erzählte Amanda Todd, wie sie jahrelang verfolgt wurde.

Leidensgeschichte auf weissen Karten: In einem neun Minuten langen Video ohne Worte erzählte Amanda Todd, wie sie jahrelang verfolgt wurde. Bild: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die 15-jährige kanadische Schülerin Amanda Todd erlebt nicht mehr, was ihr Selbstmord ausgelöst hat. Auf speziellen Internet-Gedächtnisseiten hinterlassen nach ihrem Selbstmord Hunderttausende Mitleidsbezeugungen. In mehreren kanadischen Städten versammelten sich Menschen zu Kerzenmahnwachen.

Amanda Todd machte als 12-Jährige einen naiven Fehler und hat sich davon nie wieder erholt. Wie viele Teenager fühlte sie sich einsam, verletzlich und unverstanden, suchte Kontakt im Internet. Sie traf falsche Freunde, die sie überredeten, sich auf einer Webcam oben ohne zu zeigen. Dieses Bild wurde an Amandas Familie, Freunde und Mitschüler geschickt. In ihrem Namen wurde damit auch eine Facebook-Seite eingerichtet.

Erschütternde Botschaften

Zuletzt zeigte das dünne Mädchen mit den langen braunen Haaren in einem erschütternden Youtube-Video Botschaften auf weissen Karten, um ihre Leidensgeschichte zu erzählen: «Ich weine ständig. Jeden Tag frage ich mich: Warum bin ich noch hier?»

Einen Monat später nahm sie sich das Leben. Ein Selbstmord, der ganz Kanada aufwühlt und der Cybermobbing, die bösartigen Angriffe auf Personen im Internet, an den Pranger stellt.

«Was Amanda passiert ist, sollte keinem Kind passieren», erklärte Cathy Clark, die Ministerpräsidentin der Provinz British Columbia, wo Amanda in der Stadt Port Coquitlam bei Vancouver lebte: «Das Schlimmste daran ist, dass es absolut verhindert werden kann.»

Anonymous greift an

Nicht nur die Polizei fahndet nach möglichen Schuldigen nach ihrem Freitod. Die Hackergruppe Anonymous behauptete, sie habe den Täter aufgespürt, einen 32-jährigen Mann, der Websites für minderjährige Mädchen frequentiere und mit virtuellen Drohungen Amanda Todd in den Selbstmord getrieben habe. Die Hacker gaben eine Adresse bekannt. Kurz darauf erklärte indes die kanadische Polizei RCMP, dass die Personen an dieser Adresse nichts mit dem Fall zu tun hätten, und warnte vor Selbstjustiz.

Die kanadische Fernsehgesellschaft CTV fand heraus, dass ein 19-jähriger Mann mit einem ähnlichen Namen sexueller Übergriffe mit Minderjährigen beschuldigt wird, die nichts mit Amanda Todd zu tun haben. Dieser Mann habe behauptet, er sei mit Amanda befreundet gewesen und hätte ihr geholfen, einen Mann in New York zu identifizieren, der sie virtuell belästigt habe.

Anonymous veröffentlichte darauf den Namen eines zweiten «Verdächtigen» im US-Staat Wisconsin, der ein Profil auf einer Website für Kinderpornografie habe. In dieser Atmosphäre gibt es keinen Spielraum mehr: Der Angestellte eines Kleiderladens in der kanadischen Provinz Ontario, der einen bösen Kommentar über Amanda Todd im Internet veröffentlichte, wurde von seinem Arbeitgeber entlassen.

Auf Youtube hatte der Teenager enthüllt, dass Mädchen sie auf den Boden geworfen, getreten und den Vorfall gefilmt hätten; dass Jungen sie ausnützten und Unbekannte sie im Internet nach einem misslungenen Selbstmordversuch anfeuerten, es nochmals zu versuchen.

«Also machte ich es»

In der siebten Klasse habe sie sich vor der Webcam gezeigt. «Neue Leute treffen und mit ihnen plaudern. Dann nannten sie mich toll, schön, perfekt ... Sie wollten, dass ich mich entblösse – also machte ich es.»

Amanda wurde deswegen jahrelang von Mitschülern gefoppt und gequält. Mehrfach wechselte sie die Schule, aber sie wurde die Angreifer nicht los. Sie verfiel in Depressionen, hatte Angstzustände und griff zu Drogen und Alkohol. Sie begann sich mit Messern selbst zu verletzen und ging in die Beratung, doch es half nichts. Am 10. Oktober fand man sie tot in ihrem Elternhaus. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.10.2012, 07:17 Uhr

Amanda Todd: «My Story»
Video: Youtube

Artikel zum Thema

Jeder fünfte Jugendliche von Cybermobbing betroffen

Vor einigen Jahren war das Thema noch unbekannt, heute ist es Alltag. Immer mehr Kinder und Jugendliche werden im Internet fertiggemacht. Die meisten haben keine Ahnung, wo sie Hilfe holen könnten. Mehr...

Bundesrat sorgt sich um onlinesüchtige Jugendliche

In der Schweiz sind 2,5 Prozent der Jugendlichen onlinesüchtig. Der Bundesrat rechnet damit, dass diese Zahl noch zunimmt und will das Phänomen deshalb genauer untersuchen. Mehr...

Die Minicam, die Ihr Leben ins Netz stellt

Hintergrund Datenschützer sind alarmiert: Bald kommen Minikameras auf den Markt, die unauffällig an Kleidungsstücken befestigt werden können und alle 30 Sekunden einen Schnappschuss ins Web übertragen. Mehr...

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Leuchtende Präsidentengattinnen: Melandia Trump und Akie Abe besuchen zusammen das Museum der digitalen Künste in Tokyo (26. Mai 2019).
(Bild: Koji Sasahara) Mehr...