Suizid-Welle erschüttert die USA

Mehrere homosexuelle Jugendliche nahmen sich das Leben, weil sie gemobbt wurden. Das passiert auch in der Schweiz, warnen Schwulen- und Lesbenorganisationen.

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Sie hiessen Tyler Clementi, Seth Walsh, Asher Brown oder Billy Lucas. Keiner von ihnen wurde über 19 Jahre alt. Es sind Beispiele einer Suizid-Welle, die die USA derzeit beschäftigt. Mehrere homosexuelle Jugendliche wählten in den vergangenen Monaten den Freitod, weil sie im Internet blossgestellt und gemobbt wurden.

Im Falle des 18-jährigen Studenten Tyler Clementi war die Bestürzung besonders gross: Sein Mitbewohner hatte ihn beim Sex mit einem Mann gefilmt und das Video auf Youtube gestellt. Clementi wurde ungewollt geoutet und erniedrigt, so dass er sich Tage später von einer Brücke in den Tod stürzte.

«Das ist eine Krise»

Da es sich nicht um einen Einzelfall, sondern um eine Serie von Fällen mit ähnlichem Muster handelt, spricht man in Amerika nun gar von Homophobie. Prominente Homosexuelle wie Ellen De Generes oder Neil Patrick Harris treten an die Öffentlichkeit und warnen vor den fatalen Folgen von Diskriminierung und Mobbing. «Mobbing unter Teenagern ist zu einer Epidemie in diesem Land geworden», sagt De Generes etwa in einer Video-Botschaft. «Das ist eine Krise.»

Handelt es sich um ein Problem, wie es nur die konservativen Amerikaner kennen können? Oder sind es Fälle, wie es sie auch in der Schweiz geben könnte?

Uwe Splittdorf, Geschäftsführer der Schwulenorganisation Pink Cross, sind zwar keine ähnlichen Fälle in der Schweiz bekannt. «Ich gehe jedoch davon aus, dass es so etwas auch bei uns gibt», sagt er. «Ja, es wäre sogar merkwürdig, wenn es sie nicht gäbe.» Denn man habe hier grundsätzlich mit der gleichen Problematik zu kämpfen.

Viel höhere Suizidrate

Auch seine Kollegin, Eveline Mugier, Geschäftsführerin der Lesbenorganisation Schweiz (LOS), findet: «Solche Fälle können überall vorkommen. Es gibt genug homophobe Leute». Mugier ortet diese vor allem in «religiösen und Migrations-Kreisen». Und obwohl das Coming-out mittlerweile einfacher geworden sei, «haben viele Homosexuelle immer noch grosse Angst davor». Die Suizidrate bei homosexuellen Jugendlichen ist denn auch sechsmal grösser als bei heterosexuellen.

Sowohl Mugier als auch Splittdorf sind sich dennoch darin einig, dass die Homosexuellen in der Schweiz auf vergleichsweise viel Akzeptanz stossen. Während man in Westeuropa schwerlich von Homophobie sprechen könne, erläutert Splittdorf, sei das in osteuropäischen Ländern anders. Als Beispiel nennt er Belgrad, wo es vor etwas mehr als einer Woche zu Randalen nach einem Homosexuellen-Umzug kam. «Da kann man getrost von Homophobie sprechen», so Splittdorf.

Hilfe und Hoffnung geben

Um den verzweifelten homosexuellen Jugendlichen Hoffnung zu geben, hat man in den USA zahlreiche Projekte wie das «Trevor Project» gestartet, welches den Teenagern eine Anlaufstelle bietet, wo sie sich aussprechen und beraten lassen können.

Auch in der Schweiz gibt es vergleichbare Bemühungen, um die Toleranz gegenüber Homosexuellen zu stärken. Im Schulprojekt «Gleichgeschlechtliche Liebe leben» beispielsweise versuchen Homosexuelle oder Eltern von Homosexuellen, Vorurteile auszuräumen und über das homosexuelle Leben zu informieren.

Erstellt: 20.10.2010, 12:47 Uhr

Sensibilisierung

Moderatorin Ellen DeGeneres warnt vor Cyber-Bullying.



Prominente versprechen den betroffenen Jugendlichen in Videobotschaften Hilfe und Besserung.

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