Teenies mit Ticks und Talenten

Die Welt ist ein Irrenhaus, aber trotzdem voll in Ordnung: Darum gehts in amerikanischen Teenie-Serien wie «iCarly», die auch bei hiesigen Schülerinnen hoch im Kurs sind.

Freddie, Carly, Sam und Spencer (v. l.): Die vier betreiben eine Webshow, in der auch schon Michelle Obama auftrat.

Freddie, Carly, Sam und Spencer (v. l.): Die vier betreiben eine Webshow, in der auch schon Michelle Obama auftrat. Bild: Nickelodeon

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«Au, lass mich los!»
«Sag ‹Es tut mir leid›!»
«Es tut mir leid!»
«Gut, und was tut dir leid?!»
«Dass ich gesagt habe, du seist aggressiv!»

Nun klar, wenn Teenager streiten, kann es schon mal laut werden. Aber auch in den friedlicheren Dialogen ist das Ausrufezeichen eines der wichtigsten Ingredienzen von amerikanischen Teenie-Serien wie «iCarly», die auf den hiesigen Pausenplätzen zu den Lieblingsgesprächsstoffen der (vor-)pubertären Girls geworden sind. Es sind Geschichten um hübsche Mädchen und unbeholfene Jungs; die Mädchen können singen und neigen zu hysterischem Kreischen, die Jungs sind Computerspezialisten oder haben seltsame Ticks, Hobbys und Haustiere, und ihre Welt ist vor allem eines: schrill.

Das gilt nicht nur für die Texte, sondern auch für den Rest. Die Kleider sind bonbonbunt, die Möbel ebenfalls, und wenn die auf sehr telegene Weise patente Carly im amerikanischen Original den Mund aufmacht, klingt es nach Kaugummi (in der deutschen Synchronisation setzt man auf eine etwas diskretere Stimme). Genau das ist auch der Reiz dieser Serien, die anders als die klassischen Soaps kein bisschen so tun, als gehe es um die Realität: Während sich die Soap-Protagonisten von der Magersucht über einen Seitensprung in die Arbeitslosigkeit hangeln, bestehen die Schicksalsschläge bei «iCarly» aus einer explodierenden Geburtstagstorte. Oder aus einem toten Viech in einem Spielautomaten. Oder aus einer Lehrerin, «die uns mit ihren Brüsten irgendwann mal noch die Augen ausstechen wird». Groteske statt Drama also.

Träume und Komplexe

Erfunden wurde «iCarly» von Dan Schneider, Jahrgang 1966, Drehbuchautor, Filmproduzent, Schauspieler – und enorm fleissiger Serienfabrikant für den amerikanischen Jugendsender Nickelodeon. 1999 startete er mit «The Amanda Show», es folgten «Drake & Josh» und «Zoey 101», teilweise mit denselben Darstellern. Danach kamen «iCarly» und «Victorious», beide ebenfalls mit Protagonistinnen, die in früheren Serien Nebenrollen gespielt hatten. Und im vergangenen Jahr haben nun auch Carlys Busenfreundin, die prügelfreudige Sam, und die labil-sensible Cat aus «Victorious» eine eigene Serie bekommen: «Sam & Cat». Wie ihre Vorgänger ist auch sie im deutschen Nickelodeon-Ableger angekommen – wer will, kann sich täglich stundenlang in Dan Schneiders Kosmos aufhalten.

Dass das so viele tun, hat verschiedene Gründe. Einerseits werden Kinder heute schon früh auf absurde TV-Pointen getrimmt; wo einst «Wickie und die starken Männer» oder «Biene Maja» an die guten Gefühle appellierten, handelt die aktuell beliebteste Disney-Kinderserie «Phineas & Ferb» von zwei hyperkreativen Jungs, einem dummbösen Wissenschaftler und einem Schnabeltier, das auch ein Geheimagent ist.

Andererseits und vor allem kennt Schneider die Sehnsüchte und Interessen von Teenagern sehr genau – zum Beispiel die Bedeutung von technischen Gadgets, die in all seinen Serien eine zentrale und werbetechnisch zweifellos relevante Rolle spielen. So werden in «Victorious» Smartphone-Icons zur aktuellen Stimmungslage der Hauptfigur eingeblendet, und in «iCarly» ist die ganze Handlung um eine Webshow gebaut, die von den Protagonistinnen betrieben wird (bei den Aufnahmen ist ein Computer mit Birnensymbol immer gut sichtbar, und das «i» im Serientitel ist unmissverständlich). Diese Show ist sozusagen das Theater auf dem Theater, die Grenzen zum übrigen Wahnsinn in der Wohnung, die Carly mit ihrem grossen Bruder Spencer bewohnt, sind fliessend; aber die virtuelle Welt hat so ihren würdigen Platz im Alltag.

Explodierenden Geburtstagstorten

Ausserdem sind Carly und Sam dank dieser Show nicht nur normale Teenager, sondern Stars; dass sie auch ausserhalb der Serien dazu aufgebaut werden, macht sie für ihre Fans umso attraktiver. Carly-Darstellerin Miranda Cosgrove etwa verfolgt eine parallele Popkarriere, den Titelsong zu ihrer Serie singt sie selbst: Kein Zweifel, so wie sie möchten viele sein. Auch «Victorious» spielt nicht zufällig an einer Schauspielschule, die Teenies dort betätigen sich dauernd irgendwie kreativ – wenn sie nicht gerade ihrem allergrössten Talent nachgehen: jenem, schräg zu sein.

Dies ist schliesslich die dritte Brücke in die aktuellen Teenagerwelten. Was auch immer in diesem Alter an Träumen und Komplexen vorhanden ist, hier wird es ins Extrem getrieben. Einer ist schüchtern? Also kommuniziert er als Bauchredner über eine Handpuppe. Eine andere kann eigentlich gar nichts? Dann bricht sie zumindest beim Spucken jeden Rekord. Umgekehrt sind die Stars der Cliquen oft jene, die sich am schlimmsten blamieren; aber das macht nichts, wer mit Stil über die Peinlichkeiten hinwegkommt, ist cooler denn je zuvor.

Und sowieso kann nichts, aber auch gar nichts die Freundschaften zerstören, die sich die Drehbuchautoren ausgedacht haben. Wenn Sam mal wieder zuschlägt oder in der Webshow verrät, dass Kameramann Freddie noch nie ein Mädchen geküsst hat – kein Problem, das renkt sich wieder ein, denn eigentlich haben alle das Herz auf dem rechten Fleck und wissen, wogegen man sich verbünden muss: gegen die Erwachsenen nämlich, die in diesen Serien eine einzige Zumutung sind. Ausser sie lassen sich in einem lichten Moment mal auf die Teeniewelt ein.

Tanzen mit Michelle Obama

Genau dies tat einst keine Geringere als Michelle Obama (die echte!), und das ging so: Carly und Sam kommen nach Hause, vor der Tür stehen Männer in dunklen Anzügen, und der Dialog enthält für einmal keine Ausrufezeichen, sondern wird in raunendem Sottovoce gehalten:

«Es wartet eine hohe Persönlichkeit aus dem Weissen Haus auf euch.»
«Der Präsident?»
«Nein, höher.»

Und drin setzt sich dann eben die Präsidentengattin mit den Serienmädchen aufs Sofa, erzählt, dass sie mit ihren Töchtern immer «iCarly» schaue, plaudert über Carlys Vater, der bei der Navy ist, beantwortet absurde Fragen für die Webshow («Trägt unser Kollege einen Hut, oder kritisiert er einen Hamster?») und tanzt anschliessend vor der Kamera herum. Mit diesem Auftritt wurde die Serie sozusagen als politisch oder zumindest gesellschaftlich relevant geadelt, und man darf seither mit guten Gründen nicht nur über ihren Unterhaltungswert (mal hoch, mal nicht vorhanden) nachdenken, sondern auch über die Frage, was für Bürgerinnen und Bürger hier herangezogen werden.

Was also lernt man bei «iCarly» und Co.? Ironie zum Beispiel, oder einen zweifelhaften Geschmack in Sachen Innendekoration. Ausserdem, dass auch seltsame Typen treue Freunde sein können. Dass die Welt (anders als in den Soaps) kein Jammertal, sondern ein Irrenhaus ist. Und nicht zuletzt und besonders staatstragend: Dass man ganz wahnsinnig originell und frech und hip sein kann, ohne irgendetwas an dieser Welt grundsätzlich infrage zu stellen.

Erstellt: 14.03.2014, 08:18 Uhr

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