Tödlicher Narzissmus

Alle neun Tage versucht in der Schweiz ein Mann seine Partnerin zu töten. Häusliche Gewalt ist eng mit der männlichen Vorstellung von Ehre verknüpft.

Sturmgewehr in der Familienidylle: Viele Männer, die ihre Frauen töten, sind zuvor schon durch häusliche Gewalt aufgefallen. Foto: Urs Jaudas

Sturmgewehr in der Familienidylle: Viele Männer, die ihre Frauen töten, sind zuvor schon durch häusliche Gewalt aufgefallen. Foto: Urs Jaudas

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Es geschah am helllichten Nachmittag, mitten in Zürich. Er war gelernter Maler-Gipser, sie Bankerin. Er war arbeitsunfähig, sie hatte einen Job bei der UBS. Sie wollte die Beziehung beenden, er konnte sich damit nicht abfinden. Nach einem Streit in einem Café zückte er die Waffe und schoss dreimal auf sie. Dann schoss er sich selber in den Kopf.

Es war bereits das dritte derartige Delikt in diesem Jahr. Drei Wochen zuvor hatte ein ehemaliger Grenadier den Medienanwalt Martin Wagner mit der Ordonnanzwaffe erschossen – und dann sich selbst. Auch in diesem Fall hatte die Frau am Morgen der Tat die Scheidung in Aussicht gestellt und war dann vor ihrem aggressiven Ehemann zum Nachbarn geflohen, Martin Wagner.

Vergangenen Sonntag die nächste Meldung: Ein Walliser CVP-Politiker und Oberstleutnant hat seine Partnerin und Mutter zweier gemeinsamer Kinder getötet. Er soll Geldprobleme haben und vor dem Ruin stehen.

Der typische Täter ist: eher unauffällig, im besten Alter, oft Perfektionist.

Männer töten ihre Liebsten – ist das eigentlich normal? Leider ja. Gerade hat der Bund eine Statistik zu derartigen Delikten veröffentlicht: Alle neun Tage versucht in der Schweiz ein Mann seine (Ex-) Partnerin zu töten. Pro Jahr werden rund 40 Frauen Opfer eines versuchten Tötungsdeliktes. Manchmal bringt der Täter sich danach selber um, wie im Fall in Zürich oder im Fall Wagner, dann spricht man von erweitertem Suizid oder Homizid-Suizid.

In Europa sind die Mord- und Suizidraten in den vergangenen Jahrzehnten gesunken, die Zahl von Homizid- Suiziden aber blieb unverändert. Die Schweiz steht im europäischen Vergleich im vorderen Drittel. Was den Einsatz von Schusswaffen betrifft, gehört sie sogar zu den Spitzenreitern. Auch, weil in vielen Haushalten Schusswaffen zu finden sind.

Das Phänomen des Ehrenmords

Inzwischen gibt es Studien, die einen konkreten Bezug herstellen zwischen Partnertötungen und patriarchalen Vorstellungen einer Gesellschaft. Häusliche Gewalt ist in Gesellschaften mit starken hierarchischen Strukturen stärker verbreitet. Ein Beispiel ist Indien mit seinem Kastensystem. Je ungleicher die Machtverhältnisse, desto häufiger leiden Frauen unter häuslicher Gewalt.

Das Muster setzt sich auch auf individueller Ebene fort: In Beziehungen mit grossem Machtgefälle zwischen den Partnern wird signifikant häufiger zugeschlagen – egal, ob die Frau oder der Mann in der stärkeren Position ist.

Die Rolle des Mannes als Oberhaupt und Ernährer der Familie ist eng mit der Vorstellung von Ehre und Würde verknüpft. Gerät dieses Modell ins Wanken, etwa weil der Mann Geldprobleme hat oder arbeitslos wird oder weil die Frau sich trennen möchte, glaubt der Mann sich berechtigt, die Ordnung gewaltsam wiederherzustellen. So kann man dieses Phänomen auch Ehrenmord nennen. Diese Ehrenmorde sind deshalb kein individuelles, sondern vor allem auch ein gesellschaftliches Problem.

Nicht alle sind gleich gefährlich

Vom grossen, runden Tisch in seinem Büro sieht Mike Mottl direkt auf das Treiben an der Langstrasse. Hier setzt sich der Geschäftsleiter des Zürcher «Mannebüro» mit prügelnden Männern zusammen und hört sich ihre Geschichten an. «Gefährder» werden diese Männer im Fachjargon genannt. Nicht alle sind gleich gefährlich, aber allen Tätertypen ist gemeinsam, dass sie mit Gewalt auf Überforderung reagieren. Viele Männer, die ihre Frauen töten, sind zuvor schon durch häusliche Gewalt aufgefallen, oft gehen der Tat Drohungen, notorische Eifersucht, stark kontrollierendes Verhalten bis zum Stalking voraus. Aber nicht bei allen ist das der Fall.

Zu Mottl kommen die Gefährder meist freiwillig, sie wollen etwas an ihrem Verhalten ändern. «Von der Typologie her sind das eher situative Täter. Sie schlagen aus Überforderung zu, leiden aber nicht unter schweren psychischen Störungen», sagt Mottl.

Gemeinsam ist ihnen auch, dass sie sich oft in der Opferrolle sehen: Sie haben nur deshalb zugeschlagen, weil die Frau sie dazu provoziert hat. «Diese Männer müssen lernen, dass sie keine Opfer sind, sondern verantwortlich für ihre Taten», sagt Mottl. Täter, die Reue zeigen und freiwillig Hilfe suchen, haben denn auch die besten Chancen, ihr Problem in den Griff zu bekommen.

Keine Reue, kein Leidensdruck

Gefährlicher sind der Borderline-Gewalttyp und der antisoziale Gewalttyp. Der erste ist psychisch instabil, oft hat er Alkohol- und Drogenprobleme und wendet zuweilen ausserhalb der Familie Gewalt an. Der zweite ist auch ausserhalb der Beziehung gewalttätig und häufig kriminell. Er zeigt keinerlei Reue und verspürt auch keinen Leidensdruck. Bei diesem Typen ist die Prognose zur Besserung schlecht, und Frauen wären besser beraten, sich von ihnen zu trennen.

Der amerikanische Strafrechtsprofessor Neil Websdale hat für eine Studie 211 Fälle von Familientötungen überall auf der Welt verglichen. Der typische Gefährder ist: gegen aussen eher unauffällig, Mittelklasse, im besten Alter, Perfektionist und oft überangepasst. Er frisst seine Gefühle in sich hinein und hat nie gelernt, seine Aggressionen anderweitig anzugehen.

Websdale nennt diesen Typen «Funktionierer»: Er will alles richtig machen, hat ein stabiles Umfeld, weder Alkohol- noch Drogenprobleme und nimmt seine Ernährerrolle sehr ernst. Diese Männer planen ihre Tat meist akribisch und richten ihre Frauen kaltblütig hin.

Beziehungsprobleme destabilisieren die Persönlichkeit

Websdale hat die These erstellt, dass spätere Täter stark von den bürgerlichen Idealen der Selbstkontrolle und emotionaler Zurückhaltung geprägt sind. Diese Ideale passen aber zunehmend schlechter zu den modernen Vorstellungen einer Familie. Das führe zu Angst, Scham und Wut bei den Tätern, die sie nicht ausdrücken können.

Das sieht der Psychiater Andreas Marneros ähnlich: Der Keim der späteren Eskalation lasse sich oft schon zu Beginn der Beziehung entdecken. Die späteren Täter gehen demnach feste Partnerschaften ein, um die eigene Persönlichkeit zu stabilisieren. Dazu gehört auch, dass das Pärchenleben und Harmonie gegen aussen zelebriert wird. Gibt es Probleme in der Beziehung, reagieren die Täter zunächst mit Depressivität und Ängstlichkeit oder mit Misstrauen, Eifersucht und Kränkungen. Setzen sich die Beziehungsprobleme fort, destabilisiert sich auch die Persönlichkeit des Täters. Und wenn er es nicht schafft, sich neu zu orientieren, wird er labil. Das drückt sich dann oft durch Aggressivität aus. Schliesslich endet die Spirale im Tötungsversuch.

Psychiater helfen der Polizei

Um Frauen besser vor dieser Art von Gewalt zu schützen, hat Zürich 2006 das Gewaltschutzgesetz erlassen. Das habe die Risikoeinschätzung professionalisiert, sagt Jerome Endrass, Stabschef des Amtes für Justizvollzug des Kantons Zürich. Heute werden die Fälle besser dokumentiert, die verschiedenen Fachstellen arbeiten zusammen und tauschen Informationen aus.

Die Polizei muss in ihrer Arbeit abschätzen, wie gefährlich ein Prügler allenfalls noch werden könnte und welche Massnahmen zu ergreifen sind. Ihnen helfen seit 2014 forensische Psychiater, die das Risiko einschätzen, Berichte erstellen, Täterprofile anlegen und versuchen, mit den Männern zu arbeiten. Oder allenfalls das Umfeld beraten, wie es mit dem Täter umgehen soll. Rund 80 Prozent der angesprochenen Gefährder nutzen die Angebote freiwillig und begeben sich in eine Beratung oder eine Therapie.

Tatsache bleibt aber, dass häusliche Gewalt nicht nur ein individuelles, sondern auch ein gesellschaftliches Problem ist. Und solange die Ehre des Mannes an den Status sowie an den «Besitz» der Frau geknüpft ist, wird es auch weiter Ehrenmorde geben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.03.2018, 20:47 Uhr

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