Töfflibueb bleibt Töfflibueb

Heute treffen sich in Meiringen 1000 Mofafahrer, um mit ihren Maschinen das Alpenbrevet über drei Pässe zu absolvieren. Thomas Mantel ist einer von 83 «dieser Spinner» aus dem Kanton Zürich.

Thomas Mantel fährt auf seinem Sachs übers Land: «Jeden Abend schmerzte der Hintern.»

Thomas Mantel fährt auf seinem Sachs übers Land: «Jeden Abend schmerzte der Hintern.» Bild: Reto Oeschger

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Früher, in der Schule, da gab es zwei Gruppen: jene mit und jene ohne Töffli. Die Töfflifahrer fabulierten von handgeschalteten Maschinen und Automaten, von Puch, Ciao und Turbo. Jene ohne Töffliprüfung erkannte man an den sauberen Händen. Die Töfflifahrer, die in der Freizeit an ihren Maschinen herumschraubten, hatten schon als Primarschüler Hände wie Automechaniker.

Töffli als Style

Gewisse Dinge ändern sich nie. Einmal Töfflibueb, immer Töfflibueb. Zum Beispiel Thomas Mantel. Mit 14 wurde er mit dem Virus infiziert, machte gleich die Traktorprüfung, weil zu Hause in Elgg bei Winterthur nicht nur das Töffli des Vaters herumstand. Der 19-Jährige wird fast philosophisch, wenn er sich zurückerinnert: «Mit 14 beginnt man ja damit, sich von der Familie abzuspalten. Geht in den Ausgang, findet seinen eigenen Style.» Mantels «Style» war das Töffli. Die Technik faszinierte ihn – bis heute: im Herbst beginnt er nach bestandener Automatiker-LAP ein Studium in Systemtechnik. Auch praktische Gründe sprachen für das Mofa (von «motorisiertes Fahrrad»): «Auf dem Land kommst du nur mit dem Töffli zu deinen Kollegen oder an ein Fest.» Jedenfalls verbrachte Mantel manche Stunde in der Werkstatt, in der er an seinem fahrbaren Untersatz werkelte. Im Alteisen fanden sich Ersatzteile, unter Freunden wurde Fachwissen weitergegeben.

Für Mantel kam immer nur eine handgeschaltete Maschine in Frage: «Man muss den Motor und den Zylinder sehen.» Er war so puristisch, dass für ihn stets nur Originalteile in Frage kamen, «Frisieren» war nicht sein Ding – auch wenn jene Spezialisten am meisten über die Motoren verstanden, wie er zugibt. Über die Jahre holte er wohl zehn Töffli aus dem Alteisen, restaurierte sie und verkaufte sie weiter. Und natürlich durfte das Abenteuer nicht fehlen: Die grosse Ausfahrt. «Jeder Töfflibueb macht einmal eine Tessinreise», sagt Mantel. Im Alter von 15 Jahren machte er sich mit seinem Kollegen auf den Weg, fünf Tage waren die beiden unterwegs, legten via Klausen, Gotthard, Simplon und Brünig 885 Kilometer zurück. «Jeden Abend schmerzte der Hintern.»

Schlummernde Szene geweckt

So war Mantel auch schnell klar, dass er dabei sein musste, als er vor einem Jahr vom Red-Bull-Alpenbrevet hörte, der Töfflirundfahrt über drei Pässe mit Start und Ziel in Meiringen. Eine Schnapsidee, würde man meinen, doch der Energydrink-Hersteller weckte eine schlummernde Szene. Töfflifahrer aus dem ganzen Land meldeten sich, und als es endlich so weit war, standen deutlich mehr als die gemeldeten 600 Teilnehmer an der Startlinie. Darunter auch 50- und 60-Jährige. «Wenn du die Rauchschwaden siehst, realisierst du: Das sind alles die gleichen Spinner wie du», erinnert sich Mantel. Er absolvierte die 132 km lange Strecke über Grimsel-, Furka- und Sustenpass als 16. aller Teilnehmer. Unterwegs traf er viele bekannte Gesichter, etwa einen Mechaniker aus einem Nachbardorf.

Der Andrang für das Alpenbrevet der anderen Art war 2011 gar noch grösser, nach 1000 Anmeldungen wurde eine Warteliste eingerichtet, «Florettmann» Thomas Mantel ist natürlich auch wieder dabei, als einer von 83 Teilnehmern aus dem Kanton Zürich.Sein Spitzname verrät: Mittlerweile steht bei Mantel das Töffli nicht mehr im Zentrum. Er hat sich dem nächstgrösseren Töff zugewandt, dem Florett – erneut eine alte Marke, die nicht mehr produziert wird. «Ich will keinen Roller fahren», sagt er. Irgendwann wird ihm auch der Florett zu klein werden, das spürt er schon jetzt. Dann wird er sich einen richtigen Töff zulegen. Mit Sicherheit einer, an dem es sich Herumschrauben lässt. Denn: «Das ‹Chlüttere› wird man nie aus mir herausbringen.» Einmal Töfflibueb, immer Töfflibueb eben.

Erstellt: 18.06.2011, 13:36 Uhr

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