Töten mit dem Joystick

Drohneneinsätze haben den Charakter des Kriegs verändert. Soldatische Tugenden werden überflüssig. Im Roboterkampf zählt allein die Sicherheit des Angreifers.

Ein US-Soldat steuert eine Drohne: Was sich anfühlt wie ein Videospiel, hinterlässt bei manchen Drohnenpiloten posttraumatische Störungen. Foto: Michaela Rehle (Reuters)

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Ein monotones Summen hängt über Waziristan, Pakistans bergigem Nordwesten. Es ist das Lied vom Tod, gespielt von amerikanischen Drohnen, die in 15 000 Meter Höhe über den Hügeln kreisen. Die Maschinen gleichen Göttern. Sie sind unsichtbar, sehen alles, können alles zerstören. Niemand weiss, wann sie erneut zuschlagen.

Seit 2006 wurden mit Drohnenangriffen in Waziristan rund 2200 Menschen getötet, wie die pakistanische Regierung schätzt. Zu den Opfern zählen Anführer der Taliban sowie gewöhnliche Zivilisten. Genauere Zahlen fehlen.

In Waziristan gibt es weder Schutzbunker, Fliegerabwehr noch Luftalarme. Das ständige Summen der ferngesteuerten Flugzeuge verbreitet Angst, hindert Kinder am Schlafen und schürt riesige Wut. Der Klang ohne sichtbaren Ursprung ist zum Symbol eines «feigen, ehrlosen» Feindes geworden. Er tötet aus dem Nichts, ohne sich selber die kleinste Schürfung zuzumuten.

Nach dem Töten zur Familie

In ihrer moralischen Verdammung des Drohnenkriegs richten sich die pakistanischen Stämme nach einer Kriegsethik, die jahrhundertelang auch im Westen galt: Soldaten dürfen Menschen töten, weil sie selber bereit sind, ihr Leben zu opfern. Das Tötungsrecht ist gegenseitig. Auf der Bereitschaft zum Sterben fussen soldatische Tugenden wie Mut und Aufopferungswillen.

Solche scheinen die Teams, die aus einer Luftwaffenbasis in der Wüste Nevadas US-Drohnen steuern, nicht zu benötigen. Ihr Arbeitsplatz gleicht Grossraumbüros. Nach Schichtende wechseln sie zurück ins zivile Leben, holen Kinder von der Schule ab, stehen im Stau, essen mit der Familie zu Abend.

Selbst amerikanische Frontsoldaten teilen die Abneigung der Pakistaner. Im Februar letzten Jahres wollte das Pentagon Auszeichnungen an Drohnenpiloten verteilen. Auf militärischen Onlineforen formierte sich Widerstand. Hauptargument: Unbemannte (unmanned) Einsätze seien unmännlich (unmanly). Deshalb verdienten die Ausführenden keine Medaillen. Rasch stoppte das Verteidigungsministerium den Versuch.

Den Opfern von oben zusehen

Die Diskussion zeigt eine der moralischen Fallen, in welche die USA durch ihren Drohnenkrieg geraten sind. Seit Jahren läuft eine Kontroverse, ob das Töten per Joystick rechtens sei. US-Präsident Barack Obama bezeichnet es als «angemessen, effektiv und legal». Namhafte Juristen bezweifeln dies. Gerade wird kritisiert, dass eine undurchsichtige Kommandostruktur die Aktionen demokratischer Kontrolle entziehe.

Der französische Philosoph Grégoire Chamayou glaubt, dass Drohneneinsätze die traditionelle Vorstellung vom Krieg komplett verschieben. Nur durch eine «moralische Revolution» lasse sich das Joystick-Töten rechtfertigen.

Eine beliebte Strategie dazu stützt sich auf die Behauptung, dass Bürostuhlpiloten ähnliche Störungen erlitten wie Kriegspiloten. Psychologen haben nachgewiesen, dass die Angst zu töten, Soldaten genauso stark quälen kann wie die Angst, getötet zu werden. Dazu kommt, dass Drohnenpiloten die Folgen ihrer Handlungen im Detail beobachten können. US-Predatoren verfügen über Kameras, die Bilder möglicher Ziele hoch aufgelöst ans andere Ende der Welt senden. Oft schauen Drohnenpiloten ihren künftigen Opfern stundenlang zu, folgen ihnen durch den Alltag. Nach dem Einsatz müssen die Piloten Leichenteile zählen und zuordnen.

Bildschirme rücken die Zerfetzung der Gegner so nahe wie in einem mittelalterlichen Zweikampf. Drohnenpiloten, so die Argumentation, setzen dadurch ihre psychische Gesundheit aufs Spiel.

«Das Licht Gottes»

Bei Kriegseinsätzen erleben sie zudem den Stress der eigenen Truppen direkt mit. Folgendes Beispiel aus dem Afghanistankrieg stammt aus der Zeitschrift «The Atlantic»: Talibankämpfer feuern mit einem Maschinengewehr auf eine Marines-Patrouille. Eine US-Drohne überträgt den Hinterhalt. Über Funk bitten die Soldaten panisch um Hilfe. Der Drohnenpilot, ein 19-jähriger Soldat, klickt mit einem Fadenkreuz auf den Taliban-Jeep. Die Drohne lässt einen Laserstrahl auf die Erde schnellen, um das Ziel zu markieren. Nur amerikanische Soldaten mit ihren Infrarotbrillen können die Säule sehen (im Jargon heisst sie «das Licht Gottes»). «Feuer», befiehlt der Vorgesetzte. Mit einem Knopfdruck schickt der 19-Jährige eine 50-Kilo-Hellfire-Rakete los. Vom Jeep bleibt ein Krater in der staubigen Strasse.

Lange habe das Unbehagen an ihm genagt, sagt der Soldat, seine Behütetheit nicht verdient zu haben, während die Kameraden um ihr Leben zitterten. Auch die eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten belasteten ihn. Abdrücken oder nicht abdrücken. Mehr bleibt für Drohnenpiloten nicht zu tun.

Eine häufige Traumatisierung von Drohnenpiloten lässt sich nicht beweisen. Studien und befragte Piloten machen widersprüchliche Aussagen. Bei einigen werden posttraumatische Störungen diagnostiziert. Andere beklagen das «schizophrene Pendeln» zwischen zwei Welten. Andere bemängeln alltägliche Probleme wie anstrengende Schichten und ständiges Starren auf Bildschirme. Manche beschreiben ihre Arbeit, als würden sie Playstation spielen.

Obwohl Drohnenpiloten über Leben und Tod bestimmten, lasse sich der Heldenethos «echter» Soldaten oder Kampfflugzeugpiloten nicht auf sie übertragen, findet Grégoire Chamayou.

Das zweite zentrale Argument der Befürworter beruft sich auf die Geschichte der Waffen. Armeen hätten von jeher versucht, eine grössere Distanz zum Feind zu schaffen, um diesen aus einer sicheren Position zu töten. Ein Maschinengewehrschütze kann Hunderte Schwertkämpfer niedermähen, ohne dass diese ihm nahekommen.

Verwandte der Kamikaze

U-Boote entfachten einst ähnliche Diskussionen wie heute Drohnen. Im Ersten Weltkrieg versenkten deutsche ­U-Boote reihenweise britische Schiffe. Kein Ortungssystem vermochte sie aufzuspüren. In den Tiefen des Meeres blieben sie so unantastbar wie Drohnen am Himmel Waziristans. Die Briten verurteilten die Angriffe als «unfair, hinterlistig, unbritisch» und versuchten, die Waffe international zu ächten. Vergeblich. Bald bauten sie selber U-Boote.

Schon damals kam der Vergleich auf, den Chamayou jetzt gegen die Drohnen einsetzt. U-Boot-Besatzungen führen keinen Krieg, sie jagen Menschen. Der Feind wird nicht mehr in direktem Kontakt bekämpft. Man eliminiert ihn aus einer Position der Unverwundbarkeit, als «schiesse man Hasen».

Drohnen radikalisieren diesen Jagdcharakter. Erstmals dachten die Amerikaner in den 1930er-Jahren über unbemannte Kriegsflugzeuge nach. Damals deuteten Spione an, dass die Japaner Kamikazepiloten ausbildeten. So konnten sie Bomben direkt ins Ziel lenken. Das US-Militär vermutete, dass ihre Bürger ein eigenes Kamikazeprogramm ablehnten. Also besannen sie sich auf ihre «technische Überlegenheit» und begannen, Drohnen zu bauen. Das gelang erst, als die Fernsehtechnik den Maschinen Augen verlieh und eine Steuerung über weite Entfernungen ermöglichte.

Gegenpol und Zwillinge

Im Ursprung sind Drohnen Anti-Kamikaze-Waffen. Das prägt sie bis heute. Oft wird ihr Einsatz dadurch verteidigt, dass sie Selbstmordattentate vorbeugen oder vergelten würden. Selbstmord- und Drohnenangriffe sind Gegenpol und Zwillinge zugleich. Beide verfolgen das gleiche Ziel, gehorchen aber einer gegenläufigen Ethik. Erstere richten sich nach dem Ideal der Selbstopferung, während Drohnen erlauben, die eigenen Leute zu verschonen.

Dazu seien Demokratien verpflichtet, sagen Drohnen-Befürworter. Staaten müssten ihre Bürger vor Gewalt bewahren, selbst in Kriegssituationen. Darum setze man Drohnen ein. Die Bereitschaft zu sterben, wird heute im Westen – ausserhalb militärischer Kreise – oft als anstössig verurteilt. Das ehemalige Ideal vom soldatischen Opfertod hat eine Abwertung durchgemacht. Heute gilt es als Geringschätzung des Menschen.

Diese neue «Moral des Lebens» berge einen Widerspruch, sagt Chamayou: Sie berücksichtige nur das Leben der eigenen Bürger. Ein solches Denken beinhalte die Herabsetzung der Feinde, da deren Leben folgerichtig weniger zählten als die eigenen. Deshalb seien Distanzwaffen oft in Kolonialkriegen erprobt worden. Anstelle der eigenen Soldaten bekommen fremde Zivilisten die «Bürde des Risikos» aufgeladen.

Als Beispiele nennen Chamayou und andere Kriegshistoriker die französische Besatzung Ägyptens (1798–1801) und die britische Kolonialherrschaft. Aufstände in Kairo bekämpfte Napoleons Armee, indem sie die Stadt von der sicheren Zitadelle aus mit einem Bombenregen überzog. Die Briten sicherten ihre Macht im Irak, in Afghanistan und in Indien durch breitflächige Bombardierungen aus Flugzeugen; der Luftkrieg in Europa folgte Jahre später. Damals wie heute verleitete das Töten aus sicherer Entfernung zu Leichtfertigkeit, sagen Kritiker.

Es gibt keinen Feind mehr

Der Distanzkrieg führt in ein zusätzliches Dilemma. Das Völkerrecht erlaubt das Töten von Menschen, wenn diese an Kampfhandlungen teilnehmen und eine direkte Bedrohung darstellen. In vielen Gebieten, in denen die Amerikaner Drohneneinsätze fliegen (Waziristan, Somalia, Jemen), haben sie keine Bodentruppen. Eine direkte Bedrohung fehlt. Damit fällt die Unterscheidung zwischen Zivilisten und «Kombattanten».

Die «Menschenjagd» mit Drohnen sei deshalb eher eine polizeiliche als eine militärische Handlung, sagt Chamayou. Das bestätige die «Individualisierung», zu der sie führe. Als Feind gilt nicht länger eine Armee oder ein Staat. Die Feinde der Drohnenkrieger sind einzelne Menschen. Doch die Methoden, mit denen CIA und US Army diese bestimmen, aufspüren und zum Abschuss freigeben, bleiben undurchsichtig. Die Hinrichtung von oben nimmt den Opfern das – bei polizeilicher Verfolgung verbürgte – Recht, sich zu verteidigen.

Wie unerwartet Drohnen zuschlagen, zeigen zahlreiche Zeugenberichte. Nichts warnt vor den heranschiessenden Raketen. Die Überlebenden erwachen ohne Erinnerung im Spital, oft mit amputierten Beinen oder Armen. Eine Entschuldigung oder Gerechtigkeit dürfen sie nicht erwarten.

Denn Selbstmordattentäter und Drohnenpiloten teilen eine weitere Gemeinsamkeit. Sie können nicht für ihre Tat bezahlen. Selbstmordattentäter, weil sie tot sind; Drohnenpiloten, weil sie hinter einer mächtigen, weit entfernten Maschinerie verschwinden.

Hauptquelle: Grégoire Chamayou: «Theorie du drone», La Fabrique, Paris 2013, 363 Seiten, ca. 18 Franken

Erstellt: 16.04.2014, 07:12 Uhr

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