Treibstoff Empörung

Die Kontrolle von Facebook oder Google dürfen demokratische Gesellschaften nicht den Unternehmen selbst überlassen.

Die Rolle sozialer Medien im Arabischen Frühling wurde gern überverkauft: Ein Demonstrant auf dem Tahrir-Platz im Jahr 2012.

Die Rolle sozialer Medien im Arabischen Frühling wurde gern überverkauft: Ein Demonstrant auf dem Tahrir-Platz im Jahr 2012. Bild: Muhammed Muheisen /Keystone

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Die Frage ist fast so alt wie das Internet: Sind digitale Anbieter Medienunternehmen oder technische Betriebe? Die Anschlussfrage lautet, ob ein soziales Medium wie Facebook auf Inhalte Einfluss nehmen muss, wenn sie etwa die Demokratie gefährden. Die leichte Antwort lautet: Ja. In einer Zeit, in der soziale Netzwerke mehr Menschen erreichen als jedes traditionelle Medium, ist die Verantwortung gross. Die realistische Antwort heisst: Es sieht schlecht aus. Was nicht bedeutet, dass sich die Firmen ihrer Probleme nicht bewusst wären. Man darf Konzernchefs wie Facebook-Gründer Mark Zuckerberg glauben, dass sie die Welt zu einem besseren Ort machen wollen. Die Frage ist nur, ob sie das können.

Mühe geben sie sich durchaus. 2018, so ist zu hören, soll die alljährliche Sci-Foo-Konferenz, bei der sich die Tech-Welt mit Wissenschaftlern trifft, um den globalen Stand der Dinge zu debattieren, erstmals mit Geisteswissenschaftlern ausgerichtet werden – Menschen, die den digital Mächtigen erklären können, welche Rolle sie in der Gesellschaft spielen und welche Folgen das haben kann.

Prodemokratische Digitalbewegungen können ins Umgekehrte gedreht werden.

Solche Anstrengungen kommen aber spät. Lange genug haben digitale Konzerne ihre Mitwirkung an positiven politischen Umwälzungen als grosse Leistung verkauft. Da gab es 2009 die vermeintliche Twitter-Revolution im Iran, als sich Proteste auf sozialen Medien formierten. Die Rolle sozialer Medien im Arabischen Frühling wurde gern überverkauft.

Schon damals hätte man erkennen können, dass solche prodemokratischen Digitalbewegungen ins Umgekehrte gedreht werden können. Russische Geheimdienste und Behörden nutzten das. Ihnen geht es weniger um konkrete Ziele wie den Sturz einer Regierung. Putins Russland will viel mehr. Es geht darum, die Demokratie an sich unglaubwürdig zu machen, sie zu schwächen, Chaos zu stiften.

Ängste wurden geschürt

Soziale Medien können so etwas nicht allein auslösen. Aber wenn man die russischen Anzeigen betrachtet, die ein Ausschuss des Kongresses nun vorstellte, erkennt man, dass hier Verwerfungen in der amerikanischen Gesellschaft verstärkt wurden. Linke wurden in ihrem Zorn auf die Regierung bestätigt, Rechte in ihrem Hass auf Einwanderer. Ängste wurden geschürt. Spaltungen vorangetrieben.

Konzerne wie Facebook können solche Mechanismen schwer aufhalten. Denn auf ihnen beruht ihr Geschäftsmodell. Ursprünglich war Facebook nichts anderes als eine Mobbing-Seite. Zuckerberg hatte sie während des Studiums in Harvard programmiert, damit Kerle Mädchen bewerten und mit Nutztieren vergleichen konnten. Diese grundsätzliche Dynamik treibt die sozialen Medien noch immer an. Es geht bei allen Themen ums Bewerten und Vergleichen. Emotionen wie Empörung, Häme und Hass treiben diese Dynamik in der Regel am besten an.

Soziale Netzwerke sind Medien, die sich an die entsprechenden Regeln halten müssen.

Nationale Gesellschaften tun sich schwer, eine Firma wie Facebook zu zwingen, destruktive Elemente auszubremsen. Man kann nur hoffen, dass die digitalen Firmen ihre Koketterie mit der Wissenschaft ernst nehmen. Die Gentechnik hat sich gerade eine Fortschrittsbremse auferlegt. Zu gefährlich sind ihre Methoden geworden. Nur: Es ist zu bezweifeln, dass sich die digitalen Konzerne zu solchen Selbstregulierungen durchringen. Facebook ist ein börsennotiertes Unternehmen. Als solches muss es sein Geschäftsmodell ausbauen. Versuche, Empörungsmechanismen auszuhebeln, kämen die Firma teuer zu stehen. Würde ein Autokonzern die Leistung seiner Motoren freiwillig drosseln? Verantwortungsbewusstsein ist eine Tugend. An der Börse ist sie leider nichts wert.

Nein, aus der digitalen Industrie werden keine Antworten kommen. Die muss die demokratische Gesellschaft selbst finden – und danach handeln. Auch wenn die Konsequenz eine unamerikanische ist: gesetzliche Regulierung. Das aber geht nur, wenn die Antwort des Gesetzes auf die Eingangsfrage lautet: Ja. Soziale Netzwerke sind Medien, die sich an die entsprechenden Regeln halten müssen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2017, 20:53 Uhr

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