«Tut mir leid, Madame»

Die Fenster kaputt, das Bad ohne Waschbecken, die Miete hoch: Wer in Paris wohnt, muss sich auf allerhand gefasst machen. Die Einwohner schimpfen über ihre Stadt – und lieben sie trotzdem.

In Frankreichs Metropole braucht man Geld und gute Freunde: Blick aus einem Pariser Wohnhaus, am Horizont der Eiffelturm. Foto: Isaiah Bekkers (Unsplash)

In Frankreichs Metropole braucht man Geld und gute Freunde: Blick aus einem Pariser Wohnhaus, am Horizont der Eiffelturm. Foto: Isaiah Bekkers (Unsplash)

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Der Wahnsinn des Pariser Wohnungsmarkts lässt sich auch an der Bräsigkeit der Makler ablesen. Eine kleine Familie bei der Suche nach einer Mietwohnung unterstützen? Fünf von sieben angefragten Maklerbüros sagen ab. Mieter lohnen sich nicht, Makler helfen nur noch Käufern. Der freundliche Herr, der eine Ausnahme macht, wirkt, als sei er nur deshalb so eifrig, weil er noch gar nicht richtig mitbekommen hat, dass um ihn herum alle Dämme gebrochen sind. Seit 30 Jahren sitzt er in demselben kleinen Büro, den Computer betätigt er nur im Notfall, in den Regalen um ihn herum parken die Aktenordner in doppelter Reihe. Er vermittelt auf Sympathiebasis. «Ah, tut mir leid, Madame, im Quartier hier bewegt sich leider gerade gar nichts» – es wird noch ein paar Minuten dauern, bis er irgendwann seinen Kugelschreiber aus der Jackentasche holt und anfängt, Notizen zu machen. «Aha, drei Zimmer, gerne sonnig, aha, aha.» Dann noch eine weitere Viertelstunde, in der er das vor ihm aufgeführte Theaterstück begutachtet.

Der Titel des Kammerspiels: Familie sucht Herberge und ist sich für nichts zu schade. Unklar, in welchem Moment der Makler entscheidet, dass er darin eine Rolle übernehmen möchte. Aber irgend­wann gesteht er die Wahrheit: In den vielen Papierhaufen auf seinem Schreibtisch versteckt sich das Paradies. Ein kleines Häuschen mit Apfelbaum vorm Fenster. Er hat einfach nur gewartet, wem er es wann anbietet. In Paris als Makler zu arbeiten, bedeutet nicht, dass man Wohnraum vermittelt. Es bedeutet, dass man über einen geheimen Schatz verfügt, den alle suchen.

Das Paradies, das wird noch vor dem Einzug klar, ist natürlich kein Paradies. Zu den Dingen, welche die Vermieterin bei der Besichtigung verspricht, gehören die Reparatur der Klingel, das Entfernen des Schimmels an den Schlafzimmerfenstern und das Anbringen von ein paar Brettern über der Waschmaschine. Dort befindet sich eine der wenigen Wandflächen, die in diesem Häuschen noch nicht genutzt sind. Wie in so vielen Pariser Wohnungen spiegelt sich in diesem Haus die gesamte Stadt: Es ist viel zu eng, und es ist auf genau die Art und Weise alt, die von aussen schön aussieht und von innen zerfällt.

Angst vor der Zugluft

Wie kompliziert es ist, in Europas Lieblingsmuseum zu leben, merkt man nicht nur in den eigenen vier Wänden. Selbst für die Mächtigsten ist es nicht ganz einfach. Besucht man den Elysée-Palast, dann wird man zwar einerseits mit einer beeindruckenden Fülle an Blattgold konfrontiert. Doch andererseits braucht es keinen allzu kritischen Blick, um die Risse in den Wänden zu sehen und um zu bemerken, wie sich die Mitarbeiter um elektrische Heizlüfter sammeln, weil die Fenster genauso alt wie undicht sind. Was hilft all der Pomp, wenn man Angst vor Zugluft hat?

Zurück in das kleine Haus mit dem Apfelbaum. Ein Haus in Paris? Zur Miete? Zugegeben: grosses Glück. Und doch sieht man noch viele dieser Häuser. Sie stehen in all den kleinen Nischen, die von Georges-Eugène Haussmann verschont blieben. Mitte des 19. Jahrhunderts begann Haussmann, die grossen Boulevards anzulegen, die viele sofort vor sich sehen, wenn sie an Paris denken. Doch Paris besteht nicht nur aus Grossbürgerwohnungen, aus mit imperialem Sendungsbewusstsein angelegten Sichtachsen und aus Trottoirs, die so breit sind, dass sie locker noch ein Strassencafé beherbergen können. Gerade an seinen Rändern haben sich kleine Dörfer erhalten. Das alte Paris der Arbeiter, mit Kopfsteinpflaster und manchmal sogar Gärtchen. Das ­besagte Haus mit dem Apfelbaum wurde vor 200 Jahren gebaut, bis vor 50 Jahren war die Toilette noch ein Bretterverschlag im Innenhof. «Meine Eltern haben hier ganz bescheiden gelebt», sagt die Vermieterin gern. Sie verlangt heute eine absolut unbescheidene Miete und will die alten Zeiten dennoch nicht ganz verloren geben: Das Klo hat sie zwar ins Haus hineinverlegt, doch für ein Waschbecken hat es nicht gereicht. Nur kein falscher Luxus, es gibt ja schliesslich die Spüle in der Küche.

Nach Paris kommt niemand wegen der Parks oder der Natur.

Die Enge in Paris führt zu zweierlei Wahnsinn. Zum einen das völlige Freidrehen des Immobilienmarkts. Es gehört zu gern gepflegten Pariser Hobbys, beim Sonntagsspaziergang vor den Vitrinen der Maklerbüros stehen zu bleiben und sich gegenseitig die Angebote vorzulesen. «Hast du das gesehen? 30 Quadratmeter für eine halbe Million.» «Nein! Oh Gott. Wirklich.» Die andere Form des Wahnsinns, der aus dem Platzmangel in dieser lückenlos bebauten Stadt entsteht, betrifft den Einzelnen. Paris kann einen verrückt machen. Es war ein warmer Sommertag, als die Vermieterin des Apfelbaumhauses feststellte, dass ein Gitter vors Fenster muss. Weil sie ein halbes Jahr nach Einzug nicht dazugekommen war, die Klingel zu reparieren, und das Fenster im Erdgeschoss zur Strasse hin liegt und als Kontaktzentrale zur Aussenwelt dient, sollte das Gitter nicht allzu massig werden, damit jeder Gast weiterhin an die Scheibe klopfen kann. Doch das Anbringen von ein paar Eisenstäben schien angemessen zu sein, seit der Nachbar die Scheibe eingeworfen hatte.

Die letzte Lektion

Um Geld zu sparen, bat die Vermieterin ihren Mann um die Montage. Allseits grosse Überraschung, als das Gitter fest verschraubt war und sich die zwischen Scheibe und Eisenstäben liegenden Fensterläden nicht mehr öffnen liessen. So ein Fenster ist ja nicht nur zum Dranklopfen wichtig, manchmal soll es auch Licht durchlassen. Der Mann sagte ­viele Wörter, die man im Französischunterricht nicht lernt, und erklärte sich zu einem Zweitversuch bereit, diesmal mit geöffneten Fensterläden, damit es nicht so ins Gewicht fällt, falls wieder etwas mit dem Zollstock schiefläuft.

Für solche Situationen ist es nützlich, die vorletzte Lektion des Pariser Lebens gelernt zu haben: Man braucht ­Freunde, die einem gute Handwerker empfehlen. Letztere sind ähnlich knapp wie der Wohnraum. Daher ist es beinahe noch wichtiger, Freunde zu haben, mit denen man sich gemeinsam über schlechte Handwerker aufregen kann. Wobei es fairer wäre, über die Behörden zu schimpfen, die unter der Stadt prähistorische Rohre vor sich hin rotten lassen. Mit «tut mir leid, ich hatte einen Wasserschaden», kann man in Paris jede Verspätung rechtfertigen. Die letzte Lektion ist schliesslich folgende: Man ­sollte das Leben in Paris so negativ darstellen wie möglich. Das verleiht einem zum einen im Alltag die Aura des Kämpfers gegen alle Widrigkeiten.

Zum anderen kommt man dann nicht in die Verlegenheit, erklären zu müssen, warum man die Stadt trotz allem so sehr liebt. Man muss nur so viel jammern und nörgeln, dass niemand auf die Idee kommt, man könne glücklich sein. Und dann ist man es heimlich doch.

Erstellt: 09.02.2020, 19:08 Uhr

Die teuerste Stadt der Welt

Laut einer Studie des Wirtschaftsmagazins «The Economist» ist Paris (gemeinsam mit Hongkong und Singapur) die teuerste Stadt der Welt. Und gemäss der Mercer-Studie zur Bewertung von Lebensqualität, steht die französische Metropole auf Rang: tja. Man weiss es nicht. Online werden nur die ersten 25 Listenplätze angezeigt, und da stehen Orte wie Wien, Zürich und Auckland. Städte also, in denen schon einmal ein Baum gesehen wurde. Nach Paris hingegen kommt niemand wegen der Parks oder der Natur. Alles, was man hier lieben kann, ist aus Stein, Glas oder Gold. Oder aus Alkohol und Käse. Wobei es wichtig ist, dass man sich bei Letzterem am Riemen reisst.

Nicht nur die Wohnungen sind klein, auch Metrositze und Cafétische sind schmal. Womit sich der Kreis zu den Mieten schliesst: Die Selbstkontrolle wird dadurch unterstützt, dass spätestens am Monatsende kein Geld mehr bleibt, um wunderschön aussehende Törtchen für acht Franken das Stück zu kaufen. Legt man die «Economist»- und die Mercer-Studien nebeneinander, könnte man ironisch über das Leben in Paris sagen: Man kann es sich kaum leisten, aber immerhin ist es mühsam. (nap)

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