Typologie der WG-Bewohner

In einer WG zu leben, heisst Grenzerfahrungen zu machen. Nicht nur mit, sondern auch wegen der anderen Menschen, die auch dort wohnen. Das verlangt nach kreativen Lösungen.

Wenn erst mal einer vergessen hat, seinen Teller abzuwaschen, dauert es nicht lange, bis es alle vergessen. Dann kommt der Nörgler in Fahrt.

Wenn erst mal einer vergessen hat, seinen Teller abzuwaschen, dauert es nicht lange, bis es alle vergessen. Dann kommt der Nörgler in Fahrt.

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In der neuen SRF-Webserie «Nr.47» zieht die junge Eveline von zu Hause aus und in eine WG ein. Bald werden sich auch im realen Leben wieder Hundertschaften junger Menschen vor ihrem Studium auf die Suche nach einem WG-Zimmer machen. Endlich mit seinesgleichen wohnen, Abenteuer, Freiheit, toll! Doch oft braucht es auch Nerven wie Drahtseile. Denn Mitbewohner sind auch nur Menschen.

Ich lebe seit über 10 Jahren in WGs. Doch bis ich mein heutiges Gemeinschaftsglück gefunden habe, habe ich viele Mitbewohner kommen und gehen sehen.

Auf wen können Sie treffen? Wie gehen Sie mit ihm um? Und: Welcher Typ sind Sie?

Der Allesschletzer
Es gibt Leute, die können alles schletzen: Zimmertüren, Wohnungstüren, Chuchichäschtlitüren, WC-Türen, Balkontüren, Fenster, Schubladen. Man kann sogar während man den WG-Schlüssel umdreht, diese noch im Schlüsselloch rumschletzen. Man könnte schon fast von einer Kunst sprechen, wenn sie nicht so nervtötend wäre. Gegenmassnahmen sind leider schwierig. Denn dann stünden all die Türen so doof offen, wenn man überall Filz- oder Schaumstoffstopper ankleben würde und dann würde man sich ja überall den Kopf anschlagen. Hier muss man wohl unangenehmerweise zur verbalen Auseinandersetzung greifen und durch den Lärm rufen: «Hör äntli mal uf schletze!»

Das Krümelmonster und der Schelferegrüsel
Kennen Sie das Gefühl, wenn man einen Raum betritt, und es so knirscht unter den Füssen? Oder noch schlimmer, Ihr Fuss tritt auf etwas Glitschiges… Es gibt Menschen, bei denen landet ein guter Anteil dessen, was sie essen, auf dem Boden. Und wenn sie Gemüse schälen, stäuben die Schelfere wild in der Küche herum, bis an die Wände. Und im Brünneli hat es dann diese halbaufgeweichten Tomatenspaghettistückli, die nicht in den Abfluss gepasst haben. Die muss dann irgendein anderer armer Cheib mit blossen Fingern dort rausgrübeln. Pfui. Trick: Finken anziehen und unauffällig in die Runde fragen: «Wer hat Spaghetti gekocht, Gipfeli gegessen und Rüebli geschält?» Im Idealfall hört man dann: «Ou ja, ich, sorry, ich machs grad wäg!»

Der Haarlasser
Jeder Mensch hat und verliert Haare. Sie liegen dann ums Lavabo, in der Dusche, auf dem Fussboden, verirren sich in Küchenschwämme – alles schon gesehen. Man könnte meinen, dass das die- oder denjenigen beschämt, wenn er oder sie die Haarpracht an unangebrachten Stellen in der Wohnung wiederfindet. Weit gefehlt. Sie warten, bis die langen und kurzen Fäden vom Durchzug verweht oder vom nächsten Wasserstrahl weggespült werden – vielleicht – oder in eine Parkettritze rutschen. In vielen Fällen scheint beim Haarlasser aber sowieso eine Haarblindheit zu herrschen. Sobald das Haar ausfällt, wird es für den Haarlasser unsichtbar. Aus den Augen, aus dem Sinn. Gut nur, dass man bei einigen Haaren – den Kopfhaaren – sieht, wem sie ausgefallen sind. Die gemeine Variante: ein Knäuel daraus machen oder in ein Raschelsäckli packen und dem Haarlasser ins Zimmer legen. Die nette Variante: «He, würs der ächt öppis uusmache, und vilicht bim nächschte mal Rasiere din Bart rund ums Brünneli zämewüsche?»

Der Recyclingresistente
Man könnte meinen, dass jeder Schweizer mit einem Mülltrenngen geboren wurde, dass der Gegensatz Alu-Pet-Dosen-Karton-Papier vs. Abfallsack in der DNA so stark verankert ist, dass da so ein physischer Abwehrreflex herrscht, um etwas Trennbares einfach in eine Mülltüte zu schmeissen. Der Arm will diese Bewegung schlichtweg nicht ausführen. In der WG ist dieses Naturgesetz aufgehoben. Da wohnen überdurchschnittlich viele Recyclingmutanten. Das Trenngen ist defekt. Sie sorgen dafür, dass sich Metalldose an Plastikflasche, Einmachglas an Altpapier schmiegt, alles im Gebührensack, ohne Rücksicht auf Mensch, Natur, Umwelt und Portemonnaie. Es stehen Ihnen diverse Umerziehungsmassnahmen zur Verfügung, wenn sie zusammen mit Recyclingmutanten wohnen: Fischen Sie die Dosen, Petflaschen, Zeitungen und Glasbestandteile aus dem Abfallsack und legen Sie sie auf dem Küchenboden aus. Beschämeffekt. Oder werfen Sie all das in einen Extraabfallsack, um die Abfallsackverschwendung zu verdeutlichen. Oder streichen Sie Abfallsäcke von der gemeinsamen WG-Einkaufsliste, dann kann jeder seinen eigenen Müll garettle. Das hilft dann noch immer nicht der Mülltrennung, aber Ihren Nerven und Ihrem Geldbeutel.

Der Stampfer
Der Stampfer kommt zu jeder Uhrzeit laut in die WG, egal mit welchem Schuhwerk. Sogar wenn er keine Schuhe trägt, ist er bis ins hinterletzte Zimmer zu hören. Besonders zum Tragen kommen seine Schritte auf knarrendem Parkett. Auf diesem kann er sogar noch doppelt so fest stampfen, weil es nicht so hart ist wie ein Steinboden. Am schlimmsten ist es, wenn der Stampfer gleichzeitig noch ein Schletzer ist. Gegen das Schletzen ist ja noch kein Kraut gewachsen. Gegen das Stampfen legen Sie ihrem Mitbewohner jeweils ein paar Filzpantoffeln hin, vor die Eingangstür, mit einem Zettel: «Nicht, dass du dich erkältest.» Dämpft die Schläge und gibt vermeintliche Karmacreditpoints.

Der Letzte-Stück-Fresser
Es gibt eine goldene Regel, wenn es um den Inhalt von WG-Kühlschränken geht: «Iss nie das letzte Stück.» Es ist das absolut Schlimmste, was einem passieren kann, wenn man spätnachts noch ein Heisshungerspiegelei essen möchte oder am Tag danach ein Katerspiegelei braucht. Menschen, die das letzte Stück, das letzte Ei oder das letzte Joghurt, den letzten Cervelat, das letzte Spätzlipack, essen, sind Unmenschen. Und es gibt sie, diese Unmenschen. Auch in der WG. Wenn der Kühlschrankleerfresser ein Schuldbewusstsein hat, geht er so schnell wie möglich einkaufen, auch wenn er dafür bis zum 24-h-Shop am anderen Ende der längsten Strasse deiner Stadt fahren muss. Wenn er faul ist, wird er sagen: «Nimm doch öppis vo mir.» Deine Laune und du sagen aber: «Ich wott jetzt aber nüt anders!» Das ist eine Pattsituation. Es gibt nur Verlierer. Sorry.

Der Vergesser
Der Vergesser vergisst alles. Er vergisst, Abfallsäcke und Klopapier zu kaufen. Er vergisst den Termin mit dem Kaminfeger und dem Stromzählerableser, er vergisst, zu putzen, sein Geschirr abzuwaschen und die Miete zu bezahlen, und er vergisst den WG-Znacht. Dagegen gibt es Einkaufsapps, Reminder-Post-its, Reminder-E-Mails, -Whatsapps, -SMS, -Facebooknachrichten, gelegte Ersatzschlüssel für Wartungsarbeiter und Reservebatzen auf dem WG-Konto, um all die vergessenen Mieten auszugleichen. Oder es gibt den Geduldsfaden, der irgendwann reisst. Dann muss sich der Vergesser eine neue WG suchen.

Der Nörgler
Der Nörgler regt sich über all diese Typen auf, hat immer das Gefühl, alles besser, schöner, schneller und sauberer zu machen. Regt sich dann auf, dass er alles selber machen muss, hat aber gleichzeitig Mühe, die Kontrolle über alles abzugeben. Es helfen: Baldriandragees, ein Glas Rum oder Geloben der Besserung durch den Vergesser, Schletzer oder Haarlasser. Oder legen Sie sich ein Haustier zu. Glauben Sie mir, es wird – schneller als sie den putzigen Namen des Tieres sagen können – zum neuen Gesprächsthema Nummer eins. Unsere Katzen heissen Bubinu und Filinu.

Sind therapeutische Haustiere nicht erlaubt, hilft es auch, sich einfach auf die Kernkompetenz einer WG zu besinnen: eine eingeschworene Gemeinschaft und ein Zuhause sein. Das passiert oft ganz ungezwungen, spontan, zu keinem speziellen Anlass, bei einem Bier am Küchentisch in der viel zu kleinen Küche. Der Schletzer schletzt nicht mehr, der Vergesser vergisst nicht mehr, der Nörgler nörgelt nicht mehr. Alle sagen einfach Prost und haben sich lieb. Ach ja, das wäre der Abschnitt zum Harmoniesüchtigen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.05.2018, 16:14 Uhr

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