«Über Sexualität redet man immer nur in der dritten Person»

Der Jesuit Klaus Mertes sagt, die Kirche habe keine angemessene Sprache für sexuelle Bedürfnisse und Nöte. Mertes hatte die Aufklärung der Missbrauchsskandale in Deutschland massgeblich vorangetrieben.

«Sobald wir die Dinge benennen, geraten wir in Widerspruch zur kirchlichen Lehre»: Klaus Mertes.

«Sobald wir die Dinge benennen, geraten wir in Widerspruch zur kirchlichen Lehre»: Klaus Mertes. Bild: Bettina Matthiessen

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Vor drei Jahren haben Sie mit dem Aufdecken der Missbrauchsskandale in der Kirche eine Debatte losgetreten. Können Täter heute immer noch so leicht versetzt werden?
Nein. Das Versetzen von Tätern und das Vertuschen der Missbrauchsfälle gehen jetzt nicht mehr so leicht wie früher. Es gibt ein Problembewusstsein in der Kirche, ganz eindeutig.

Hat sich bei der Abwehr durch die Kirchenleitung etwas geändert?
Auf der Ebene der Mitarbeiter, von Schulleitern, Lehrern, ja. Da gibt es viel gute, ja hervorragende präventive Arbeit. Trotzdem stehen wir Schulleiter immer wieder im Schatten dieses Imageverlustes der Institution. Deren Glaubwürdigkeitsprobleme muss ja weniger der einzelne Bischof aushalten, als der Religionslehrer oder der Pfarrer vor Ort. Die Illoyalität von oben besteht darin, dass das Hören nach unten, in das Kirchenvolk hinein, ausbleibt. Die meisten Katholiken sind zutiefst befremdet von dem, was sie von ihrer Kirchenleitung zum Thema Missbrauch erleben. Einige Bischöfe haben in den drei Jahren nichts dazugelernt und fallen den Verantwortlichen vor Ort in den Rücken.

Wie das?
Ein Beispiel ist die Selbstverpflichtungserklärung der Bischöfe im Rahmen der Präventionsmassnahmen: Diese verpflichtet die Mitarbeiter im kirchlichen Dienst zu einem angemessenen Umgang mit den Jugendlichen, zu Respekt vor der Intimsphäre. In einigen Diözesen protestiert der Klerus, das laufe auf dessen Generalverdächtigung hinaus. Mit dem Resultat, dass nur die Laienmitarbeiter, nicht aber die Kleriker die Erklärung unterschreiben müssen. Ersteren wird dann beteuert, wie wichtig das Unterschreiben der Erklärung für das Ansehen der Kirche ist. Auch das demotiviert.

Die Zahl der Missbrauchsfälle geht aber stetig zurück.
Ja, die Fälle sind seit Mitte der 80er-Jahre langsam zurückgegangen. Das hängt damit zusammen, dass in der Priesterausbildung die Fragen der Sexualethik und Sexualpädagogik angegangen werden.

Sie sind Deutschlands bekanntester Opferanwalt geworden.
Ich habe viele Gespräche mit Opfern geführt. Mit Opfern sexuellen Missbrauchs, aber auch geistlichen oder sektiererischen Missbrauchs. Wobei ich nicht beanspruche, therapeutisch tätig zu sein. Ich höre einfach zu und leite weiter. Ich habe immer zu vermeiden versucht, mich mit den Opfern gegen die Institution zu solidarisieren. Es muss ja jemanden geben, der für die Institution Verantwortung übernimmt und sagt: Ihr seid mit euren Forderungen bei mir an der richtigen Adresse. Ich repräsentiere die Institution. Und ich möchte das, was ich höre, in die Kirche hineintragen. Das mache ich auch mit meinem neuen Buch.

Glauben Sie wirklich, die kirchliche Sexualmoral ändern zu können?
Es gibt Hoffnung. Ich musste ja selber in diese Erkenntnisprozesse hinein. Je länger ich den Opfern zugehört habe, umso fraglicher ist für mich vieles in der kirchlichen Sexualmoral geworden. Weil ich gemerkt habe: Nehmen wir die Opferbotschaften ernst, müssen wir uns fragen, ob wir überhaupt das Instrumentarium haben, um Opfern zu helfen. Wenn ein Junge über den sexuellen Missbrauch selbst homoerotische Gefühle hatte – wie kann ich ihm helfen, dass er nicht 20 Jahre lang Angst hat, sich in einen Mann zu verlieben? Soll ich ihn in eine Therapie schicken, damit das verschwindet? Oder ihn auffordern, für den Rest des Lebens enthaltsam zu leben?

Die Kirche hat gar keine Sprache für sexuelle Bedürfnisse und Nöte?
Es ist keine angemessene Sprache da, weil wir, sobald wir die Dinge benennen, in Spannung oder Widerspruch zur kirchlichen Lehre geraten. Beispiel Homosexualität: Hat ein Jugendlicher Angst, schwul zu sein, nehme ich ihm ja diese Angst nicht, wenn ich sie selbst auch habe. Kleriker sind durch die Strukturen daran gehindert, in der Ichform über Sexualität zu sprechen. Die Homosexuellen dürfen nicht sagen: Ich bin homosexuell. Also redet man über Sexualität immer nur in der dritten Person.

Wie akzentuiert sich Missbrauch in einer zentralistisch-autoritären Institution wie der Kirche?
Es geht ja beim sexuellen Missbrauch letztlich nicht um Sexualität. Diese ist das Medium, über das Macht ausgeübt wird. Es geht um sexuelle Erniedrigung, also um Machtmissbrauch. Kräfte, die dem Missbrauch kirchlicher Macht etwas entgegensetzen könnten, sind in der Struktur der Kirche, in der sich alles zunehmend auf Gehorsams- und Loyalitätsfragen zuspitzt, zu schwach. Es bietet sich kein Ausweg an, wenn die Zentrale blockiert.

Wie kann man denn den Zentralismus abbauen?
Das ist eine Frage der Prävention. Es gibt ja immer zwei Aspekte: den Missbrauch selbst und das Vertuschen und Wegschauen. Das gehört immer zusammen. Die Täter sind das eine. Für die Kirche die noch bedrängendere Frage ist: Wieso haben wir es nicht geschafft, den Opfern zuzuhören und die Konsequenzen daraus zu ziehen? Warum haben wir eher an den Schutz der Institution gedacht als an den Opferschutz? Weil die Institution in ihrer Struktur sakrosankt und zentralistisch ist. Deshalb ist die Schlüsselfrage der Prävention die Reflexion in der Kirche auf ihre Machtstrukturen. Man müsste in der Kirche eine zivile Gerichtsbarkeit einrichten, Mitbestimmungsstrukturen schaffen, damit Bischöfe gewählt werden, die das Vertrauen der Leute haben . . .

In Ihrem Buch gibt es ein Kapitel über «Eliten und Sekten». Gehört das «süsse Gift des Elitebewusstseins» beim Missbrauch dazu?
Die härtesten Gegner der Aufklärung sind oft die Opfer selber. In vielen Fällen vermittelt der Täter ihnen das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Diesen Mythos zu zertrümmern, ist sehr schwierig. Weil die Opfer sich oft gar nicht als Opfer sehen, sondern als Mitglied einer elitären Gruppe, kommt die Missbrauchserfahrung oft erst viele Jahre später hoch.

Ist jeder Missbrauchstäter auch ein Sektenführer?
Nicht jeder, aber viele. Ich nenne sie die Zauberer. Das sind grosse Narzissten, die es schaffen, ganze Gemeinden zu verzaubern. Unter ihnen auch zahlreiche Ordensgründer. Etwa der peruanische Priester German Doig, Gründer der geistlichen Bewegung Sodalicio de vida Cristiana, dessen Missbrauch kurz vor der Seligsprechung aufgeflogen ist. Im Herbst 2011 kam heraus, dass die gesamte Führungsriege der Gemeinschaft der Seligpreisungen sexuell missbräuchlich tätig war. Das ekelhafteste Beispiel ist für mich der Mexikaner Marcial Maciel, der Gründer der Legionäre Christi, der Seminaristen, Minderjährige und seinen eigenen Sohn missbrauchte.

Dämonen im Gewand von Heilsbringern?
Für mich ist dies das Antichrist-Thema der Apokalypse. Der Zauberer verzaubert mit den Verheissungen: Ich heile dich, ich erlöse dich. Er verspricht eine Erfahrung von Väterlichkeit, Geborgenheit, Sicherheit. Das Hauptproblem bei den Zauberern ist, dass sie selber auch daran glauben. Sie halten sich für grosse Heils- und Friedensbringer. Das ist die narzisstische Komponente. Das Selbstbild, das sie haben, projizieren sie nach aussen als Verheissung für andere. Sie ernten dafür die Beweihräucherung und Huldigung, die sie brauchen. Solche antichristlichen Machtstrukturen in der Kirche müssen durchbrochen werden.

Erstellt: 16.09.2013, 16:23 Uhr

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Jesuitenpater Klaus Mertes (59) wurde im Januar 2010 mit einem Schlag berühmt. In einem offenen Brief an ehemalige Schülerinnen und Schüler des Berliner Canisius-Kollegs bat er als dessen damaliger Direktor um Entschuldigung für die Missbräuche der Jesuiten. Damit löste er eine Riesendebatte und die Aufarbeitung von Missbrauchsskandalen aus, die weit über Deutschland hinausging. Für die einen ein Verräter und Nestbeschmutzer, ist Mertes für liberale Katholiken zur Galionsfigur der Aufklärung und einer humanen Sexualmoral geworden. Seit Herbst 2011 ist er Direktor des Jesuitenkollegs St. Blasien im Schwarzwald. (mm)

Klaus Mertes: Verlorenes Vertrauen
Katholisch sein in der Krise. Herder-Verlag, Freiburg im Breisgau 2013. 223 S., ca. 29 Fr.

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