Überdosis Feminismus

Sich für Frauenrechte einzusetzen, ist zum Lifestyle geworden. Das führe zum Stillstand, schimpft die Autorin Jessa Crispin in einem flammenden Manifest.

Feminismus ist chic geworden: Pussyhat-Strickerinnen vor dem Women's March im Januar.

Feminismus ist chic geworden: Pussyhat-Strickerinnen vor dem Women's March im Januar. Bild: Reuters

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Es war ein bisschen gar viel Feminismus die letzten Tage und Wochen. Schon klar, es war ja Tag der Frau am 8. März. Und es gibt noch viel zu diskutieren über die Gleichbehandlung von Frauen und Männern und über Sexismus und die vielen Irrtümer, die im Zusammenhang mit Feminismus immer noch herumgeistern.

Trotzdem: Das Schlagwort Feminismus ist überpräsent. Nicht nur in sozialen Medien, sondern auch auf der Strasse. Neuerdings laufen diese pinkfarbenen Pussyhats ja auch bei uns in der Schweiz herum – mit bald zwei Monaten Verspätung. Die Wollmützen mit den Katzenöhrchen waren ja ursprünglich für den Women's March am Tag nach Trumps Inauguration gestrickt und gehäkelt worden in Anspielung an «Grab them by the pussy».

Weil diese pinkfarbenen Pussyhats mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit niemand wirklich schön findet, ausser vielleicht kleine Mädchen in der Hello-Kitty-Phase, sind diese eigentlich so was von eindeutig kein modisches Accessoire, sondern sie schreien geradezu «Hey, schau her, ich bin für Gleichberechtigung!» Und trotzdem oder vielleicht auch deswegen haben sie den schalen Beigeschmack einer Modebewegung.

Triangel-BH als Statement für die Selbstbestimmung

Feminismus ist eindeutig chic geworden, Frauenrechte sind das neue Nachhaltig. Modefirmen bauen ganze Kampagnen und Kollektionen darauf auf, sie zeigen Frauen mit Achselhaaren, Extrapfunden auf den Hüften und Orangenhaut an den Oberschenkeln, was etwa gleich viel mit Feminismus zu tun hat wie Emma Watsons Brüste, die sie kürzlich in der «Vanity Fair» halbwegs entblösste, woraufhin sie als Heuchlerin beschimpft wurde, weil ausgerechnet sie, die UNO-Sonderbotschafterin für Frauenrechte, es gewagt hatte, sich so freizügig zu zeigen. Damit zementiere sie sexistische Klischees. Da blieb Emma Watson nur ein ungläubiges «Was haben denn meine Titten damit zu tun?»

Nichts. Dasselbe gilt für den Triangel-BH – ungefüttert, ungestützt und ungepusht –, den kürzlich eine engagierte PR-Dame als Statement für die weibliche Selbstbestimmung anzupreisen versuchte. Wäre doch eine super Idee für einen Artikel zum Tag der Frau, stand in der Mail. Der fand bei ihr allerdings nicht am 8. März statt, sondern am 18. März. Möglich, dass das nur ein Vertipper war – beim ersten Mal. Der 18. März kam aber noch ein weiteres Mal vor in der Mail. Schon wieder ein Vertipper? Oder vielleicht doch eher sinnbildlich dafür, dass der Feminismus zur Hülle verkommen ist?

Lifestyle-Feminismus führt zu Stillstand

Das findet zum Beispiel auch die amerikanische Autorin Jessa Crispin. In ihrem neuen Buch «Why I Am Not a Feminist. A Feminist Manifesto» rechnet sie mit dem universellen Lifestyle-Feminismus ab, der ihrer Meinung nach den Kampf für die Sache verwässere und ihn – schlimmer noch – zum Stillstand führe. Genau wie es auch niemanden weiterbringe, ständig über die Opferrolle der Frau zu heulen. «Nicht zu bekommen, was du willst, ist keine Unterdrückung», stellt Crispin klar.

Sie schimpft auch über die prominenten Neo-Feministinnen wie Beyoncé oder Taylor Swift, die sich erst jetzt öffentlich für Frauenrechte engagieren und nicht schon früher auf die Idee gekommen sind, als Feminismus noch ein Schimpfwort war. Was diese betrieben, sei ein harmloser, fröhlicher Feminismus, aber man müsse eben auch unangenehm und kämpferisch sein, damit man weiterkomme. «Wenn man zum Beispiel via Taylor Swift zum Feminismus kommt, dann passiert das auf eine sehr polierte, unbedrohliche Art. Und ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass dies zu einem grösseren Engagement führt.» Eine echte Revolution sei nötig, damit sich tatsächlich etwas verändere, damit Frauen endlich dieselben Rechte hätten. Und da reicht es eben nicht, sich einfach mal einen «Ich bin Feministin»-Pulli oder einen Pussyhat überzustülpen und zu meinen, es sei gut. (dj)

Erstellt: 10.03.2017, 17:18 Uhr

Jessa Crispin: Why I Am Not A Feminist. A Feminist Manifesto, Melville House, 240 Seiten, New York 2017.

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