«Und führe uns nicht in Versuchung»

Die Formulierung im Vaterunser wird nun vom Papst kritisiert. Dabei zeigt sie etwas Wichtiges.

Vielleicht beten Kinder künftig: «Lass uns nicht in Versuchung geraten.» Foto: Bettmann Archive

Vielleicht beten Kinder künftig: «Lass uns nicht in Versuchung geraten.» Foto: Bettmann Archive

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Für einmal sind nicht Missbrauch, Zölibat oder Frauenpriestertum das Thema bei einer Religionskontroverse, sondern das Glaubensgut selber. Mitten im Advent ist eine Debatte über das Vaterunser entbrannt, über das Gebet aller Gebete, das den Kern von Jesu Glauben ausmacht.

Wenn Papst Franziskus eine Debatte anstösst, ist die Resonanz gewiss. Am 6. Dezember gab er TV 2000, dem Sender der italienischen Bischofskonferenz, ein Interview. Und sagte zum Thema Vaterunser, dass er insbesondere die deutsche Übersetzung «Und führe uns nicht in Versuchung» nicht gut finde. Die Neufassung der französischen Bischöfe gefalle ihm viel besser: «Lass uns nicht in Versuchung geraten», «Et ne nous laisse pas entrer en tentation». Franziskus sagte: «Es ist nicht Gott, der mich in die Versuchung stösst, um dann zu sehen, wie ich gefallen bin. Ein Vater tut das nicht, ein Vater hilft sofort dabei, wieder aufzustehen.» Der Versucher sei vielmehr Satan.

Das tönt prima vista plausibel und theologisch legitim. Gott als Versucher, daran stossen sich viele Gläubige und stellen sich hinter den Papst. Die reformierte Kirche im Kanton Waadt hat sich neulich für die Neuübersetzung der sechsten Vaterunser-Bitte ausgesprochen, ebenso die theologische Kommission der eher evangelikalen Schweizerischen Evangelischen Allianz. Gut zu wissen, dass die Schweizer Bischofskonferenz keine solche Pläne hat, ebenso wenig die deutsche. Die Äusserungen des Papstes sind ja nicht lehramtlich verbindlich, sondern ein Gedankenanstoss.

«Bestürzend schlicht»

Dieser Anstoss wird kritisiert – Gott sei Dank auch von Theologen. Vom Mainzer Bischof Peter Kohlgraf etwa, der sagt, viele Menschen erlebten ihren Glauben als unsicher angesichts von Leid und Tod. Man tue ihnen deshalb keinen Gefallen, wenn man die dunklen und unverständlichen Seiten Gottes einfach ausblende. Der evangelische Theologe Ulrich Körtner findet den päpstlichen Standpunkt gar eine «bestürzend schlichte» theologische Erklärung. Die Sichtweise passe zu einem modernen Mainstream-Christentum, das den biblischen Gott von allen verstörenden und widersprüchlichen Zügen reinigen wolle.

In der Tat: Die Bibel verkündet keinen pfleglichen Gott. Sondern einen, der die Menschen mitunter auf die Probe stellt. Das Alte Testament macht deutlich, wie gefährlich es ist, sich Gott ganz nähern zu wollen.

Warum soll der Schöpfer-Gott den Menschen nicht auch in Versuchung bringen?

Der Religionswissenschaftler Rudolf Otto hat für die Theologie bindend erkannt, dass Gotteserfahrung immer beides ist: ein fascinosum und ein tremendum – faszinierend und abschreckend. In seinem Buch «Der Schrecken Gottes» legt Navid Kermani glänzend dar, wie Betende und Mystiker verschiedener Religionen mit dem abgründigen Gott hadern und ringen. Warum soll der Schöpfer-Gott, der jedes Leben unabänderlich in den Tod führt, den Menschen nicht auch in Versuchung bringen? Mit Leid und Tod versucht er ihn, an Gott und am Sinn des Lebens zu zweifeln. Auch Jesus am Kreuz hat er versucht, bis dieser resignierte: «Mein Gott, warum hast du mich verlassen?»

Das Gottesbild von Papst Franziskus ist zu einfach gestrickt. Gerade weil er es scharf vom Teufel abgrenzt. Fast zeitgleich mit seiner Vaterunser-Kritik warnte er die Gläubigen vor Satan als intelligenter, rhetorisch überlegener Person: «Wenn du anfängst, mit Satan zu sprechen, bist du verloren. Er verdreht dir den Kopf.» Indem Franziskus den Teufel für eine reale Person hält, verharmlost er gleichzeitig Gott.

Nicht weichspülen

Wir tun gut daran, das sperrige und abgründige Gottesbild nicht weichzuspülen. Der Gott, der existiert, ist womöglich ein anderer als der von uns vorgestellte und domestizierte. Obendrein sollte man einen über Jahrhunderte tradierten Text nicht ohne Not ändern.

Das Vaterunser, bei den Evangelisten Matthäus und Lukas bezeugt, gehört zum genuinen Wortgut des historischen Jesus. Wobei sein Gebet und sein Gottesbild durchaus erklärungsbedürftig bleiben. Das aber ist nicht Aufgabe des Textes selber, sondern von Katechese und Predigt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.12.2017, 19:07 Uhr

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