Und sie bewegt sich doch

Die katholische Kirche geht voran: Der Papst sagt, Evolutions- und Schöpfungstheorie schlössen sich nicht aus.

Ist Adam ein Produkt der Evolution? In der Theorie wäre das selbst für den Papst vorstellbar. Foto: Art Media

Ist Adam ein Produkt der Evolution? In der Theorie wäre das selbst für den Papst vorstellbar. Foto: Art Media

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Es ist einfach, den Papst zu belächeln. Er ist meistens alt und knorrig und immer weit weg. Vergangene Woche hat der aktuelle Papst Franziskus vor der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften gesagt, dass die Evolutionstheorie nicht im Gegensatz zur ­Überzeugung einer göttlichen ­Schöpfung stehe. Und damit auch nicht im Widerspruch zum katholischen Glauben stünde.

Die nun doch schon 150 Jahre alte Evolutionstheorie beschreibt und belegt anhand von Fossilienfunden, wie sich das Leben auf der Erde entwickelt hat. Jetzt hat also auch der Papst die wissenschaftlichen Fakten anerkannt. Das ist in der katholischen Kirche nichts Neues. Schon Papst Franzikus’ Vorgänger haben sich ähnlich geäussert, erstmals Papst Pius XII. 1950 in seiner Enzyklika «Humani generis». Und Johannes Paul II. hatte Galileo Galilei («Und sie dreht sich doch») bereits 1993 freigesprochen, 360 Jahre nach dessen Verurteilung.

Wie gesagt, es ist einfach, den Papst zu belächeln. Aber während sich die katholische Kirche immerhin bewegt, halten andere an ihrem Weltbild fest, koste es, was es wolle (und manche verdienen auch daran). Die Kreationisten etwa, die unverbrüchlich daran glauben, dass die Welt höchstens 6000 Jahre alt sei. Oder die Homöopathen, die ihren hoch verdünnten Mittelchen unverzagt Wundertaten zusagen, obwohl die Methode allen gesicherten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen widerspricht. Sie lassen sich auch durch negative Studienergebnisse in ihrem Glauben nicht erschüttern.

Schreib, wer du bist

Zum Trost: Es gibt noch andere, die sich von wissenschaftlichen Fakten nicht beirren lassen. Zum Beispiel die Anhänger der Grafologie. Diese besagt, dass sich in der Handschrift eines Menschen dessen Persönlichkeit widerspiegelt. Wie die Schrift geneigt sei, wie die Buchstaben verbunden seien und viele weitere Merkmale einer Handschrift würden ein schlüssiges Bild über den Charakter ergeben. Und sie liessen auch Prognosen über den künftigen Berufserfolg zu. Psychologen um den Osnabrücker Professor Uwe Peter Kanning haben in einer in Deutschland durchgeführten Untersuchung herausgefunden, dass 50 Prozent der Bevölkerung daran glaubten. Es gibt Hunderte von Studien, welche die Methode untersucht haben – mit ­verheerenden Befunden für die Grafologie. Es ist einfach nichts dran! Dennoch werden grafologische Gutachten von vielen Unternehmen immer noch zur Auswahl von ­Führungskräften eingesetzt.

Zugegeben, an uns allen perlen die öden Fakten manchmal ab wie der Morgentau an einem rosaroten Blütenblatt. Lieber suhlen wir uns unter der warmen Decke alter Klischees. Kannings Studie hat zum Beispiel gezeigt, dass fast drei Viertel der Bevölkerung glaubt, dass Frauen im täglichen Durchschnitt unglaublich viel mehr Wörter sprechen als Männer. Eigentlich schade, dass US-Wissenschaftler diese lieb gewordene Vorstellung 2007 in einer im renommierten Wissenschaftsmagazin «Science» erschienenen Studie widerlegten. Darin zeigte sich, dass Männer wie Frauen durchschnittlich täglich rund 16'000 Wörter reden. Aber keine Angst: Untersucht wurden nur ein paar Hundert amerikanische und mexikanische Studenten. Für uns muss diese Erkenntnis überhaupt keine Gültigkeit haben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.11.2014, 23:49 Uhr

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