Vagina-Monologe im Bild

Man braucht kein Photoshop, um mit Fotos Bauernfängerei zu betreiben.

Das harmlose Bild aus dem Fitnessstudio, neu interpretiert. Foto: Screenshot

Das harmlose Bild aus dem Fitnessstudio, neu interpretiert. Foto: Screenshot

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«15 wenig bekannte Fakten über die Vagina». Wer als Journalist, als Journalistin diesen Titel setzt, weiss, was er tut. Er geht aufs Ganze, will den Klick, die Quote, den Leser. Die Leserin will er nicht. Die nämlich kennt die Fakten naturgemäss natürlich.

Der Titel stand über dem Online-Artikel des Gratismediums, das diesem Haus gehört. Über den News-Wert gebietet der Respekt vor den Kollegen Schweigen. Immerhin gingen sie nicht so weit zu behaupten, dass die Vagina ein Langzeitgedächtnis besitzt. Oder hat ihr damals die New Yorker Autorin Eve Ensler ein Kurzzeitgedächtnis attestiert in ihrem haarigen Buch und späteren Off-Broadway-Erfolg «Vagina-Monologe»? Die Fakten sind verwirrend.

Das geht an die Nieren

Glasklar ist hingegen: Der hiesige «Fakten»-Bericht erschien mit Bildern. Doch es wurden nicht wie genre-üblich Illustrationen verwendet, gestellte oder inszenierte Fotos oder Symbolbilder, Fotomaterial mit symbolischem Charakter. Ganz im Gegenteil: Man zielte auf den Mann, besser auf die Frau – und peppte die Vagina-Anleitung mit einem Bild aus einem Fitnessstudio auf. Deutlich zu sehen, in ihrer Identität sofort erkennbar eine Frau, die eine Übung auf einem Gymnastikball absolviert.

Autor dieses Bildes ist der langjährige Keystone-Fotograf Peter Schneider. Er hatte es, circa 10 Tage vorher, in die Datenbank seiner Agentur zum Thema «Fitnessstudio» eingespeist. Schneider wollte das bestehende Material von Keystone aktualisieren und fotografierte zu diesem Zweck in dem Studio im Kanton Bern, in dem er selber Mitglied ist. Er tat das nach Absprache mit den Beteiligten und veröffentlichte die Bilder mit deren Zustimmung. Es ging ihm «an die Nieren», sagt er heute, dass seine Aufnahme aus jedem Zusammenhang gerissen und zur Bebilderung eines anderen Sachverhaltes verwendet worden sei.

Eine alte Kulturtechnik

Wer hat unter diesen Umständen noch Angst vor Photoshop? Wer 25 Jahre nach seiner Erfindung diesen Beauty-Salon für Bilder («Einmal waschen und schneiden!») zum Teufel wünscht, weil er ihnen das Lügen beigebracht haben soll, der ist auf einem Auge blind. Nicht erst seit Photoshop gehört das Manipulieren von Bildern zum Umgang mit Bildern. Bilder zu bearbeiten, ist eine Kulturtechnik und so alt wie das fotografische Bild selber. (Überhaupt: Wer weiss, ob Da Vincis Mona Lisa der nämlichen Dame überhaupt ähnlich sah?)

Die alten Fotomeister jedenfalls mit ihren chemischen, zeichnerischen Zaubertricks in der Dunkelkammer, auf den Negativen, auf den Glasplatten waren mindestens so findig wie die Pixel-Monteure heute.

Dass am medialen Bild getrickst wird, ist nicht zu ändern, denn jedes Medium will das Bild, das alle sehen wollen, und wenn man dafür Wasser zu Blut machen muss. Kurzum: Jedes Medienbild ist ein Propagandabild, denn es will uns etwas glauben machen. Doch wer noch immer glaubt, was er sieht, dem ist nicht zu helfen.

Oder doch? Vielleicht mit einer visuellen Alphabetisierungskampagne des Bundes, damit wir lernen, Bilder richtig zu lesen? Und nicht nur Buchstabenpropaganda? Die technische Manipulation von Bildern wird trotzdem nicht aus der Welt zu schaffen sein. Anders steht es um den manipulativen Einsatz von Bildern: Er ist der Preis eines Journalismus als Kampfzone. Die Wahrheit ist die erste Verliererin.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.03.2015, 20:39 Uhr

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