«Veganuary»: Jetzt wird der Januar auch noch vegan

Zum Jahresbeginn verzichten viele auf Alkohol – und immer häufiger auch auf Fleisch. Macht das Sinn?

Alternativen zu Rindsfilet gibt es viele: Vegane Speisen im Restaurant Tibits in Lausanne. Foto: Keystone

Alternativen zu Rindsfilet gibt es viele: Vegane Speisen im Restaurant Tibits in Lausanne. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Freundin, mit der man kürzlich noch ein Reh-Entrecôte an Pfeffersauce genossen hatte, schlägt für den nächsten Restaurantbesuch plötzlich das vegane Szenelokal vor. Detailhändler Coop hat gerade den fleischlosen «Beyond Burger» im Sonderangebot und lanciert nächste Woche Pouletgeschnetzeltes aus Erbsenfaser. Und bei der Fluggesellschaft Emirates werden in diesem Monat Tofu-Gemüse-Pfanne und Shitake-Ravioli an Bord serviert.

Was ist da los? Im Januar nehmen sich viele Menschen vor, gesünder zu leben: Kein Alkohol und wenig Süsses ist fast schon Standard. In dieser Saison aber – hinter uns liegt das Klimajahr 2019 – sind auch tierische Lebensmittel auf vielen Tellern gestrichen. «Veganuary», eine Wortschöpfung aus «vegan» und «january» heisst die Initiative, die Menschen ermuntern soll, sich im ersten Monat des Jahres rein pflanzlich zu ernähren. Sie wurde 2014 von einer britischen Nonprofitorganisation lanciert, seither machen jedes Jahr mehr Menschen mit.

Dass Detailhändler nicht aus Liebe zur Umwelt, sondern nur fürs Marketing auf vegan machen, braucht einen nicht zu kümmern.

Wer den «Veganuary»-Newsletter abonniert, erhält jeden Tag Rezepte und Durchhaltetipps in die Mailbox. Nach Angaben der Betreiber haben sich bisher eine halbe Million Menschen weltweit beteiligt. Dieses Jahr findet der «Veganuary» erstmals auch hierzulande statt – unterstützt von der Veganen Gesellschaft Schweiz. Sie schickt einem als erstes ein «Promi-Kochbuch», das Lust auf einen pflanzenbasierten Speiseplan machen soll («Madonna liebt diesen süssen, klebrigen Toffee-Pudding»). Sowieso, die Promis. Unter ihnen gehört es mittlerweile zum guten Ton, sich zum veganen Lifestyle zu bekennen. Es ist nur eine halbe Revolution, dass die Hollywoodstars an der Preisverleihung der Golden Globes vergangenes Wochenende erstmals mit einem veganen Mehrgänger verköstigt wurden. Angeregt soll dies der Schauspieler Joaquin Phoenix haben, der seit Kinderjahren auf Tierisches verzichtet.

Dass viele Schauspieler im Privatjet aus aller Welt nach Los Angeles geflogen sind und die Pflanzen aus Ecuador und Italien importiert waren, lassen wir jetzt mal stehen. Auch beim «Veganuary» stellt sich einmal mehr die Frage der Konsequenz. Mit der Klimadiskussion hat ein leidiger Wettbewerb um die Deutungshoheit in der Ökofrage begonnen. Vegetarier müssen sich vorwerfen lassen, sie seien nicht konsequent, weil sie mit dem Flugzeug in die Ferien fliegen, während Eltern gleich ganz das ökologische Bewusstsein abgesprochen wird, weil sie ja mit ihrem Nachwuchs ohnehin die grössten CO2-Schleudern in die Welt gesetzt haben. Gleich kann man beim «Veganuary» argumentieren: Ist es nicht heuchlerisch, während vier Wochen im Jahr auf Fleisch, Eier und Milch zu verzichten – und dann wieder ins Steakhouse zu gehen? Und ist der Umwelt wirklich geholfen mit einer veganen Fertigpizza aus dem Karton, die im Discounter zum Spottpreis im Kühlregal liegt?

Die Einwände haben ihre Berechtigung, klar. Man kann die Sache aber auch anders betrachten. Es geht ja nicht darum, sich gleich das «Veganer»-Label anzuheften – sondern wenigstens ab und zu eine andere Ernährung auszuprobieren, festzustellen, dass es auch Alternativen zu Rindsfilet und Tiramisú gibt. Dazu können Aktionen wie der «Veganuary» ihren Beitrag leisten. Und dass viele Detailhändler, Restaurants und Take- aways im Januar nicht aus Liebe zur Umwelt, sondern nur fürs Marketing auf vegan machen, braucht einen nicht zu kümmern: Aus Überzeugung müssen die Konsumenten handeln, nicht die Unternehmen.

Erstellt: 09.01.2020, 17:26 Uhr

Artikel zum Thema

Würden Sie dieses «Poulet» essen?

Ein Schweizer Start-up produziert veganes Geflügelfleisch – und könnte unsere Essgewohnheiten umkrempeln. Mehr...

Indonesisch und vegan? Passt bestens zusammen

Das Gericht Das Dapur in Oerlikon mischt zwei Küchen, die man in Zürich nicht so häufig antrifft. Und füllt damit eine Lücke. Mehr...

Diese Rüebli sind aus Trutenfleisch

Video Als Antwort auf den Vegan-Hype experimentiert das US-Unternehmen Arby's mit einem Gemüseersatz aus Fleisch, den «Meat Vegetables» – oder kurz «Megetables». Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...