«Vergessen Sie das Frühstück, es ist als Mahlzeit überbewertet»

Weshalb wir zu oft essen, erklärt Ärztin und Autorin Petra Bracht. Sie schwört auf tägliches mehrstündiges Fasten.

Der Teller bleibt leer: Laut Verfechtern des Intervallfastens sind zwei Mahlzeiten pro Tag genug. Foto: Christina Holmes (plainpicture)

Der Teller bleibt leer: Laut Verfechtern des Intervallfastens sind zwei Mahlzeiten pro Tag genug. Foto: Christina Holmes (plainpicture)

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Frau Bracht, Ihr «Intervallfasten» ist der Bestseller unter mehreren Büchern, die in letzter Zeit zu diesem Thema erschienen sind. Intervallfasten ist buchstäblich in aller Munde. Ist es mehr als einfach nur eine weitere Modediät?
Intervallfasten nach meiner Methode – mit spezieller Ernährung und eigens entwickelten Bewegungsübungen – ist keine Diät.

Sondern?
Eine Lebensweise. Intervallfasten liegt im Trend, ist aber keine neue Erfindung, sondern wird von amerikanischen Naturheilkundlern schon lange propagiert. Ich selber mache das nun seit über 30 Jahren und halte es für die beste Ernährungsform für ein gesundes und langes Leben. Es ist durch Hungerzeiten genetisch in uns eingebaut. Die Idee dahinter ist einfach: Dadurch, dass ich nicht ständig esse, sondern temporäre Fastenphasen habe, tue ich meinem Körper Gutes. Er will nicht dauernd verdauen, sondern braucht Ruhephasen.

Wofür?
Während des Fastens findet die sogenannte Autophagie statt, die Selbstverdauung und Wiederverwertung von Abfallstoffen in unseren Zellen. Stellen Sie sich diesen Vorgang so vor: Nachdem man etwa zwölf Stunden gefastet hat, macht sich ein «Abfallentsorgungs- und Reparaturtrupp» auf den Weg. Er entfernt nicht nur die Altlasten im Organismus, sondern recycelt sie.

Dass regelmässiger temporärer Nahrungsverzicht positive Effekte auf die Gesundheit haben kann, belegen erst Versuche an Mäusen. Kann man die Resultate ohne weiteres auf Menschen übertragen?
Es gibt schon auch Studien mit Menschen, welche die positiven Effekte belegen. Diese decken sich mit den Beobachtungen, die ich seit Jahrzehnten bei meinen Patienten mache. Nur ein paar Beispiele: Intervallfasten kann asthmatische Beschwerden lindern, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Verdauungsprobleme und sogar Altersdiabetes heilen, da die Fastenzeiten der Bauchspeicheldrüse die Ruhephasen geben, die sie benötigt, um sich wieder zu regenerieren.

Eignet es sich auch zum Abnehmen?
Ja, absolut. Intervallfasten heizt die Fettverbrennung an und lässt insbesondere das Bauchfett schmelzen, das unter anderem so ungesund ist, weil es viel mehr entzündungsverursachende Hormone als andere Fettgewebe produziert.

Es gibt diverse Varianten. Bei der 8:16-Methode etwa darf man täglich 8 Stunden essen und muss danach 16 Stunden fasten. Bei der 5:2-Methode verzichtet man an zwei ganzen Tagen pro Woche aufs Essen. Sie propagieren die erste Variante. Warum?
Weil sie besser in den Alltag integrierbar ist. Und weil es – das sehe ich bei meinen Patienten – vielen sehr schwerfällt, ganze Fastentage einzuhalten. «Nur» 16 Stunden zu fasten, damit haben die meisten nach ein paar Tagen Eingewöhnungszeit null Probleme.

Am besten in den (Familien-)Alltag integrierbar ist wohl für viele Intervallfastende, auf das Frühstück zu verzichten und zum Beispiel nur zwischen 12 und 20 Uhr zu essen. Ist denn das Frühstück nicht die wichtigste Mahlzeit? Stichwort «Frühstücke wie ein Kaiser …»
Das ist eine alte Faustregel, die wissenschaftlich nicht haltbar ist. Viele Leute haben morgens keinen Appetit, frühstücken aber trotzdem, weil es angeblich so wichtig ist. Denen sage ich: Wenn ihr morgens nicht essen mögt, vergesst das Frühstück, es ist eine überbewertete Mahlzeit. Tatsache ist: Wer morgens fastet, geht wacher und mit klarerem Kopf in den Tag, weil der Körper nicht gleich nach dem Aufwachen schon wieder mit Verdauen beschäftigt ist.

Sie sagen auch, ideal seien nur zwei oder höchstens drei Mahlzeiten pro Tag. Was ist mit den 5 bis 8 über den Tag verteilten kleinen Essensportionen, die gemäss vielen Ernährungsexperten für eine gesunde Verdauung sinnvoll sind?
Diese Vorgabe ist überholt. Die Ernährungswissenschaft empfiehlt heute: drei Mahlzeiten pro Tag und keine Zwischenmahlzeiten, denn die belasten unser Verdauungssystem permanent.

Ich kann ohne Kaffee nicht sein und bin kein Anhänger veganer Ernährung. Sie propagieren, möglichst auf Koffein und tierische Produkte zu verzichten. Ist Intervallfasten also nichts für mich?
Als Ärztin beschreibe ich im Buch das Optimum. Kaffee ist wegen des Koffeins nicht gut. Und ich halte es für erwiesen, dass überwiegend pflanzliches Essen für uns das Beste ist. Aber wenn Sie gesund sind und auf eine hochwertige, ausgewogene Ernährung achten, dann sind ein, zwei Tassen Kaffee pro Tag und ein-, zweimal pro Woche ein tierisches Produkt zwar suboptimal, aber okay. Das Schöne am Intervallfasten ist ja: Anders als bei vielen Diäten darf man fast alles essen und so viel man will. Kein Kalorienzählen, kein Verzicht. Und es macht auch nichts, wenn man sich ab und zu nicht ans vorgegebene Zeitfenster hält.

Und wie lange soll respektive darf man eigentlich intervallfasten?
Wie eingangs gesagt: Intervallfasten ist, gepaart mit regelmässiger Bewegung, eine Lebensweise. Von daher: so lange man will.


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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.05.2018, 18:22 Uhr

Petra Bracht (62) ist in Bad Homburg (D) als Ärztin für Allgemeinmedizin und Naturheilverfahren und als Autorin von Gesundheitsbüchern tätig. Ihr aktuelles Buch: «Intervallfasten», GU-Verlag.

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Es spricht nichts dagegen

Schulmedizin

Essen, was man will, aber zum Beispiel nur während 8 Stunden pro Tag: Intervallfasten, auch intermittierendes Fasten genannt, ist gerade in Mode. Ist diese von Naturheilkundlern entwickelte Ernährungsform auch aus schulmedizinischer Sicht sinnvoll? Philipp Gerber, Leiter Klinische Ernährung am Universitätsspital Zürich, antwortet darauf mit einem «Ja, aber»: «Es spricht nach heutigem Wissensstand zumindest nichts gegen das Intervallfasten. Es gibt im Gegenteil Hinweise darauf, dass es etwa auf gewisse Stoffwechselmechanismen positive Auswirkungen hat.» Allerdings fehlten bislang langfristige Studien am Menschen, weswegen man nicht sagen könne, das sei nun aus ernährungswissenschaftlicher Sicht die präferierte Methode. Egal, ob mit oder ohne Fasten: Die Ernährung, so Gerber, sollte möglichst ausgewogen sein. (wü)

Intervallfasten: Unser Redaktor hat es ausprobiert

Der Anfang war hart. Das hat wohl auch damit zu tun, dass ich meinen einmonatigen Intervallfasten-Selbstversuch nach der 8:16-Variante, bei der man während 16 von 24 Stunden auf feste Nahrung verzichtet, gleich nach Ostern gestartet habe, als mein Körper noch voll im Völlerei-Modus (Osterfladen! Eiertütschen! Schoggihasen!) war. Dass das Frühstück eigentlich meine liebste Mahlzeit des Tages ist, ich diese aber aus Gründen der Sozialverträglichkeit ausliess und meine Esszeiten zwischen 12 und 20 Uhr legte. Und dass ich ein Snack-Fetischist bin (hier ein Riegel, da eine Banane, dort ein Guetsli), während beim Intervallfasten möglichst auf Zwischenmahlzeiten zu verzichten ist.

Zu Beginn war ich morgens, mit nur einem schwarzen Kaffee im Bauch, mies gelaunt, verfluchte im Lauf des Vormittags meine daueressenden Redaktionskollegen und litt gegen Mittag unter Kopfweh und Schwindelgefühl. Aber: Nach drei Tagen war das Thema buchstäblich gegessen. Mein Körper und mein Kopf speicherten offenbar recht rasch ab, dass es nun mal morgens nichts mehr gibt. Fortan kam ich bis zum Zmittag problemlos nur mit (viel) Wasser über die Runden. Die Lust aufs ständige Naschen verschwand sukzessive. Und ich fühlte mich subjektiv wacher, vifer als zuvor. So vif, dass ich nun vorderhand weiter intervallfaste. Ach ja: Ich habe im ersten Fastenmonat, in dem ich viermal pro Woche Sport getrieben habe, zwei Kilo abgenommen. Das ist jetzt kein Ergebnis, bei dem einem die Kinnlade herunterfällt. Aber: Es kam ohne Verzichtgefühl zustande. Und ohne Kalorienzählerei, da man beim Intervallfasten zwar nur in einem vorgegebenen Zeitfenster essen darf – dafür aber alles, worauf man Lust hat. (wü)

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