«Viele Menschen missverstehen Erholung als Nichtstun»

Der Arzt Jürg Kuoni ist darauf spezialisiert, den Stress seiner Patienten zu messen. Er sagt, dass reine Strandferien nichts zur Regeneration beitragen würden.

Stressspezialist: Jürg Kuoni bezweifelt, dass die Menschen heute gestresster sind als früher.

Stressspezialist: Jürg Kuoni bezweifelt, dass die Menschen heute gestresster sind als früher. Bild: Doris Fanconi

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Sie hatten soeben Ferien. Sind Sie erholt?
Ja. Wobei ich vor meinen Ferien nicht gestresst war, das hilft. Aber ich habe mich in meinen Ferien sogenannt aktiv regeneriert.

Aktiv regeneriert? Wie geht das?
Indem man etwas tut und Spass dabei hat, aber nicht übertreibt. Zum Beispiel wandern oder regelmässiges Schwimmen. Verbindet man dies mit entspannenden Tätigkeiten wie Lesen, Museumsbesuchen oder Musik hören, sind das erholsame Ferien.

Am Strand liegen und nichts tun wäre auch erholsam.
Nein, das ist es nicht. Das ist ganz schlecht, so erholen Sie sich nicht. Herausforderungen, körperliche oder geistige, sind lebensnotwendig. Ohne verkümmern wir. Wir müssen uns fordern.

Glaubt man neuen Untersuchungen, erholen sich zahlreiche Menschen selbst in den Ferien nicht mehr. Was ist der Grund?
Ich gehe vorsichtig mit solchen Untersuchungsergebnissen um. Sie beruhen meist auf Befragungen, nicht auf harten Daten. Ausserdem ist das Thema medial aufgebauscht. Wie gesagt, viele Menschen missverstehen Erholung als Nichtstun, aber Nichtstun ist keine Erholung.

Die Menschen sind heute gar nicht gestresster?
In beruflicher Hinsicht glaube ich nein. Ich bezweifle, dass ein 10-Stunden-Tag an einem Industrieförderband vor 60 Jahren weniger Stress bedeutete als unser 8-Stunden-Tag im Dienstleistungsbetrieb. Stress am Arbeitsplatz bedeutet ja unter anderem wenig Autonomie, viele Pendenzen, wenig Anerkennung. Auf höherer Managementstufe hat der Stress sicher zugenommen, diese Menschen sind gestresster, sie müssen ihre Mails auch in der Freizeit zwingend durchsehen und beantworten, weil diese oft rasche Entscheidungen verlangen. Die wenigsten von uns bewegen sich allerdings auf dieser Stufe.

Was verursacht den grössten Stress?
Der soziale Status ist ein Stressfaktor, genauso exzessives Freizeitverhalten und die Informationsflut elektronischer Medien. Doch auch familiäre Belastungen können Grund für enormen Stress sein, wie Krankheit, Beziehungsprobleme, Scheidung, das Aufbringen von Zeit für die Kinder als alleinerziehender Elternteil. Es ist enorm wichtig, dass Menschen, die stark eingespannt sind, regelmässige Ruhezeiten einplanen. Sie müssen lernen, sich aktiv zu entspannen, sonst gerät der Körper aus dem Gleichgewicht – und der konstante Stresszustand macht krank.

Von welchenRuhezeiten sprechen Sie? Reichen ein paar Minuten täglich?
Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort. Der Umgang mit Stress ist sehr unterschiedlich. So ist es auch mit der Regeneration. Je höher die subjektive Stressbelastung und je länger die Stressphase, desto mehr Zeit braucht man für die Erholung. Doch schon 20 Minuten tägliche Entspannung sind sicher hilfreich.

Sie haben sich auf das Messen von Stress spezialisiert. Wie tun Sie das?
Ich messe mit meinem Team nicht den eigentlichen Stress, sondern einen Parameter davon, die Herz-Rhythmus-Flexibilität – also die Schwankungen des Pulses. Der Puls muss sich in jeder Situation den körperlichen Bedürfnissen anpassen, er variiert darum auch in Ruhe. Das merkt man, wenn man verlegen oder nervös ist. Diese Anpassungsfähigkeit des Pulses steht für das Gleichgewicht des autonomen Nervensystems. Es steuert alle körperlichen Funktionen, die wir willentlich nicht beeinflussen können – wie Blutdruck, Verdauung, Immunsystem oder Muskelspannung. Indem wir den Puls während 24 Stunden mittels zweier Elektroden messen, erfahren wir viel über das Stressniveau des Patienten. Insbesondere die nächtlichen Daten sind aufschlussreich.

Was zeigen die nächtlichen Messdaten?
Ob der Puls runterkommt, sich normalisiert, wieder mit der Atmung synchrone Schwankungen aufweist. Gerade in der Nacht ist es extrem wichtig, dass sich das autonome Nervensystem normalisiert und so der Körper im Gleichgewicht ist. Beruhigt sich der Puls bis in den Morgen nicht, haben wir diese Balance nicht erreicht, wir sind ungenügend regeneriert. In diesem Fall spricht man von chronischem Stress.

Das zeigt sich wohl auch in Schlafstörungen.
Ja, auch. Nächtliches Aufwachen und nicht mehr Einschlafen können ist typisch für chronischen Stress. Es muss allerdings nicht damit zusammenhängen. Es gibt auch Menschen, die schlafen von Natur aus schlecht und wachen immer wieder auf. Wobei ich betonen möchte, dass ein Erwachsener in der Regel mindestens sechs Stunden schlafen sollte. Wer behauptet, er schlafe im Schnitt weniger, macht sich und anderen etwas vor – und er gefährdet sich selbst. Chronischer Stress ist schädlich, und die Folgen davon werden noch stark unterschätzt.

Zuvor sagten Sie, Stress werde medial aufgebauscht. Was gilt nun?
Ich meinte, dass mit dem Wort Stress zu salopp umgegangen wird. Es ist heute ja gar nicht fein, im Job keinen Stress zu haben. Alle klagen darüber, es gehört dazu. Die Gefahren von wirklichem und vor allem chronischem Stress allerdings werden unterschätzt. Solcher Stress kann krank machen. Herzkrankheiten, Magen-Darm-Probleme, geschwächtes Immunsystem, reduzierte Libido, Stoffwechselstörungen oder Depressionen sind die Folge.

Was raten Sie einem Menschen mit hohen Stresswerten?
Wir suchen gemeinsam Wege, wie er sich aktiv entspannen kann. Diese aktive Regeneration soll auch in kurzen Pausen während des Arbeitstages stattfinden. Die Atmung spielt dabei eine zentrale Rolle. Menschen, die gestresst sind, atmen flach und schnell. Ruhiges und tiefes Atmen dagegen stimuliert den Parasympathikus, also den Anteil des autonomen Nervensystems, der für Regeneration steht.

Sie bringen den Patienten richtiges Atmen bei?
Ja. Es klingt banal, das sage ich auch meinen Patienten. Um ruhiger zu werden, sollen sie lernen, richtig zu atmen. Tief einatmen und ruhig ausatmen. Das hat nichts mit Esoterik oder dergleichen zu tun, sondern mit Physiologie. Mit der Zeit gelingt es, den Herzrhythmus mit der Atmung zu koppeln. Ist die Atmung ruhig und regelmässig, ist auch der Herzrhythmus entsprechend, und die Balance des autonomen Nervensystems stellt sich ein. Ob die Menschen dies durch Meditation, Autogenes Training, Yoga oder leichten Dauerlauf erreichen, ist nicht so wichtig. Hauptsache, sie tun es.

Erstellt: 29.10.2013, 08:38 Uhr

Jürg Kuoni

Der Zürcher Arzt Jürg Kuoni (68) hat sich mit seiner Firma Heartcheck.ch auf die Messung von Stress spezialisiert. Anhand einer 24-stündigen Messung der Herzfrequenz beurteilt er das Stressniveau. Er erarbeitet mit den Patienten Strategien, wie sie Stresssituationen bewältigen und sich vor krank machendem Stress schützen können. (TA)

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