Vielleicht auch mal im Stehen pinkeln

Immer mehr Männer, die als Frauen geboren wurden, outen sich. Auch Georges fühlt sich erst dank Operation und Hormonbehandlung endlich wohl in seinem Körper. Ist er jetzt ein richtiger Mann?

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Und plötzlich sah sie nur noch Geschlechtsteile. Keine Menschen mehr, sondern «hier einen Arsch, da Brüste, dort einen Adamsapfel». Primärreize, überall. «Ich war sexuell komplett übersteuert», sagt die Person, die damals Frau war und heute Mann ist. Es war vor acht Jahren, Georges noch mit Frauennamen und -körper unterwegs. Er war 33 und hatte eben erst begonnen, sich mit Testosteron zu behandeln, dem männlichen Hormon, das er bis an sein Lebensende täglich wird einnehmen müssen.

Das Hormon tat ganze Arbeit: «Auf einmal explodierte ich fast vor Energie, wurde schneller aggressiv und konnte nicht mehr weinen.» Was sonst kaum ein Mensch beurteilen kann, hat Georges am eigenen Leib erfahren: Wie anders es sich anfühlt, als Mann zu leben statt als Frau. Innerhalb weniger Wochen begann die Stimme zu zittern und tiefer zu werden, Haare sprossen in Gesicht, auf Brust, Beinen und Armen, Rundungen wurden kantiger.

Der Horror wachsender Brüste

Georges kam biologisch eindeutig als Mädchen zur Welt. Doch fühlte sich das Mädchen nie als weibliche Person. Mit drei versuchte es sich zu rasieren und zeigte die blutige Wange stolz den verdatterten Eltern. Diese akzeptierten den Wunsch ihrer Tochter, keine Röcke oder Rosa zu tragen, und konnten nichts dagegen tun, als sie sich in eine Frau verliebte. «Ich hätte nie mit einem Mann zusammen sein können, weil der mich ja als Frau gesehen hätte! Mit einer Frau konnte ich den männlichen Part übernehmen.» Georges hat viel über seine geschlechtliche Identität nachgedacht. Und redet offen über sein Trauma: «Es war der grösste Horror, als Periode und Brustwachstum einsetzten. Ich wünschte, dass ich einschlafen könnte und dann alles wieder weg sei, weil es doch falsch war und nicht sein durfte.» Aber es hörte nicht auf: Die Brüste wuchsen, das Unwohlsein im eigenen Körper auch – und die Pullover. Georges versteckte seine Weiblichkeit in übergrossen Kleidern. Und stürzte in eine tiefe Krise, als die Beziehung kaputtging. Entschied sich aber, «durchzustarten, neu anzufangen».

Neuanfang hiess: Sich bei einem Psychiater als transsexuell diagnostizieren zu lassen, um mit Hormonbehandlung und Operation den Traum vom Mann-sein realisieren zu können. Transsexualität gilt in der Schweiz als psychische Krankheit, entsprechende Behandlungen bezahlen die Krankenkassen. Gesicherte epidemiologische Zahlen zu den Transsexuellen hierzulande fehlen. Schätzungen gehen von 450 Personen aus, die Hälfte davon hormonell und operativ behandelt. Gemäss Studien aus dem Ausland dürfte die Zahl rund zehnmal grösser sein.

Ein Mann ohne Penisersatz

Über Medien und Autobiografien längst bekannt sind Männer, die zu Frauen werden. In jüngster Zeit nimmt in der Schweiz aber die umgekehrte Geschlechtsangleichung zu. «Das Verhältnis beträgt mittlerweile nahezu eins zu eins», sagt Pietro Giovanoli, Professor und Direktor der Klinik für Plastische Chirurgie und Handchirurgie des Universitätsspitals Zürich. Warum diese Trendwende? Giovanoli spricht von einem «Nachholbedarf». Die Operation von Frau zu Mann sei komplexer als umgekehrt; die medizinischen Fortschritte der letzten Jahre wirkten ermutigend.

Für Georges war das Internet zentral: «Ich wusste lange nicht, dass das möglich ist – und saugte dann alle Informationen auf.» Er sitzt in seiner Viereinhalbzimmerwohnung in einer Zürcher Landgemeinde, umgeben von posierenden Männern aus dem «Bauernkalender», Lighthouse-Bären und Ikea-Möbeln. Er ist zwei Zentimeter grösser als vor der Hormonbehandlung, für einen Mann jedoch auffällig klein mit 1,62 Metern. Trotzdem findet man wenig Frau in diesem Mann. Vielleicht die feinen Hände? Brüste, Eierstöcke und Gebärmutter wurden vor fünf Jahren wegoperiert – «Das war eine Befreiung: endlich weg mit dem Zeugs.»

Was macht einen Mann aus?

Ist er jetzt ein richtiger Mann? Oder besser: Was macht einen Mann aus? Georges tritt auf den weiten leeren Balkon seiner Neubauwohnung und zündet sich eine Zigarette an. Einen konstruierten Penisersatz, Penoid genannt, hat er nicht, die Komplikationsrate der Operation ist mit 50 Prozent sehr hoch. Das bleibt ein Problem. Weil das Ding den Mann ausmacht. Und er damit im Stehen pinkeln könnte – heute tut er dies sitzend auf Männertoiletten. Aber das Sexuelle und Körperliche ist nur ein Aspekt seiner Geschichte.

Georges wirkt in Gestik und Mimik männlich. Er geht breitbeinig und musste dies nicht lernen; seine Mutter hatte schon früher gemahnt, das Kind solle nicht wie ein Bauer gehen. Gefällt er sich? «Bei Transsexuellen spielt auch Narzissmus mit: Du willst nicht ein Mann sein, sondern d e r Mann.» So hilft Georges seinen Muskeln mit Training nach. Und fährt gerne mit dem schweren Töff – einer gelben Honda Rebel – zur Arbeit in ein Zürcher Altenpflegeheim. Dort ist er als diplomierter Psychiatriepfleger Leiter des Nachtdienstes. Nachtarbeit. Also doch Flucht vor der Gesellschaft? «Ich entschied, nachts zu arbeiten, um Angehörige nicht zu verwirren und den Betrieb nicht zu stören.» Dennoch wurde er als Führungsperson an einem früheren Arbeitsort als «nicht glaubwürdig» beurteilt, als er sich outete.

Aus ganz normaler Familie

Seine heutigen Vorgesetzten sind über seine Vergangenheit informiert, denn seine alten Arbeitszeugnisse lauten auf den Frauennamen. Die neuen Zeugnisse und alle offiziellen Papiere weisen ihn als Mann aus. Kein Grund also, seine «Transgeschichte» publik zu machen. Warum tut er es doch? Und reiht sich damit in eine wachsende Gruppe von Coming-outs: Vor kurzem zeigte sich die Tochter von Pop-Diva Cher als Mann, vorletztes Jahr liess der Zürcher Parlamentarier Alecs Recher die Öffentlichkeit an seiner Geschlechtsangleichung von der Frau zum Mann teilhaben, und jüngst erschien die Autobiografie von Balian Buschbaum, einer ehemaligen deutschen Spitzensportlerin, dokumentiert mit eindrücklichen Bildern.

Woher die Lust auf Aufmerksamkeit? «Solche Geschichten sind gut, weil sie zeigen, dass es uns gibt. Und es gibt mehr von uns, als man meint», sagt Georges. Er will betonen, dass nicht alle eine schwierige Kindheit hinter sich haben und sich als Transsexuelle prostituieren. «Viele leben ganz normal, wie ich.» Sein nahes Umfeld hat ausnahmslos positiv reagiert auf seine Umwandlung; die Eltern allerdings schaffen es kaum, den «richtigen Namen» und das adäquate Personalpronomen zu verwenden. Georges findet das legitim. Auf einem Schrank steht das gerahmte Foto von ihnen. «Niemand muss verstehen, was es heisst, transsexuell zu sein. Aber akzeptieren kann man es.»

Geschlechterfrage bloss noch ein Teil seines Alltags

Die Geschlechterfrage ist mittlerweile bloss noch ein Teil seines Alltags. «Ich bin in erster Linie Mensch.» Seit einem Jahr ist er mit einem Mann zusammen. Nun auch noch schwul? Das ist definitiv zu kompliziert zum Erklären. Aber gut für Georges. «Ich habe ein wunderbares Leben. Mir geht es gut.» Auch wenn er selbst noch viele Fragen hat: Wie werden andere mit ihm umgehen, wenn er mal pflegebedürftig sein sollte und man nicht vorfindet, was man von einem Mann erwartet? Oder: «Wie sehe ich auf einem Nacktscanner am Flughafen aus? Werde ich für einen Terroristen gehalten, oder ist das Personal geschult?»

Und immer wieder: Was macht einen Mann aus? Georges versucht, sich nicht irrezumachen. «Ich kann mit solchen Unklarheiten leben.» Schliesslich hat er auch gelernt, nicht nur Ärsche zu sehen, sondern Menschen.

Balian Buschbaum: Blaue Augen bleiben blau. Mein Leben. Krüger, Frankfurt am Main 2010, 253 S., ca. 33 Fr.

Antrittsvorlesung von Bernd Krämer, Oberarzt an der psychiatrischen Poliklinik des Universitätsspitals Zürich: «Vertauschte Rollen – Tootsie oder Transsexualismus», 8. Mai, 10 Uhr in der Aula der Universität Zürich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.04.2010, 07:40 Uhr

Die Operation war eine Befreiung für Georges: «Endlich weg mit diesem Zeugs». (Doris Fanconi)

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