Vier-Tage-Woche für alle – ein Modell für die Schweiz?

Eine neuseeländische Firma machts vor: Sie führt die Vier-Tage-Woche ein – bei vollem Lohn. Unklar ist, ob sich das längerfristig auszahlt.

Ein Tag mehr Freizeit pro Woche: Dass das wirtschaftlich rentiert, hat ein Unternehmen in Neuseeland gezeigt.

Ein Tag mehr Freizeit pro Woche: Dass das wirtschaftlich rentiert, hat ein Unternehmen in Neuseeland gezeigt. Bild: Keystone

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Ab November können alle Angestellten einer neuseeländischen Firma wählen, ob sie für den gleichen Lohn vier oder fünf Tage arbeiten wollen, sofern sie ihre Arbeitsziele erreichen. Der Geschäftsführer des Vermögensverwalters Perpetual Guardian reagiert damit auf ein Problem: Fast die Hälfte seiner 240 Angestellten gab bei einer Umfrage an, unter langen Arbeitszeiten zu leiden. Familie und Job zu vereinbaren und in beiden Bereichen leistungsfähig zu bleiben, empfanden sie als Zerreissprobe. Der Chef fackelte nicht lange und lancierte ein Pilotprojekt: Vier-Tage-Woche für Fünf-Tage-Lohn.

Das Ergebnis nach einer zweimonatigen Testphase war eindeutig: 78 Prozent der 240 Angestellten – also rund ein Viertel mehr als zuvor – waren mit ihrer Work-Life-Balance zufrieden. Der Stresspegel nahm um 7 Prozent ab. Und das Beste: Obwohl einen Tag pro Woche weniger gearbeitet wurde, blieb die Produktivität stabil. Mit anderen Worten: Die Mitarbeitenden hatten ihre Effizienz gesteigert.

Obs langfristig funktioniert, ist unklar

Warum also sollten wir noch fünf Tage die Woche schuften? Das vielversprechende Resultat erstaunt die Arbeitspsychologin Angelika Kornblum von der ETH Zürich kaum. Es gab bereits in anderen Ländern solche Testläufe, bei denen die Mitarbeiter nicht nur zufriedener, sondern auch produktiver waren. Doch Kornblum gibt zu bedenken: «Modellversuche dieser Art kommen bei Angestellten immer gut an und erzielen auch positive Effekte, sie sagen jedoch wenig über langfristige Perspektiven aus.»

Die Beschäftigten sind im ersten Moment motiviert, weil sie dem Arbeitgeber für sein Entgegenkommen etwas zurückgeben wollen. Doch ob sich diese Euphorie auch dann in der Arbeitsleistung niederschlägt, wenn die Vier-Tage-Woche zur Norm wird, ist laut Kornblum nicht erforscht.

Die Vier-Tage-Woche birgt zudem die Gefahr, dass der Stress bloss verlagert wird. Während der Testphase in der neuseeländischen Firma hatte sich herausgestellt, dass der Koordinationsaufwand zum Teil gestiegen war, weil nicht immer alle Ansprechpartner anwesend waren. Fiel jemand krankheitsbedingt oder ferienhalber aus, kam es zu einer grösseren Belastung der anderen.

Ausserdem hatten die Angestellten pro Tag teilweise länger gearbeitet als während der Fünf-Tage-Woche. «Ein sehr eng getakteter Arbeitstag kann sich zudem negativ auf die sozialen Kontakte am Arbeitsplatz auswirken», gibt Kornblum zu bedenken. Ein regelmässiger Schwatz mit den Bürogspänli sei wichtig für den Teamzusammenhalt und das Arbeitsklima.

Schweizer haben eine hohe Arbeitsmoral

Doch ganz unabhängig von den Vor- und Nachteilen: Eine Vier-Tage-Woche bei einem Fünf-Tage-Lohn hätte in der Schweiz wohl schlechte Chancen. Denn in kaum einem anderen Land ist die Arbeitsmoral so hoch wie bei uns. 2012 haben Stimmberechtigte eine zusätzliche Ferienwoche an der Urne sogar abgelehnt – aus Angestelltensicht ziemlich ungewöhnlich.

Offenbar haben Schweizer Arbeitnehmer den kapitalistischen Ökonomiegedanken so sehr verinnerlicht, dass sie sich freiwillig mehr Freizeit verbieten. Als wären sie selbst die Firma und müssten Angst haben, dass eine zusätzliche Ferienwoche die Wirtschaft schädigt.

Kommt hinzu, dass wir uns in immer mehr Lebensbereichen über Leistung definieren. Wer im Job keinen Stress hat, gilt schnell als unbedeutend oder gar als faul. Deshalb ist es entscheidend, auf welche Weise man flexible Arbeitsmodelle in Unternehmen umsetzt, wie Angelika Kornblum sagt. «Wie bei der neuseeländischen Firma muss eine Vier-Tage-Woche von den Vorgesetzten akzeptiert sein, sonst könnte es zu Stigmatisierung von Mitarbeitern kommen.»

Konkret bedeutet das zum Beispiel: Wenn in einem Unternehmen Homeoffice-Tage zwar angeboten werden, aber verpönt sind, werden Mitarbeitende beargwöhnt, wenn sie dieses Angebot nutzen. «Je nach Unternehmenskultur unterstellt man ihnen, dass sie sich im Job weniger engagieren, was dann auch für ihre Karriere negative Konsequenzen haben kann», erklärt Kornblum.

Ein Allerheilmittel für mehr Zufriedenheit am Arbeitsplatz ist die Vier-Tage-Woche also nicht, aber eine denkbare Möglichkeit. Doch solange es in der Schweiz Beschäftigte gibt, die auch mit einem 80-Prozent-Pensum finanziell gut über die Runden kommen, werden Unternehmen kaum einen Fünf-Tage-Lohn für vier Tage Arbeit hinblättern.

Erstellt: 05.10.2018, 09:02 Uhr

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